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                                                              Albrecht Preusser

 

 

 

                     Eisenbahn

 

 

 

Am letzten Adventssonntag, zwei Tage vor dem Heiligen Abend, fuhren wir nachmittags mit dem Auto hinauf zur Burg, meine beiden  Söhne und  ich.  Der ältere saß am Lenkrad und hatte seine Schwierigkeiten, denn es hatte geschneit und die schmale Straße hinauf war glatt. Vor der Burg, die der ganzen Landschaft den Namen gibt, parkte er.

Ein herrlicher sonniger Tag, der sich schon langsam dem Ende zuneigte; auf der sanften Höhe die Wege und der Wald mit einer leichten Schneedecke überzogen; unten im Tal, wo sich der Fluss wand, noch die meisten Flächen grün. – Von hier oben, von der Burg aus, beherrschte im Mittelalter die Familie der Grafen den ganzen Bereich um den Fluss, bis sie zu Beginn der Neuzeit das Schloss im Stil der Weserrenaissance in der nahegelegenen Residenzstadt erbaute und dort residierte.

Wir gingen nicht zur Burg hinein, sondern spazierten durch den glitzernden Wald hinauf zum Bergkamm, wo sich ein alter Teil der Burg befand, ein Vorposten, jetzt eine Gaststätte. Doch auch diese ließen wir links liegen und wanderten auf der Rückseite des Kammes durch den Wald hinunter, unbekümmert und ungestört, denn hier war es still, Burg und Vorburg sowie alles andere an menschlicher Bindung und Gestaltung waren uns völlig fern, der Wald dominierte in prachtvoller ruhiger Würde, und in ein paar Hundert Meter Entfernung sahen wir lautlos ein paar Rehe. Was wir hörten, waren nur wir selbst.

Der Weg führte langsam weiter abwärts hinter den Kamm, und die Stille wurde nach einer Weile allmählich, wie unwirklich, ersetzt durch das Rauschen der Autobahn, die sich hier einen Schneise durch den Wald bahnte, und der wir jetzt ganz nahe kamen. An ihrem Rande rasteten wir unter den Bäumen, auf beschneiten Wurzelästen stehend, und betrachteten, wie überrascht, die vorbeirasenden Fahrzeuge; an einem Adventssonntag herrschte erstaunlich dichter Verkehr.

Fasziniert starrten wir auf die vierspurige Bahn, auf die mannigfaltigen Automodelle, auf dieses Phänomen, das so garnicht zum bisher erlebten Ambiente passen wollte. Wer fuhr hier an diesem Tage vorbei, und warum, und wohin? Sie kamen mitten aus der Tiefe des Waldes heraus, flitzten an uns vorbei und verschwanden wieder irgendwo zwischen den heranreichenden Waldstücken. Ein Stück Leben ohne Anfang und Ende, ein Leben ohne Zuhause, ohne Herkunft und ohne Ankunft; ohne erkennbaren Zusammenhang mit der von uns gefühlten Bedeutung des Adventstages. Wir hätten noch stundenlang dort stehen können; so nah sie waren, am Schicksal dieser Reisenden hätte nichts irgendetwas ändern können.

Eine Menge von Erinnerungen schossen mir durch den Kopf. Die nahe Distanz zu den fast unwirklich erscheinenden Fremden, die sich da durch den Wald an uns vorbeibewegten, hatte etwas zu tun mit meiner Vergangenheit; traumhaft begriff ich, dass ich etwas hatte liegen lassen in meinem Kopf.

Immer waren sie da, diese Unsteten, Rastlosen, und es waren nie dieselben; doch allmählich begann sich ein Typus herauszubilden dessen, der unterwegs war, der sich eines Verkehrsmittels bediente, der sich selbst transportierte oder etwas anderes, ein Gut, eine Idee, ein Ziel, vielleicht etwas sehr Wichtiges; und eine besondere Art des Erlebens formulierte sich, auf Achse zu sein, auf Rädern von einem Dasein zum anderen zu kommen, gegen alle zeitbedingten Zusammenhänge und Bedeutungen, mit der Absicht einer ganz eigenen, von allem anderen unabhängigen Ankunft, Advent, Raum und Zeit zu überbrücken, eine Weise des besonderen gezielten Übergangs, eine routinierte Metamorphose. 

