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          Mladen Pejaković

          Nenad Gattin

 

 

 

            Die altkroatische sakrale     

                      Architektur 

 

                                                         Auszüge

                                                                                                        

 

 

 

 

Alle Rechte beim Verlag

 

KRĆANSKA SADANJOST

NAKLADI ZAVOD MATICE HRVATSKE

ZAGREB

 

Original :

Mladen Pejaković       Nenad Gattin

STAROHRVATSKA SAKRALNA ARHITEKTURA

 

 

Übersetzung aus dem Kroatischen: 

Dr. med. Albrecht Preusser

Seetorstrasse 5    31737 Rinteln

 

Im November 2003

 

 

 

Die altkroatischen Kirchlein, verstreut in den Ausweglosigkeiten unserer Gestade oder verloren innerhalb der Schichten der urbanen Ablagerungen, jedoch zahlreich für einen so großen Raum, geben Zeugnis vom fruchtbarsten Zeitabschnitt der kroatischen Baukunst. In Vergessenheit geraten und aufs Neue entdeckt, nehmen sie immer mehr unsere Aufmerksamkeit in Anspruch.

Im fotographischen Teil dieses Buches habe ich von ihnen viele ausgelassen, nicht aufgrund ihrer geschichtlichen Bedeutung oder ihrer architektonischen Besonderheit. Dieses Buch ist kein Katalog und – einfach gesagt – einige haben meine Aufmerksamkeit mehr erregt als andere. In jedem einzelnen Torso erkannte ich schwer die ursprüngliche Form, während ich im Detail oft das Bauwerk sah. Das Zweifeln an der Behauptung, dass die altkroatischen Kirchen mit ungeschickter Hand erbaut worden wären, und die Schönheit der Kirchlein – dies bildete mein Credo. Die Literatur darüber war der Wegweiser, aber auch ein unzureichender Nutzen für den Wert, den ich gesucht habe. Neben dem Gewicht der Abhandlung und innerhalb des Rahmens der allernötigsten Semantik war es erforderlich, bis zu den Inseln zu schiffen, anzukommen, den Berg zu erklimmen und zu schauen, das Licht abzuwarten, den Wechsel der Jahreszeiten aufzuspüren, und zu entdecken. Um das Entdeckte zu fotografieren, für soundso viele Seiten des Buches, musste ich herantreten an die Auflösung des Geschauten, damit ich bei jedem Objekt die besondere Schönheit erkennen würde.

Bisweilen sehen wir, geblendet durch den Zweck des Gebäudes, nur den begrenzten Raum als Wirkung auf begrenzte Leute, und wir sehen nicht, dass vor uns eine Skulptur steht. Ich habe diese kleinen Kirchlein angesehen als bedeutende Plastiken; nicht dafür, dass sie minder wären als ein Reiterstandbild, noch dafür, dass sie in ihren Größenordnungen anderen Modellen nahe kommen. Für mich ist die Klarheit ihrer Form wie Kristall, einfach und genügsam, und trotzdem überreich. Ich habe die phantasiereiche Ausarbeitung der gemauerten Außenhaut gesehen in ihren inneren und äußeren Flächen. Sanft gehen die überwölbten Räume in vollendeter Weise hervor aus kubischen Formen. Die unkonventionelle Anordnung der Räume, der Rhythmus in den Lagen der Steinreihen, die Proportion und die Anordnung der architektonischen Massen sind in der Darstellung logisch und funktional. Dies ist kein Bauwerk nur im Dienste der Liturgie; – ich habe eine Skulptur gesehen.

Die altkroatischen Kirchlein haben nicht die Dimension von Kathedralen. Manche könnten von ihren Maßen her in den Zimmern unserer genügsamen Wohnung untergebracht werden. Zurückgeführt auf die Zweidimensionalität des Blattes in unserem Buch, verkleinert um ein Vielfaches ihrer Paradimension, behalten sie ihre richtige Monumentalität bei, nimmt irgendeine von ihnen die urgeschichtliche Venus in die Flächen ihrer Hand.

Die alten Mörtelauflagen an ihren Oberflächen geben den Augen des Malers Nahrung. Der Putz ist das Gewand dieser uralten Bauten, und er wurde oft erneuert. Die Unregelmäßigkeiten der Schichten geben eine feine Modulation im Spiel des Lichts, und das Salz aus dem vor langer Zeit verwendeten Sand der Dünen gibt die ständige Feuchtigkeit der Oberfläche. In den intimen Räumen sind stellenweise Fresken auf der so unregelmäßigen, weichen Epidermis verblieben; sie atmen ein Leben verschieden von der Strenge der glatten Flächen späterer Zeiten. In den seltenen Resten der ursprünglichen Schichten sehen wir das Weiß des Bindemörtels und die Trefflichkeit des baulichen Wissens, aber auch spätere Ablagerungen des Putzes atmen die Frische des natürlichen Materials.

In dem riesigen Raum der offenen Landschaft sind diese Kirchlein dominant. Ich würde nicht an eine Zufälligkeit bei der Wahl der Örtlichkeit glauben. Die erosive Macht unserer Zivilisation in der unmittelbaren Nähe von Städten hat das ökologische Umfeld der Kirchlein vernichtet. Doch sind in der Landschaft neben allem, öfter trotz allem, viele von ihnen erhalten geblieben in einem unberührten Ambiente. Olivenhaine und Kiefernwälder, Weingärten und Weideplätze – verbrannt, gerodet, verwahrlost, doch wiederum neu gewachsen – und die schiefernen Abhänge in Reichweite der Steinbrüche, sie haben sich geändert wie die Änderung des ganzen Antlitzes der Landschaft durch tausend Jahre. Die Äste der Pinien, und wiederum die glühenden und tausendjährigen Olivenhaine als stumme Zeugen des Anfangs dieser Bauten, das sind die gleichen Bilder, mit einigen ausgetauschten Details.