 

Die Erinnerung an ein sehr frühes Weihnachtsfest konkretisierte sich in meinem Sinn, unter dem Weihnachtsbaum ein enger Kreis von Modellschienen, eine kleine, kompakte Tenderlok, die ich heute noch pflege und die mit lautem Ratschen fährt, und zwei rote Lorchen, die Kippwagen, wie sie damals so beliebt und in jeder Anfangspackung enthalten waren, der Archetyp der Modelleisenbahn. Damals, als ich etwa sechs oder acht Jahre alt war, fing meine Passion an.

Es war das Weihnachtsgeschenk für meinen vier Jahre älteren Bruder, und er saß am Transformator und bediente die Reise dieses kurzen Eisenbahnzugs, kommentiert und korrigiert von meinem Vater, der sich einiger Einmischung in diesen Vorgang nicht enthalten konnte. Ganz neu für mich war diese Art Spielzeug, eine Offenbarung, ein Schlüsselerlebnis. - Diese Erinnerung liegt etliche Jahrzehnte zurück und doch ist sie mir sehr lebendig geblieben.

 

Etwa um dieselbe Zeit, als dieses Weihnachtsfest stattfand, hatte ich meine erste wirkliche Begegnung mit der Welt der Eisenbahn, in natura, auf sehr drastische Weise. Wir hatten eine kleine Reise vor mit meinem Großvater, und bei unserer Ankunft auf dem heimatlichen Bahnhof stand dort bereits ein riesiges, dampfschnaubendes, schwarzes Ungetüm, ein länglicher unheimlicher Leib, zu allen Untaten bereit, für mein kindliches Gemüt etwa vergleichbar mit den Drachen aus der Sagenwelt. Die Waggons, die hinter dieser Dampflokomotive waren, nahm ich garnicht wahr. Und plötzlich gab dieses Ungeheuer einen lauten schrillen Laut von sich, so laut, dass ich, zutiefst erschrocken, anfing zu weinen. Und aus dem Schornstein an der Oberseite des Untiers schoss eine steile Dampfsäule in den Himmel. Nur kurz dauerte dieses entsetzliche Getöse, dann schwitzte das schwarze Tier wieder gleichmäßig vor sich hin.

Wir stiegen ein, und nun erlebte ich das Gefühl der Bewegung in einem rüttelnden, ächzenden, kargen Wohnzimmer mit unbequemen Holzsitzen, mit den wechselnden Bildern an den Fenstern. Meine anfängliche Angst wurde während der Fahrt allmählich überlagert von einem wohligen, abenteuerlichen Gefühl des Losgelöstseins, des Fliegens, und die Ankunft im Zielbahnhof war für mich schon mit einem Empfinden des Bedauerns verbunden, dass die Reise nun zuende war; ich habe heute längst vergessen, wie auch bei vielen anderen Reisen mit dem Zug, wo ich abgefahren und wo ich angekommen war. Das Erlebnis, von einem eisernen Drachen mit unglaublicher Kraft durch die Welt geführt zu werden, überragte alles andere.

 

In etwa dieselbe Zeit fällt eine andere Erinnerung, die mir recht unangenehm ist und die ich - vielleicht gerade aus diesem Grunde - zeitlich nicht genau zu den vorgenannten Erlebnissen einordnen kann. Unmittelbar neben unserem Haus gab es einen kleinen Lebensmittelmarkt, an dem ich jeden Tag vorbeiging. Die kleine Auslage des Geschäftes zeigte damals ein aus Pappe geklebtes, recht anschauliches Modell einer Lokomotive mit Kohlenwagen, aber mit einer auffällig hellen Farbe, etwa einen viertel Meter lang; für mich ein Blickfang, der mich völlig in seinen Bann schlug. Ich weiß garnicht mehr, für welches Produkt der Geschäftsinhaber damit werben wollte.