Unsere Empfindsamkeit nimmt hier eine einfache Schönheit auf. Es ist notwendig, sich auf den Weg zu machen, und das ohne Vermittler.

Das Werk von Mladen Pejaković „Zahl aus dem Licht“ erklärt das ausgetüftelte System des altkroatischen baulichen Erbes am Beispiel der Kirche zum Hl. Kreuz in Nin. In seinen Erläuterungen habe ich den rationalen Widerschein meines Empfindens gefunden. Auch wenn diese Bauwerke ihre Unmittelbarkeit enthüllen, werden wir kaum den Untergang der vielfältigen Bedeutung in der Struktur mit ihrem reichen Inhalt begreifen. Der intuitive und der analytische Zugang zu diesem Thema schließt sich nicht aus, im Gegenteil, sie verbinden sich in der Ganzheit dieses Buches.

In der Kirche zum Hl. Kreuz in Nin, in der des Hl. Pelegrinus bei Savar, der Kirche der Hl. Dreifaltigkeit in Split und in der Kirche Hl. Donatus in Zadar hat Mladen Pejaković seine theoretischen Schlussfolgerungen verifiziert. Neben vielen anderen, bei denen er schon früher Untersuchungen angestellt hat, sind diese Objekte im Verlauf der Verifikation dokumentiert, auch fotografisch, und ich bin nur eingeladen worden, um eine weitere fotografische Anlage zu liefern. Die beiden Tag- und Nachtgleichen und das Sommer- und Winter-Solstitium sind die Zeiten der Untersuchung; und der Kompass, der Gnomon, das Senkblei, die Uhr, der Winkelmesser und der Fotoapparat sind das ausreichende Instrumentarium.

Während sich über dem Velebitgebirge der Osten rötlich färbte, lichtete ich die dunkle Silhouette der Kirche zum Hl.Kreuz ab. Schon im Halbdunkel des Interieurs ließ die Sonne ihren Pfeil los auf das genau bestimmte Ziel. Und dann, von Stunde zu Stunde, stützen die Zeiger dieses leuchtenden Wunderwerks ihre Fühler auf die Höhe des Bodens, indem sie nach und nach die Grenze des Septums bezeichnen, die Höhe des Scheitels der Wölbung, die Stelle des Weihwasserbeckens, den Bogen der Apsis; und sie weisen auf den zentralen Platz des Kultes – die Mensa. Die Spur der Sonne bewegt sich auf die innere Mauer der Apsis zu, ihre Projektion verkürzt sich – es ist Mittag. Wir stehen mit der Uhr in der Hand. Zu Mittag ist auch der Strahl leise verschwunden. Und was im Interieur die goldenen und purpurnen Fäden, das sind in der Umgebung die friedlichen breiten Flächen der Schatten. 

Die Sonne jeden Tages errichtet immer wieder einen Bau aus leuchtenden Fäden. Sie öffnet uns immer wieder den Blick auf die Struktur des Gebäudes. Und begeistert sind wir dessen Zeugen.

                                                                                                    NENAD GATTIN  

 

 

  

             Was ist geheimnisvoller als die Klarheit !

                                                                                           Paul Valéry

 

 

Die Sprache des Bauwerks

Das Haus ist nichts als das Gesetz des Körpers, ist Wohnung und friedliches Domizil. Auch jenes aus allerentferntesten, allerältesten oder, wie wir gewöhnlich sagen, allerdunkelsten Zeiten der Menschheit hütet sogar ein gewisses Licht. Das erwachte Bewusstsein spannt die Kuppel seiner Vorstellung unter dem stofflichen Bogen der Höhle. Das Haus ist nicht nur Schild für den nackten Leib in einem kalten Schicksal, ein Vordach oberhalb des Scheitels unter einem abholden Himmel; nicht nur trockene Grundlage im Alptraum des Morasts. Das Haus ist immer eine Vorrichtung über dem Herd und dem Heiligen Feuer, welches das Leben zusammenhält. Ohne Rücksicht darauf, ob das Haus Wohnung Gottes ist, ein Hof mit Sälen der Herrschaft auf dem Berg, Verwahrung des Gesetzes oder der Beute, anonym, oder doch lebendige Zelle im Organismus der Stadt, oder ein mit Mühe zusammengehaltener Raum zwischen den Handflächen der Armut – das Haus ist immer eine wichtige Botschaft des Lebens.

Menschliche Bautätigkeit ist wirklich Sprache. Haus und Kirche sagen Bedeutung in einem Zeichen aus. Bewusstsein in der Mitteilung: Botschaft. 

Das Bauwerk ist ein eroberter Ort: der gedachte Mittelpunkt einer Umgebung. Den Bau umschließt der Horizont. Das Gebäude erkennt den Kreis wieder, und es scheint, als ob sich um seine Wespen das Kreisen der Himmelskugel abspielt, tags mit den Sonnen, nachts mit der Umdrehung der Sterne. Die beständige Wohnung wird zur Uhr, die für Jugend und Alter ihrer Einwohner schlägt. Sie bezeichnet die große und die kleine Zeit: vom Morgenrot bis zur Dämmerung, von der Wiege bis zur Bahre. Das Haus zählt Licht und Dunkelheit und trennt dabei die Spanne für Arbeit und die Spanne für Rast. Das Haus rhythmisiert horizontal,  senkrecht und quer die Dauer. Das Haus beobachtet das Geschehen und verwandelt dessen kosmologischen Vorgang in ein eigenes materielles, irdenes, hölzernes, steinernes, geometrisches Gefüge.