Diese Lokomotive, die ich ja nicht anfassen konnte, wirkte auf mich ungeheuer faszinierend. Ich wusste, dass sie aus Papier gebildet war, aber mir kam sie kompakt und äußerst gewichtig vor. Ich fragte auf naive Weise den Geschäftsinhaber, der mich gut kannte, um den Preis, aber seine Antwort erschien mir unbestimmt und nicht ernst gemeint, und doch dachte ich, es müsste mit Geld zu tun haben, so wie man ja auch sonst in seinem Laden für Geld kaufen konnte.

Aus der Geldbörse meiner Mutter entnahm ich heimlich ein Fünf-Mark-Stück und brachte es in den Laden. Der Inhaber gab aber meinem Wunsch nach der Lokomotive nicht nach; schmunzelnd wies er mich ab, und die ganze Sache kam zu Ohren meiner Eltern. Ich bekam keine Strafe, doch die Peinlichkeit der ganzen Sache empfand ich zutiefst, sodass ich dieser Erinnerung erst nach vielen Jahren erlaubte, mein Bewusstsein zu betreten. Selbst heute noch ist es mir nicht möglich, ganz und gar an diese Geschichte zu glauben, aber die Attraktivität des Modells der Lokomotive ist in meinem Kopf unerbittlich lebendig geblieben und widerlegt meine Skepsis.

 

Dann, zwei oder drei Jahre später, hatte auch ich, wie mein Bruder, ein paar Schienen, Waggons und vor allem eine Lokomotive, sogar mit eigenem Kohlenwagen. Ein paar Weichen machten die Sache noch interessanter und nun mussten auch Schuhkartons her als Tunnels, und einige Teile aus Pappe, mit denen sich eine Steigung der Schienen erzielen ließ. Dies, nämlich die Gleise auf eine gewisse Höhe zu bringen, etwa für eine Brücke, bereitete allerdings große Schwierigkeiten; ich schaffte es nicht, eine Höhe zu erreichen, dass ein Zug unten durchfahren konnte. War die Strecke für die Steigung zu kurz, schaffte es die Lokomotive nicht hinauf, und für eine längere ansteigende Strecke hatte ich nicht genug Schienen oder genug Raum.

 

Währenddessen war unsere Familie auseinandergefallen - ich war neun Jahre alt - und unter dem Weihnachtsbaum fanden sich jetzt weniger Leute, vor allem ein Erwachsener weniger. Desto mehr schaute ich auf die Geschenke, und die Eisenbahn nahm da den ersten Rang ein. Die Kataloge der Modelleisenbahn waren damals schon sehr raffiniert, und die Sehnsucht nach mehr Modellen, nach einer perfekteren Scheinwelt nahm bei mir manchmal die Form einer Manie an, allerdings nicht soweit, dass ich dafür wieder gestohlen hätte. Zur gleichen Zeit ließ das Interesse an der wirklichen Eisenbahn, dem realen Bahnbetrieb, etwas nach. Meine Restfamilie zog an einen neuen Wohnort, und in diesem südlichen Teil Mitteleuropas gab es schon eine Reihe von Elektroloks; die alten Dampfloks mit ihrer besonderen Faszination gerieten langsam aus der Mode.

Ich weiß, wovon ich rede, denn ab dem neunten Lebensjahr fuhren wir, meine Schwester und ich, durch die Spaltung unserer Familie bedingt, jährlich ein- bis zweimal mit dem Zug zu den Großeltern oder zu einem anderen Teil der Familie, über eine Strecke von etwa 600 km, ohne Begleitung von Erwachsenen, über Jahre hinaus. Das Umsteigen und das Suchen der Anschlusszüge wurde uns zur Gewohnheit. Die Fahrt als Ganzes gewann eine eigene Dimension; es war nicht die Bewegung von einem bestimmten Ort zum anderen, sondern das Erleben des Übergangs von einem Bewusstsein zu einem anderen, ein freischwebender Zustand; der Zug verband auseinandergefallene Familienelemente und Lebensumstände und formulierte sich als behelfsmäßiges Bindeglied; unterwegs schalteten sich in unseren Köpfen einige emotionale Weichen um.

Ich erinnere mich, dass ich in meiner neuen Stadt, immerhin einer Großstadt, in den ersten Jahren, am Wochenende nicht wusste, was mit mir anfangen. Ich hatte noch keinen Freundeskreis, und so ging ich manchmal zum Bahnhof der Stadt. Fremde, weiß ich, die noch keinen Bezug zum neuen Lebensraum haben, gehen immer zum Bahnhof. Seltsam, seltsam, wie verloren und absterbend wirkte doch das ganze riesige Gelände; und die paar Züge, die ankamen oder abfuhren, konnten mich nicht faszinieren. Und so wenig  Leute auf den Bahnsteigen! Verlassen, wie ein abgestandener Teil der lebendigen Welt, belastet mit dem Gefühl des Abschieds, so habe ich den Bahnhof der Wirklichkeit damals empfunden.

 

Wie anders war da doch die Welt der Kataloge zur Modelleisenbahn! Hier waren die Bahnsteige der Modellbahnhöfe überfüllt; die kleinen Figürchen, die die Reisenden darstellten, drängten sich, und die großen Fernzüge mit den attraktivsten Dampfloks präsentierten sich auf den Gleisen. Meist wurde die Stimmung der Abbildungen noch gesteigert durch die Illusion der Nacht, die durch eine Unzahl von kleinen Lämpchen erhellt wurde.

Natürlich gab es in den Katalogen auch die Welt des Lokalen, Idyllischen; zum Beispiel Kleinbahnhöfe mit Namen wie „Neuffen“ oder „Stockheim“ oder „Musberg“ oder etwa „Oberbaumbach“. An der Welt der kleinen Idylle fehlte es in den Angeboten keineswegs; aber ein einziger D-Zug, der diese Welt der Provinz durcheilte und verließ, stellte für mich die weite, transzendentale Perspektive wieder her.

 

Schnell wurde mir damals bewusst, dass meine Mittel zur Schaffung einer geeigneten Modellwelt bei weitem nicht ausreichten. Sicherlich, zuerst waren die Ansprüche garnicht so groß, und es konnte eine gewisse Befriedigung bereiten, wenn der kleine Zug in einer imaginären Konstruktion, dargestellt durch ein paar aus dem Keller geholten Brettern, verschwand und an einem raffiniert ausgesuchten Teil des Gebildes wieder herauskam. Das war dann eine Durchfahrt durch den Berg.

Überhaupt verließ ich damals allmählich die gewohnten Vorstellungen wie Berg oder Tunnel, Bahnhof oder Brücke. Notgedrungen musste ich mir andere, nicht so konkret gebundene Begriffe schaffen, mit denen ich spielen konnte, vielleicht erst ganz unbewusst: Massen aus Holz, Papier, Stoff oder sonst einem Material, das eine Illusion des Kompakten erzeugen, in die man etwas hineinfahren, verschwinden lassen konnte. Dynamisch bewegte Körper, deren Stabilität bei der Bewegung von bestimmten Eigenschaften des Systems, zum Beispiel der Gleisbahn abhing oder vom Zustand der Räder des rollenden Materials. Die Abhängigkeit der Stabilität eines rollenden Waggons vom Krümmungsradius der Kurve.

Schließlich nahmen diese Arten des Spielens mit meinen leicht zu übersehenden Objekten der Illusion, mit den wenigen Schienen, Waggons und den zwei Lokomotiven (die eine war meine eigene, die andere die Tenderlok meines Bruders), eine noch andere Charakteristik an. Ich fing an, das Material zu testen, zuerst spielerisch, dann zunehmend aggressiver. An der Erfüllung etwaiger Modellkriterien hatte ich kein Interesse mehr, da sie mir ja sowieso, aus finanziellen Gründen, nicht möglich waren.

Ich verband alle geraden Schienen, die ich hatte, zu einer langen Geraden, und an das Ende baute ich eine Kurve. Nun gab ich einem Waggon Schwung und ließ ihn die Gerade entlang rollen. Wieviel Schwung vertrug der Wagen, um nicht in der anschließenden Kurve herauszufliegen? Ich behandelte die Radlager mit Öl. Es machte durchaus Spaß, zu beobachten, wie die Wagen von den Gleisen sprangen. Einer der Güterwaggons erwies sich bei diesen seltsamen Meisterschaften als besonders stabil: der lange Niederbordwagen mit den beiden beweglichen Doppelachsen. Ja, er war der Champion in den Kurven, ihn konnte kein Schwung von den Gleisen lösen.