Des weiteren umkreist das Gebäude die Welt der Dauerhaftigkeit und der Veränderung. Das Haus ist Ausdruck des allerstärksten Schaffens. Der Erbauer gründet den Kern eines Ortes der Einheit von Raum und Zeit. Das menschliche Bauwerk ist ein Grundriss der Welt. Es ordnet die Gesetze der Wirklichkeit gegenüber den Anforderungen ihrer Bedürfnisse. Das Heim der Menschen und die Tempel der Götter erkennen auf Erden auch den Weltenkreis, das Quadrat und das Dreieck; sie ziehen den geraden Strich der Achse.

     

        

      

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Wir wissen nur jenes, was wir auszuführen wissen“.

Das Erbauen ist nicht das Nachahmen, sondern der Gebrauch unter den Gegenständen. Das Erbauen ist ferner Programm: Sinn, Richtung und Weisung. Eupalinos betont: „Es gibt keine Einzelheiten in der Ausführung“. Und dafür erwägt der Baumeister die Einzelheiten, ohne die es keine Gesamtheit gibt. Wir treffen ihn gebeugt über die Details, die zu einem tieferliegenden Gedanken führen. Er sieht das Unvorhergesehene voraus: er baut ein Werk. Das Bauwerk ist nicht ein Gegenstand, vor den Menschen gestellt, sondern der Mensch ist mit der Magie der baumeisterlichen Tat, diesem listigen Verfahren, in der Mitte des Baues postiert, unter dem Himmel der Kuppel.

Der Baumeister baut das Bauwerk mit dem Bau. Daher wandelt sich in diesem Zusammentreffen alles um. Es gibt keine Baustoffe und kein Gebäude, bevor nicht ein Baumeister errichtet ist. Das Baumaterial ist ferner nicht einfach benutzt: es ist ausgewählt im Gestalten der baumeisterlichen Absicht. Der Baustoff und der Vorsatz werden zum Bauwerk. Aber auch das Bauwerk ist nicht frei von dem durch die Absicht verwirklichten Baustoff. Das Bauwerk ist hier, damit, wer noch nicht erkannt ist, sich in ihm wiedererkennt.

Der Baumeister erkennt die ebenmäßige, ausgewogene Wechselseitigkeit der lebendigen  Verhältnisse, und in ihnen führt er sein Meisterwerk aus. „Wo der Vorübergehende nur einen ebenmäßigen Tempel sieht, eine Kleinigkeit: vier Säulen, der Stil bescheiden, dort habe ich das Gedenken gesetzt an einen klaren Tag meines Lebens. Oh, was für süße Verwandlungen! Dieser sanfte Tempel, niemand weiß es, ist das mathematische Bild eines korinthischen Mädchens, das ich glücklich geliebt habe. Getreu strahlen wieder und wieder die Umrisse ihrer Gestalt zurück. Er ist für mich lebendig ! Er gibt mir zurück, was ich ihm gegeben habe ...“ (Valéry, Eupalinos)

Sie müssen uns nicht bekannt sein - und gewöhnlich sind sie das nicht -, die persönlichen Motive in dem erbauten Werk. Über sie erfahren wir etwas in den Augen- blicken der Aufrichtigkeit des Schöpfers oder aus anderen Quellen. Sie sind Gegenstand einer Biographie oder einer historischen Form. Also umgeben sie uns auch gelassen, vorbei an den geschichtlichen Nachrichten des Bauwerks. Aus ihnen wirkt das System, die Art und Weise, wie immer wieder private, biographische und andere zahlreiche Zufälligkeiten umgestaltet wurden in den Algorithmus des Steins. Die Art, wie Gebäude errichtet worden sind, zwingen uns, „dass wir gänzlich anders denken über das, was sie eigentlich sind“. Dieses Andere, dieses wirklich Wirksame, das sind Scheidewege im System der Konstruktion. 

 

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             Inneres der Kirche Sv. Nediljica (Hl. Sonntag), Zadar, 
             Rekonstruktion
          

     

     

Raum und Zeit

Die Spuren der Ordnung in unseren vorromanischen Bauwerken können wir exakt vermitteln. Wir sprechen über das Prinzip der Anordnung, wie bewiesen, und die Zeichnungen der Struktur verschiedener Kirchen zeigen das augenfällig.

Und dennoch, man kann der Tatsache nicht widersprechen, dass diese Kirchlein allermeistens sehr unregelmäßig sind. Sei es, dass sie kreisförmig, quadratisch, kreuzförmig, sechsblättrig oder nach Art eines Parallelogramms angeordnet sind, wir bemerken die Unsymmetrie ihrer Ganzheit, die unregelmäßige Anordnung ihrer Teile sowie auch die Deformation der Teile selbst. Die kreisförmigen Grundrisse sind nicht rund, die Quadrate haben ungleiche Seiten und unregelmäßige Winkel, die Konchen der sechsblättrigen Bauten ungleiche Halbmesser. Unregelmäßigkeiten finden wir in ihrem Querschnitt, und so ist es mit den einzelnen Elementen der Gebäude in Anordnung und System. Die Seiten der Fenster sind von unausgeglichener Breite und Höhe, und der Querschnitt ist unregelmäßig. Wenn das Fenster gebogen ist, ist der Bogen nach links oder rechts außerhalb der Achse verrückt. Die äußeren und inneren Lichtöffnungen der Türen und Fenster sind anders. Es sind nicht einzelne Unregelmäßigkeiten. Es gibt sie in Überfluss und – allerorten.

Die Erforscher vorromanischer Bauwerke schreiben diese Unregelmäßigkeiten einstimmig der Unfähigkeit der Meister zu, einen erdachten Aufriss regelrecht auszuführen. Es ist nicht nötig, namentlich die Autoren aufzuzählen, die der Meinung sind, dass die kleinen mittelalterlichen Bauten das Werk einer ungeschickten Hand gewöhnlicher Maurer sind, die schwerlich etwas von der Ausführung nach den Regeln der symmetrischen Ordnung verstehen. Diese evidente Nichtordnung schreibt man den anfänglichen Versuchen des Bauens in einem Milieu ohne Tradition zu, in einer Gesellschaft, die in einer neuen Heimat baut mit neuen, bis dahin unbekanntem Material (Stein), schreibt man auch der Zeit zu, die beginnt mit dem Nichts.

Wenn man auch zugibt, dass die Kirchlein regulär entworfen sind, denn eine gewisse Ordnung lässt sich immerhin herausfinden, bleibt doch nichts anderes übrig, als die Ausführenden der Arbeit der Unregelmäßigkeit der Durchführung zu beschuldigen.

Die Historiker, die sonst selten übereinstimmen, sind sich hier einig, und sie schätzen, dass die Frage der Unregelmäßigkeiten in der vorromanischen Architektur auf diese Weise gelöst ist.

Mit der Prüfung des Kompositionssystems einer größeren Zahl von frühmittelalterlichen Denkmälern lässt sich inzwischen erahnen, dass die erwähnte Unordnung sich regelmäßig an ähnlichen Stellen bemerkbar macht, und als ob eine gewisse Regel bestehe, die die Häufigkeit immer derselben Größen und derselben Menge der Deformationen festlegt. Die Dekomposition, denn sie ist notwendig, versucht im Objekt ursprünglich ein grundlegendes Ausgangsformat festzulegen. Zum kompositorischen Feld kommt man ohne Gewalt durch Verbindungen, denn es fügen sich nur jene Elemente der Struktur, deren Bindungen im Objekt sich sozusagen allein dem Blick des Betrachters anbieten. Es verbindet sich nur das, was irgendwie bereits verbunden war. Die oberflächliche und handliche Schicht verbindet mit dem Lauf der Bearbeitung die Aufdeckung noch einer zweiten Verbindung, die wir nicht entdecken würden ohne graphisches Verfahren und ohne Übersetzung in eine erahnte Kompositionsstruktur. Das Kriterium, das bezeugt, dass unser Vorfahr im Einklang stand mit der wahrhaft angenommenen Komposition, ist eine Phase in der graphischen Anamorphose, die ohne Rest alle Elemente des Objekts erfasst. Der letzte Eingriff versichert uns, dass die gefundene Struktur ein Prinzip der Werke ist und übersetzt die Gesamtheit und alle ihre Elemente in ihre Komposition und ihre Maßkoordinaten. Die Lösung zeigt sich in Einfachheit und Ökonomie der Mittel, mit denen der eurhythmische Reichtum der Verhältnisse verwirklicht wurde.

 

 

                                 Kirche Hl. Kreuz, Nin

Nehmen wir zum Beispiel bei der Untersuchung des Kirchleins zum Hl. Kreuz in Nin zur Kenntnis, dass sich um die am meisten ausladenden Ecken seines Grundrisses ein vollkommenes Quadrat zeichnen lässt. Das Kirchlein in Nin ist ansonsten eine rechte Sammlung aller möglicher Unregelmäßigkeiten. Hier ist nichts den Regeln entsprechend, wie man es erwarten würde an einem Ort, wo sowohl der frühere als auch der spätere Ausbau dieses Kirchleins eine bedeutende Realisation darstellte, an dem Ort, der einer der Mittelpunkte der kroatischen Fürsten und Könige, Bischöfe und Župane war. Das beschriebene Quadrat des Grundrisses hat das auslösende Verfahren aufgedeckt. Wenn man den Grundriss in einem regelmäßigen

Feld unterbringen kann, sind die augenscheinlichen Unregelmäßigkeiten mit einem Mal sichtbar geworden in ihrem Ausmaß und an der Stelle ihres Auftretens. Zwischen der beschriebenen Gestalt und der äußeren Linie des Grundrisses ist ein Verhältnis entstanden, das zeigt, dass die Winkel der Unregelmäßigkeiten in allen Fällen gleichermaßen geneigt sind. Das Verhältnis erlaubt eine Quantifizierung und den Schluss, dass die Deformation eine De-Formation ist, das ist das Phänomen, entstanden durch reguläre Abweichung einiger Elemente in der Form. Wenn wir ferner die Form mit dem Grundriss-Mittelpunkt betrachten und mit dem Mittelpunkt des projizierten Quadrats, der Form, über dem sich die Kuppel wölbt, werden wir bemerken, dass auch diese Form deformiert ist, aber dass sie aus dem anfänglich regelmäßigen Bild entstanden ist, in dem eine Seite geneigt ist um jenen selben Winkel, den wir schon konstatiert haben im Verhältnis des Grundrisses und des operativen Quadrates.

Was ist die Bedeutung dieser Koinzidenz? Warum ist eigentlich diese Erscheinung mehrfach und die Größe dieses Winkels?

Wenn wir das Kirchlein orientieren nach den Seiten der Welt, werden wir herausfinden, dass die Richtung Nord-Süd als Diagonale durch die gegenüberliegenden Ecken des überkuppelten Formats geht, dessen Seite geneigt ist um den aufgedeckten Winkel deshalb, damit die Diagonale mit dieser geographischen Richtung in Einklang steht. Wer im Kirchlein zwischen diesen Ecken Schnüre ausspannt, wird sehen, dass der Zeiger des Kompasses nach Norden zeigt. Ein Stab, der vertikal in den Punkt gesteckt würde, den man erhält, wenn man die Seiten neigt, würde an jedem sonnigen Tag genau mittags einen kleinen Schatten werfen in Richtung der entgegengesetzten Winkel, die die Linie Nord-Süd bezeichnen. Diese Linie nennen wir die Mittagslinie. Der geworfene kleine Schatten des senkrechten Stabes am Boden zeigt auf jedem Platz der Erde, dass die Sonne gerade in diesem Augenblick durch den örtlichen Meridian geht. Dann ist die Länge des Schattens am kürzesten, und sie hängt ab von der Winkelhöhe der Sonne beziehungsweise von der Neigung ihres Strahls.