Ein anderer Sport bestand darin, zwischen den beiden Loks Wettrennen zu veranstalten. Dafür brauchte ich parallele Schienenführung. Das war nicht exakt möglich, denn in den Kurven war die innere Strecke immer begünstigt. Ich begriff, dass ich der außen fahrenden Lok einen Bonus zurechnen musste, und so arbeitete ich mit dem Begriff aus dem Golfspiel: Handicap. Dieses Handicap so auszutarieren, dass beide Loks gleich schnell waren, das war die Kunst.

Die Spiele wurden aggressiver. Ich veranstaltete Zusammenstöße und Unfälle aller Art. Nicht dass es beim Spiel an ungewollten Havarien und Störungen gefehlt hätte. Aber es war doch etwas anderes, solche Unfälle selbst zu inszenieren. Und meine Modelle trugen Spuren davon, sie überstanden diese Spiele nicht ganz unbeschadet.

Es war ganz klar: keineswegs strebte ich von meiner Neigung her nach diesen sachlichen Abstrahierungen des Spiels, das mir zwar Gedankenarbeit und Phantasie abnötigte; nein, mich zog es eigentlich zu den billigen Fiktionen, in die ich mich verlieren wollte, die Welt der Kataloge. Und zwischendurch leistete ich mir für ein paar Schilling ein kleines Modellauto, das im Maßstab passte.

Unterdessen hatte mir mein Vater für das Weihnachtsfest telefonisch eine neue Lokomotive versprochen, mit schönen roten Ringen um den Kessel und mit Kohlenwagen; den vereinbarten Termin seines Besuches hielt er nicht ein; ich starrte aus dem Fenster auf den Weg, der zu unserem Mietshaus heraufführte, ob er wohl käme, und das ging einige Wochen so. Ich musste das Warten lernen, die Geduld. Schließlich kam er, und ich genoss eine Zeit das neue Modell.

 

Allmählich gewann ich Abstand von der Eisenbahn. Die Passion schien überstanden. Nur zur Weihnachtszeit überkam mich mehr oder weniger ein Rückfall, sei es, dass ich in alten Katalogen blätterte, mir auch mal den neuesten Katalog kaufte, oder dass ich die alten Modelle der Loks und Waggons in der Schublade betrachtete.

Eine kurze Phase lang – ich war schon siebzehn oder achtzehn – übte ich mit einem Freund kühne Projekte zur Gestaltung einer Kunstgalerie, in der allerlei ausgefallene Werkskunst und Fiktionsgestaltung betrieben werden sollte. Die Eisenbahn spielte dabei auch eine Rolle; wir wollten sie zu einem phantastischen Kleinst-Transportwesen innerhalb der Räume umfunktionieren. Doch diese Pläne verloren sich bald wieder. Die Eisenbahn schwand ganz aus meinem Sinn. Und es begann das Studium.

Nach zwei Jahren beschloss ich, mein Studium in Göttingen fortzusetzen. Eines Abends saß ich in einem Zug und fuhr mit einem ziemlich großen Überseekoffer nach Norden. Von der Fahrt weiß ich nichts mehr, die Bahn war mir völlig gleichgültig, doch ich erinnere mich an den Bahnhof in Göttingen um fünf Uhr morgens – triste und leer, wie Bahnhöfe eigentlich immer sind. Um elf Uhr vormittags hatte ich ein Zimmer.

 

Etliche Jahre blieb ich gegenüber der Verführung durch das Modell-Unwesen immun. Die Zeit verging, ich arbeitete schon, ich heiratete, wir bewohnten ein kleines Häuschen, es kamen die Kinder, und siehe da, kaum dass die beiden kleinen Buben da waren, die vielversprechenden Babies, tauchte der Gedanke an meine Eisenbahn wieder auf. Das Haus war unterkellert.

Irgendwo in einer Ecke des Hauses ruhten sie, die Relikte aus meiner manischen Zeit, wohlverpackt, teils beschädigt, ein Karton ohne großes Volumen, etwas, was man sich nicht traut, wegzuwerfen. Für die Kleinen noch ganz ungeeignet.