Die Diagonalen des anfangs gezeichneten Quadrats sind wiederum um diesen selben Winkel verschoben von der Richtung Ost-West. Man sollte die Ursache auch dieser Abweichung in Erfahrung bringen.

Der Betrachter, der durchs Jahr den Sonnenaufgang beobachtet, wobei er nicht den Ort der Betrachtung wechselt, wird gewahr, dass die Sonne jeden Tag nicht an derselben Stelle des Horizonts aufgeht. Von Frühling bis Sommer rückt der Sonnenaufgang gegen die nördliche Seite vor, und am 21.Juni erreicht er den nördlichsten Punkt des Weges am Horizont. Von da an geht die Sonne zurück über Herbst und Winter in die entgegengesetzte Richtung, sodass sie am 21.Dezember die südlichste Lage auf dem Kreis des Horizontes erreicht. Zweimal jährlich, zu Anfang des Frühlings, am 21.März, und zu Anfang des Herbstes, am 23.September, geht die Sonne im geographischen Osten auf und geht im geographischen Westen unter, was bedeutet, dass an diesen Tagen die Punkte von Aufgang und Untergang verbunden sind durch die gerade Linie senkrecht auf Nord-Süd. In dieser Lage der Sonne am Horizont ist Tag gleich Nacht, und diesen Tag nennen wir TagNachtGleiche oder Äquinoktium. Es gibt zwei Solstitien oder Sonnenwenden. Die erste ist im Sommer, wenn der Tag am längsten und die Nacht am kürzesten, und die zweite im Winter, wenn der Tag am kürzesten und die Nacht am längsten ist. Die Reise der Sonne entlang des Horizonts nach Nord und Süd vom geographischen Osten aus, der Winkel, wie er vom Punkt der Äquinoktien abweicht, ist verschieden für jede Stelle der Erde. Die Größe des Winkels oder Azimut lässt sich relativ einfach berechnen.

Auf dem idealen Horizont gibt es also acht Hauptpunkte des regulären jährlichen Laufs der Sonne. Das sind die Punkte Nord und Süd, festgelegt durch die Mittagslinie in dem Moment, wenn die Sonne durch den örtlichen Meridian geht. Auf Nord-Süd gibt es den senkrechten Bindestrich der Punkte des geographischen Ostens und Westens am Tag der Sonnenwende. Der fünfte und sechste Punkt sind die Solstitien-Punkte des Sommers, Ost und West abweichend gegen Norden. Der siebte und achte Punkt sind die Ost- und West-Winter-Solstitien, wenn Ost und West um den größten Winkel zur Südseite abweichen. Aus der Lage der Äquinoktien-Punkte und der Solstitien-Punkte erkennt man die Verhältnisse der Dauer von Tag und Nacht im einzelnen jährlichen Zeitraum.

Die angegebenen Tatsachen gelten nur dann, wenn wir den Sonnenaufgang an einem geraden Horizont beobachten. Die Sonne wird sich mit Verspätung zeigen, wenn sich im Osten ein Gebirge befindet oder ein anderes hohes Hindernis. Der Betrachter wird dann den ersten Strahl um soviel später sehen, wie die Sonne benötigt, um den Bogen zurückzulegen vom geraden Horizont bis zur Höhe des Hindernisses. Dieser verspätete Aufgang der Sonne, bedingt durch einen Schirm im Osten, nennen wir den lokalen Osten.

Bei der Kirche zum Hl. Kreuz in Nin ist es nicht möglich, das Erscheinen der Sonne am  geraden Horizont zu beobachten. Am östlichen Horizont befindet sich das Velebit- Gebirge. Die Sonne geht um soviel später auf und um soviel rechts, nach Süden, als sie braucht, um vom geraden Horizont zur Höhe des Bergscheitels des Velebit-Gebirges emporzusteigen. Die zeitliche Verzögerung und der Winkel zwischen erstem Strahl am Horizont und dem ersten Strahl am lokalen Osten haben wir mit dem Kompass gemessen am Tag des Äquinoktiums in Nin. Wir haben festgestellt, dass die Winkel der Seiten des deformierten Grundrisses und die Abweichung der Diagonalen des abgebildeten Quadrates genau dem gemessenen Winkel zwischen geographischen und lokalen Osten entspricht.

 

 

Anhand des unteren Schemas der äußersten Jahrespunkte im Zentrum unseres Grundrisses erscheinen folgende Beziehungen evident:

1.  Die Seite AB, die Vorderseite, die die Hauptapsis abschließt, liegt in der Richtung des östlichen Sommer-Solstitiums. Johannistag, 21.Juni.

2.  Es gibt eine Diagonale des projizierten Quadrats in Richtung des ersten Strahls des sommerlichen und herbstlichen Äqinoktiums. Die Strahlen des Aequinoktiums umfassen den Grundriss als Seiten eines schrägen Rechtecks, und diese Strahlen lesen die Vervollständigung des Schattens im nördlichen Winkel, zwischen der nordöstlichen und nordwestlichen Kante, des kreuzförmigen Volumens, gekennzeichnet durch die Grundriss-punkte D und E. Mariae Verkündigung, Beginn des Neuen Jahres, Hl. Benedikt, Herbst: Hl. Michael.