Wenn sie nun größer werden? Man konnte ja doch mal dran denken. Ein Kellerraum bot sich an, es wäre leicht, ihn auszuräumen; nur ein alter Karstadt-Schrank aus meiner Studentenzeit stand hier, billiges Furnier-Holz. Sehr niedrig war er, dieser Raum, gerade dass ich stehen konnte, mit nur einem kleinen Kellerfenster, schlecht für Raucher. Kein Durchzug möglich.

In meinem Kopf rollten die Pläne ab, wie da etwas zu verwirklichen sei, besonders zur Weihnachtszeit, dem urtypischen Familienfest, wo die Familienmitglieder sich treffen und wieder verlassen, oder auch durch ihre Nichtanwesenheit gegenwärtig sind. Ein alter Kindheitstraum regte sich. Tua res agitur, sagt der Psychologe, deine Angelegenheit ist es, die verhandelt wird, nicht die deiner Kinder. Den Blauen Salon vom Schloss hätte man haben mögen, von mittlerer Größe, ausreichend beleuchtet und beheizt, mit guten Lüftungsmöglichkeiten, Teppichboden statt nackter Beton, und an der Wand eine Hausbar. Aber das war nun mal nicht der Fall.

Alles weitere Geschehen war nur konsequent. Kinderbetreuung am Abend, wenn ich von der Arbeit kam, hin oder her; meine Frau hat mir irgendwann während meines Wahns sogar eine Lokomotive geschenkt, somit hat sie ihn sanktioniert. So begann es, das opus maximum, das große Werk, das mich während der nächsten drei Jahre einiges Geld und etliche Zeit für meine Familie gekostet hat.

         

Dunkel erinnere ich mich an die erste kurze Phase, in der ich auf dem nackten Boden ein paar Gleise aufbaute und meine Züge fahren ließ. Ich weiß garnicht mehr, wie ich da schon ein paar Elemente zur Landschaftsgestaltung einfügte. Es war schnell zu erkennen, dass dies nicht der richtige Weg war, um eine richtige Anlage zu bauen; ich musste von unten an die Schienen heran, um die Elektrokabel zu verlegen. So wurde die Landschaft mit ihnen nicht belastet.

Der alte Schrank wurde zerlegt, das ergab einige Flächen, die in die Horizontale gebracht werden mussten. Ein Paar Holzböcke, wie man sie zum Tapezieren braucht, hatte ich noch; mein Examen hatte ich damit absolviert, denn in Verbindung mit einer einfachen Holzplatte war das mein Schreibtisch in Göttingen gewesen. Im Garten faulte ein Gerüst aus Holzbalken vor sich hin, wohl früher gedacht als Vorrichtung, um die Teppiche aufzuhängen und zu klopfen, oder Wäsche zu trocknen. Ich sägte die Balken ab, warf die faulen Anteile weg und erhielt weitere Säulenelemente, um meine Karstadt-Platten horizontal zu stabilisieren. Allmählich erhielt ich eine Fläche, die groß genug war, um eine richtige Anlage zu ermöglichen. In der Mitte ließ ich eine Lücke, um an die Anlage auch von innen herankommen zu können. Fehlende Holzplatten zu bekommen, das war kein Problem, und allmählich war der Kellerraum ausgefüllt von meiner Horizontalfläche.

Allerdings war diese Fläche ganz und garnicht eben. Durch die verschiedenartigen Elemente ergaben sich erhebliche Niveau-Unterschiede. Da musste streckenweise korrigiert werden. Schon hatte ich die ersten Schienen angelegt; und bei der ringförmigen Gestalt musste ich ständig knien, um unten über den kalten Beton durch die Anlage in die Mitte zu kommen. Ein Knieleiden war die Folge. Im Krankenhaus, meiner Arbeitsstelle, humpelte ich monatelang; ein normaler Gang war mir aus Gründen der Schmerzvermeidung nicht möglich. Der befreundete chirurgische Oberarzt, selbst ein Modellbauer, heute Chefarzt in Bückeburg, diagnostizierte ein unbestimmtes Überlastungssyndrom der Kniegelenke und bot mir eine Gelenksspiegelung an. Der Boden in dem Kellerraum wurde mit alten Teppichen bedeckt, aber die Notwendigkeit, unter den Holzkonstruktionen hin- und herzukriechen, blieb, wie auch meine Knieschmerzen.

 

Die Konstruktion bedurfte ständiger Korrekturen, aber an der Oberfläche entstand langsam eine phantastische Scheinwelt. Zu dieser Zeit hatte ich einen jungen Freund aus dem Krankenhaus, der, in gleichem Interesse d.h. von der gleichen Krankheit erfasst, mich begleitete; oft besuchte er mich und brachte auch sein rollendes Material mit, um es auf meiner Anlage fahren zu lassen. Er hat auch Fotos gemacht und mir am Ende ein Album geschenkt mit Bildern, die die Anlage in ihrem schönsten Stadium zu zeigen imstande sind. Und nicht mehr die Bilder aus den Katalogen bestimmten meine Phantasie, sondern die Arrangements meiner Anlage, wie sie in seinen Bildern zum Ausdruck kommen.

Dabei war ich stets so kritisch. Mein Realitätssinn versagte nicht. Ich wusste natürlich, dass das Hauptwerk der Anlage, der Großbahnhof, Zentrum jeder Gestaltung, tüchtig an der Wirklichkeit vorbeiging. Ein echter Bahnhof hätte die fünffach größere Fläche benötigt. Vor allem in der Länge konnte ich der Realität nicht gerecht werden, obwohl mein Bahnhof - er trug den Namen „Rheinburg“ - die ganze Seitenlänge des Kellerraumes einnahm. Ich vertuschte das Problem ein wenig, indem ich an beiden Enden der Bahnhofsgleise einen Tunnel installierte. Hier verschwand die fiktive Länge der notwendigen Doppelgleise im Dunkeln.

Technisch gesehen war dieser Bahnhof natürlich der Knotenpunkt der Gleisführung und von jeder Schiene aus erreichbar. Fünf Stromkreise hatte ich, somit konnte ich fünf Züge jeweils über ihren Transformator unabhängig voneinander fahren lassen. Dazu gab es noch eine Reihe von Seitengleisen, auf denen ich einen Zug aus den Stromkreisen herausnehmen und parken konnte. An der Stirnseite der ganzen Anlage gab es unterhalb einer Berglandschaft eine Aussparung, die die ganzen Transformatoren, Schaltpulte und Stromverbindungen beherbergte. Hier hatte ich auch eine kleine Fläche für Aschenbecher und Weinglas, saß auf einem Hocker davor und war für die Anlage optisch gesehen ganz unbedeutend, indem nur mein Kopf die Landschaft überragte.

 

Es gab recht lange gerade Strecken, auf denen der Zug sehr wirkungsvoll aus der Tiefe auf den Betrachter zukam. Bei langsamer Fahrt gewann er etwas Bedeutungsvolles wie eine Mitteilung aus weiter Ferne. Ein Zug hat es ja so an sich, dass er weite Strecken überwindet. Diese Weite gab es nicht auf den Brettern. Da machten sich die Tunnels sehr gut, denn sie verlängerten die Strecken hinein in die Räume der Phantasie.

Bei den Tunnels war es auch immer sehr reizvoll, wenn sie einen Zug zur Welt brachten, ihn sozusagen im Vorgang der Geburt aus ihrem Schlund entließen. Es hatte ein kleines Überraschungsmoment, wenn mit einem Mal eine Dampflokomotive die Bühne betrat quasi mit einem gewissen Anspruch, den sie dann mit der Menge ihrer Waggons bekräftigte. Es konnte aber auch ein harmloser Triebwagen sein, der sich weit weniger aufdringlich herauswand und dabei mehr die Eigenheiten der Umgebung betonte.

 

Aber der Spaß des Ganzen bestand überraschenderweise mit der Zeit nicht mehr darin, die Gleise und ihre Verflechtungen mit den Zügen zu nutzen. Nur in der Anfangsphase übte ich komplizierte Fahrmanöver, betrieb Rangierbewegungen und wollte durch die gewagtesten Umleitungen die Möglichkeiten des Gleissystems beweisen. Doch die Fehlerquote war sehr hoch. Immer wieder kam es zu Störungen; meist gerade dann, wenn Freunde und Verwandte zu Gast waren und ich meine Anlage demonstrierte. Die Personenzüge waren mit Innenbeleuchtung ausgestattet, damit hatte jeder Waggon einen eigenen Stromabnehmer an den Gleisen, und beim Übergang über Weichen gab es damit häufig Ärger. Also ließ ich dann die Züge über bekannte, vorgegebene Strecken fahren und unterließ gewagte Manöver.