3.  Der erste Strahl des Winter-Solstitiums bildet die Richtung der Länge CD der nordöstlichen Mauer wie auch die Richtung der Schräge EK der nordöstlichen Seite des Eingangs-Schenkels. In dieselbe Richtung ist auch die südwestliche Mauer GH geneigt. Dieser Abschnitt bezeichnet den Weihnachtstag.

4.  Die nordwestliche Vorderseite mit dem Eingang, besonders ihre Länge EF, liegt an der Basis des projizierten Quadrats, und mit ihr gleichlaufend sind Basis und Höhe des überkuppelten Formats, der Richtung DG und CH, wie auch der äußere und innere Scheitel der seitlichen Apsiden.

Die lineare Struktur des äußeren Grundrisses des Kirchleins zum Hl. Kreuz ist am Ende angeordnet nach den zeitlichen und räumlichen Gegebenheiten der Sonnenstrahlen. Der Grundriss ist, dass wir es sagen, eingeschnürt in das Netz der Zeichnung der entstandenen Verbindungen der Richtung einzelner Strahlen einzelner wichtiger Tage im Jahr. Die charakteristischen Formen und ihre De-Formierung sind Ausdruck temporärer Inhalte und der Grundriss ist Zeichen und System, die Markierungen setzen.

Bis jetzt haben wir die Verhältnisse der absoluten und relativen Punkte kennengelernt, die das Äußere der Struktur ausrichten und den symmetrischen Gedanken der Deformation gemäß dem Auftrag der lokalen Bedingungen unterordnet. Nachdem wir die Art und Weise und den Inhalt des gestaltschaffenden Gedankengangs kennengelernt haben, fragen wir uns nach seinem Zweck. Hier erfahren wir aus der Art und Weise die Ursache der Begebenheiten.

Die Unregelmäßigkeit kommt von Regeln, die Abweichung von der Anpassung. Hier entfernt sie sich, damit sie genauer zurückkommt, sie verschwindet, damit sie sich wieder einstellt. Und wenn dieses kleine Kirchlein vor uns steht als eine monumentale Gestaltung, dann deshalb, weil die Abweichungen der Form eine gewisse tiefergehende Ordnung in der räumlichen Disposition zusammengefasst und sie umgestaltet haben. Der dynamische Grundriss und die aufgeschichtete Masse richten den Bau auf in einer Anordnung, die erreicht wird durch Kenntnis und durch Empfindung des Maßes, einer einzigartigen Überlegung und baulichen Leistung.

Der Grundriss ist zu einem Apparat zum Anvisieren und Einordnen gerader Strahlen geworden, denn die Neigung seiner Seiten zeigt die Richtung des Schattens in den Punkten des Grundrisses oder mit Hilfe der vertikalen Kanten des kreuzförmigen Volumens und ihrer räumlichen Winkel.

Das Innere von Hl. Kreuz ist nach denselben Bedingungen angeordnet. Die Lagen der Fenster formieren und deformieren die Elemente der räumlichen Struktur. Wir bemerken sehr unreguläre Bögen der rechten und linken Apsis. Stehen wir im Mittelpunkt des Eingangsschenkels des Kirchleins ((Punkt D auf der Zeichnung), dann sind wir in einer Lage, von der aus wir auf der Symmetrieachse des Grundrisses alle drei Apsidenfenster auf einmal sehen. Die Geraden von diesen Punkten gezogen zu den Kanten der Apsiden gehen als Diagonalen durch die Apsidenfenster der rechten und linken Apsis. Diese Geraden schließen mit der Symmetrieachse des Grundrisses zwei Winkel von je 33,6 Grad ein. Jeder dieser Winkel ist gleich dem Winkel der Abweichung des Solstitium-Punktes vom Punkt des geographischen Ostens für den Fall Nin. Diese Tatsache drückt nur eine der Regelmäßigkeiten des unregelmäßigen Grundrisses des Interieurs aus, und sie ordnet die Lage der Fensteröffnungen und der unregelmäßigen inneren Bögen der seitlichen Apsiden. Die Funktion der so formierten Apsiden wird hier nicht abgehandelt, noch wird erwähnt, dass es sich um eine Funktion der Zeit handelt. Alle diese Gesetzmäßigkeiten der De-Formation, die wir an der Silhouette des äußeren Grundrisses festgestellt haben, können wir auf andere Weise auch im Interieur des Kirchleins finden.

Der innere Grundriss ist nicht nur durch die Markierung des Tagesablaufs bestimmt. Er kennzeichnet die mittelalterliche Zeiteinteilung. Die mittelalterlichen Stunden waren durch das Jahr nicht von gleicher Länge. Im Sommer, wenn die Sonne früh aufgeht und spät untergeht, waren die Stunden länger als im Winter, wenn der Tag einen geringen Abschnitt der Helligkeit umfasst. Die Zeitmaße von Tag und Nacht ändern sich nach den Jahreszeiten, und es war eine große Kunstfertigkeit erforderlich, dass man die Stunden mit den zugehörigen Strahlen mitten ins Interieur projiziert hat, und auf eine einfachere Weise nicht zu bewerkstelligen.

SANCTI BENEDICTI REGULA MONACHORUM ist das Gesetzbuch der fleißigen und schweigsamen Zoenobiten, der Mönche, die ihr Leben Gott geweiht haben nach der Devise: ora et labora. Die Regula wurde sehr wahrscheinlich im Jahre 529 im Kloster Monte Cassino niedergeschrieben, und sie ordnet die Form und die Einteilung des Klosterlebens. Die Beschäftigung des Körpers und der Seele ist das Pfand der Gesundheit, und aufgrund dieser Kenntnis ist das Klosterleben wohldurchdacht eingeteilt über die Tag- und Nachtstunden, und, könnte man sagen, bis zu Kleinigkeiten. Die Mönche versorgen sich durch die Arbeit der eigenen Hände, und ihr liturgischer Dienst ist genormt durch dreizehn Hauptpunkte der Regula. Vorgesehen sind die Zeiten und der Inhalt der täglichen und nächtlichen Pflichten. Die Regula der benediktinischen Ordnung wurde nach sechs Jahrhunderten zur grundlegenden klösterlichen Dienstvorschrift der westlichen Mönchsordnungen.

Die Regula war keine vollständige Neuigkeit. Sie stützt sich auf die Erfahrung und die Regeln vorbenediktinischer Monasterien, östlicher und westlicher. In ihren Normen übernahm sie die schon ausgearbeitete christliche Tradition, und besonders den römischen Kursus, dem der Hl. Benedikt eine besondere Bedeutung zugemessen hat.

            

 

In der graphischen Darstellung bemerkt man, dass sich die Sonne von Stunde zu Stunde nicht linear weiterbewegt. Die Winkelhöhen werden vom Morgen bis zum Mittag größer, und nehmen vom Mittag zum Abend hin ab.

Wenn wir die Zeit vom Erscheinen der Sonne bis zum Mittag einteilen in drei gleiche Zeiten, erhalten wir gemäß dem Mittelpunkt der Richtung der Sonnenstrahlen Prima, Tertia und Sexta. Auf dem Schema können wir die ihnen entsprechenden Punkte einordnen. Mit dem gleichen Verfahren errechnen wir die Stunden des Nachmittags: Nona, Vesperae und Completarium. 

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Wir müssen wahrhaftig die Kunstfertigkeit und Findigkeit bewundern, mit der die Struktur des Interieurs organisiert ist. Den Strahlen des Nachmittags sind die Fenster der Apsiden und das südwestliche Törchen geöffnet. Diese ordnen die Nachmittagsstrahlen ein zu den vorgesehenen Stellen. Jetzt wundert es uns nicht, dass das Aussehen jeder einzelnen Öffnung sehr aufmerksam ausgeführt ist, individuell ausgerichtet und modelliert nach dem vorgesehenen Zweck. Jede Öffnung muss dem Sonnenstrahl die Möglichkeit bieten, dass er durchs Fenster geht und dass seine Lage im System des Grundrisses für die Maximalen und inneren Lagen der Strahlen angeordnet ist; aber auch die Möglichkeit für ihre unterschiedlichen, nicht beständigen Höhen im Verlauf der täglichen Wanderung durch das Jahr.

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Diese Kirchlein sind funktional.

 

                     Kirche Hl. Dreifaltigkeit (sveta trojica), Split
 
                                    

 

 

 

 

Die sechsblättrige Kirche Hl. Dreifaltigkeit in Poljud in Split ist sehr deformiert. Die Unregelmäßigkeiten bei ihr sind aufgrund der abweichenden Winkel am örtlichen Horizont entstanden. Die mittlere Apsis ist orientiert am lokalen Osten des Hl. Domnius (sv. Duje) am 7. Mai. Die Apsis und ihr Fenster sind so gebaut, dass die Erscheinung des ersten Strahls an diesem Tag senkrecht auf das Septum (vom Eingang aus gedachte Querscheidewand) der Kirche steht. Die Fenster der linken und der rechten Apsis sind nicht in deren Mitte. Sie sind so angelegt, dass sie demselben Strahl ermöglichen, senkrecht auf die Ränder des Septums zu fallen, das das das Sanktuarium (den Kultraum) vom übrigen Raum trennt. Die Strahlen des Hl. Duje bestimmen seine Weite und seine Lage, beziehungsweise die Spannweite zwischen den Stirnseiten der Konchen, deren Anordnung und Größe deshalb deformiert werden mussten. Das Bemühen darum, dass das Septum auf den ersten Strahl der Sonne am Tag des Spliter Stadtheiligen (Hl. Domnius) senkrecht steht, bedingt den abweichenden Winkel von der Nord-Süd- Richtung. Die Abweichung des Septums von dieser Kardinalrichtung ist gleich der Korrektur des Winkels zwischen Oststrahl am geraden Horizont und seiner Richtung vom Punkt des lokalen Ostens am 7. Mai.

      Innenansicht der südwestlichen und der südöstlichen Konche der Kirche Sv. 
      Trojica (Hl. Dreifaltigkeit), Split
 

Diese Szenographien und Beleuchtungseffekte sind sicherlich beeindruckend gewesen. Der Strahl des Johannistages geht durch das Fenster der linken Apsis und fällt auf den rechten Rand des Haupteingangs. Den Mittagsstrahlen ist die südwestliche Tür gewidmet. Die Höhenwinkel im Zenit am Tag der Äquinoktien und Solstitien dringen in der Tiefe des Raums hindurch und mit ihrem Licht markieren und ordnen sie diese oder jene Elemente des Interieurs. Präzise lassen sich alle horizontalen Abweichungen und Winkelhöhen ausrechnen. Sie sind sichtbar in der geometrischen Konstruktion, die die Unregelmäßigkeiten aufgrund der grundlegenden zeitlichen Bedingungen aufzeigen, und sie legen anschaulich dar, welche Ursachen dafür den Grund- und Aufriss der Disposition formiert und deformiert haben.

 

 

Aber diese Zeichnungen und ihre Gesetzmäßigkeiten verraten uns gleichzeitig, dass die vorromanischen Gründer der Kirchen geo-astronomische Gesetzmäßigleiten genau kannten, den Wert des Azimuts, und des Höhenwinkels der Sonne beim Transit über den lokalen Meridian. Die Kirche Hl. Dreifaltigkeit ist ein vollkommenes Messinstrument. Ihre Unregelmäßigkeit ist Ausdruck der Verknüpfung räumlicher und zeitlicher Struktur. Ihre Form ist unregelmäßig, aber nicht zufällig, denn sie ist errichtet auf dem Schnittpunkt eines Bündels von räumlichen und zeitlichen Bedingungen. Dieser steinerne Sextant zeichnet die himmlische Mechanik in seinem sechsblättrigen räumlichen Korpus, und kaum kann man es erwarten, dass seine Übereinstimmung und seine seltsame Zusammenstellung bis ins Kleinste preisgegeben wird.

  Projektion der südwestlichen und der westlichen Tür auf das Septum in 
  der Kirche Sv. Trojica (Hl. Dreifaltigkeit), Split
 

 

   

 

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Erneut höre ich auf den Gedanken von Valéry, dass uns die Bauwerke mit ihrem tieferen Wesen zwingen, an etwas völlig anderes zu denken als jenes, was sie allein sind.

Wenn wir ihrer Monumentalität begegnet sind, haben wir die eigentümliche Botschaft vernommen, die im System der Verhältnisse eingeschrieben ist. Der Gedanke der Baukunst, und der Baumeister selbst,  sind gegenwärtig in dieser Begegnung mit den Ursprüngen der Formen.

Unser Erlebnis ist in gewissem Sinne ahistorisch. Es hebt die Zeit im Augenblick, wo es sie erkennt, auf. Das Syntagma einer ewigen Freundschaft bekommt genügend Sinn in der freundschaftlichen Beziehung der Menschen mit den künstlerischen Werken. Nirgendwo wie hier ist die Zeit so unzertrennlich verwoben mit dem Prinzip des Daseins vorbei an der Vergänglichkeit. Durch die erneuerten Dialoge hält sich die Kunst fern von der Definition. Sie verwirklicht sich in den wiederholten Begegnungen, sie verschwindet und kehrt zurück und verbindet dabei Ufer, Menschen und Jahrhunderte.

 

 

 

 

 

 

 

                                                                    Anmerkung

Dieses Werk geht auf die Untersuchungen von Mladen Pejaković zurück. Mir ist von irgendeiner Stellungnahme dazu im europäischen Raum von Seiten der Kunstgeschichte nichts bekannt geworden - was aber nichts besagt. Möglich, dass das Buch sonst nirgendwo übersetzt worden ist. Wer ist der Herausgeber? Eine Anfrage meinerseits bei der Matica Hrvatska, der maßgeblichen kroatischen Kulturgesellschaft, die eigentlich auch damals, noch im alten Jugoslawien, Mit-Herausgeberin des Buchs war, blieb trotz mehrfacher Versuche, auch durch telefonische Hinterfragungen, vollkommen erfolglos. Als ob sich niemand zu diesem Buch bekennt. Möge sich im neuen, unabhängigen Kroatien eine Stelle finden, die sich des Buches in Verantwortung annimmt!

                                                                                          A. Preusser

 

 

 

 

Kirche Sv. Križ (Hl. Kreuz), Nin
  
 

    

 

Sv. Nikola (Hl. Nikolaus), Selca auf Brač

 

 

 

 

Sv. Pelegrin (Hl. Pelegrinus), Savar auf Dugi otok

 

 

 

 

Sv. Nikola (Hl. Nikoplaus), Prahulje bei Nin

 

 

 

 

Sv. Marija (Hl. Maria) Mali Iž auf der Insel Iž

 

 

 

 

Sv. Mikula (Hl. Nikolaus) Veli Varoš, Split

 

 

 

 

Sv. Nikola (Hl. Nikolaus), Insel Koločep

 

 

 

 

 

Sv. Mihovil (Hl. Michael), Pakljena auf der Insel Sipana

 

 

 

 

 

Sv. Ivana (Hl. Johanna), Insel Lopud

 

 

 

 

 

Sv. Troica (Hl. Dreifaltigkeit), Poljud, Split

 

 

 

 

 

Sv. Petar (Hl. Petrus), Omiš

 

 

 

 

 

Sv. Mihailo (Hl. Michael), Ston

 

 

 

 

 

Sv. Donata (Hl. Donata), Punat auf der Insel Krk

 

 

 

 

 

Sv. Trojica, Split: Grundriss, Aufriss, Proportionen

 

       Sv. Jure (Hl. Georg), Radun bei Kaštel stari

 

                                             Sv. Jure (Hl. Georg), Radun, Kaštel Stari

 

      Detail aus Sv. Donat (Hl. Donatus), Zadar
 
 

  Altarschranke aus der Kirche Sv. Nediljica (Hl. Sonntag) in Zadar, jetzt im 
  Archäologischen Museum Zadar
 
 

Detail aus dem Inneren der Kirche Sv. Lovre (Hl. Laurentius), 
Zadar
 
 

            Sv. Jure (Hl. Georg), Radun, Kaštel Stari
 
 
 

Fenster des Turms der Kirche Seta Gospa od zvonika (Hl. Muttergottes 
von der Glocke), Split
 
 

                   Sv. Mikula (Hl. Michael), Veli Varoš, Split
 
 

                    Inneres der Kirche Sv, Trojica, Split

 

 

            Sv. Trojica, Split, Teil der Apsiden
 
 

                        Sv. Petar (Hl. Peter), Omiš
 
 
 

                        Sv. Mihailo (Hl. Michael), Ston
 
 
 

            Sv. Sigurata (Hl. Sigurata), Dubrovnik: Teil des Inneren

 

 

                 Sv. Mihailo (Hl. Michael), Ston
 

 

 

 

                  Fotos: Nenad Gattin

 

 

 

 

 

 

 

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Hl.Kreuz, Grundriss

Hl.Dreifaltigkeit, Split, Inneres

Strukturmodell der Kirche Hl.Dreifaltigkeit, Split, zur Zeit der     Verifikation des Frühlings-Äquinoktiums im Jahr 1978