Eine kleine Fahrstrecke mit der Bewegung eines nostalgischen Zuges, eines Äquivalents des Orient-Express, ein wenig in den Fenstern beleuchtet, genügte schon, um die Atmosphäre des Zugwesens einer vergangenen Zeit herzustellen, auch wenn man sie eher nur aus dem Kino kannte.

Überhaupt war die Szenerie immer steuerbar, in ihrer Darstellung geschlossen, ohne fremde, unpassende Einflüsse, ein Entgegenkommen an unsere Phantasie, die, wenn sie  faul ist, so gerne kleine umschriebene Räume liebt, in der sie sich ungestört tummeln kann. Das Wesen der Modelleisenbahn ist die Bequemlichkeit, diese aufgebaute fiktive Welt keinen störenden, gedanklich arbeitsaufwendigen Einflüssen ausgesetzt zu sehen. Man hat nur die Bedingungen eines geschlossenen Bildes vor sich. Die Überschneidung zu dramatischen Gegebenheiten, die das System übersteigen, wie z. B. emotionale Vorraussetzungen des Reisens, Notwendigkeiten der Bewegung von einem Ort zum anderen mit all ihrer Problematik, etwa familiäre Geschehnisse, die zu einer Reise zwingen, oder andere biographische Komödien oder Tragödien,  – das ist nur vage impliziert in die Phantasiewelt der Betrachtung, die sich scheut, Fragen zu beantworten, die sich weigert, mehr als nur unbestimmte Projektionen zuzulassen.

 

Das war, wie sich mir langsam herausstellte, die kindliche Note bei dieser Beschäftigung. Alles genormte Verhältnisse, immer durchaus normale, zumutbare Situationen, bloß keine Herausforderungen. Wenn ich mir die Kataloge durchblätterte, um meine Anlage zu ergänzen, fiel mir auf, dass die technischen Angebote - Loks, Waggons, Signale, Gebäude, Autos - sich in Detailtreue überschlugen, während menschliche Produkte, vor allem die kleinen Figürchen, die Bahnpersonal oder Reisende darstellen sollten, keine persönlichen Züge trugen; sie waren klischeehaft, unbestimmt, nicht individuell, kein Elvis Presley dabei oder ein Willy Brandt noch ein bekannter Sportler; und auch kein Behinderter im Rollstuhl.

Eine Reihe von den in den Katalogen angebotenen Kulissen haben etwas Groteskes an sich. Das Klischee wird auf die Spitze getrieben. Neben Rathäusern, Kirchen, Post und Feuerwehr gibt es auch landwirtschaftliche Situationen mit allerlei Vieh und Mistgabeln oder auch Windmühlen; neben Polizei und Hausbau mit Gerüst ein Schwimmbad, die Pensionen „Sportheim“ oder „Haus Sonneck“, das Oberbergische Schieferhaus original nebst dem Bahnhof „Alpina-Hospiz“ oder das Rathaus „Mittelstadt“. Inmitten dieser etwa alpinen oder agrarökonomischen Gegebenheiten fand ich einen kleinen Dachstuhl mit einem Künstleratelier lustig. Auch die Kirmes samt Riesenrad ist erhältlich, und feudale Großbauten wie das „Grand Hotel“ oder „Esplanade“. Und der große Bahnhof Baden-Baden, oder Bonn, im Original!

 

Im Zusammenhang mit den Güterbahnhöfen gibt es natürlich allerlei Industrieanlagen mit ganzen Gaswerken („Ruhrgas“), Brauereien oder Silos, Förderbänder, große Containerterminals, mit Namen der deutschen Industrie wie Edeka oder Esso, Dietrich-Spedition und OHU (Sand-Kies-Edelsplitt). Der Wasserturm „Hattlingen“ steht neben dem alten Fabrikgebäude „Heine & Sohn – Schrauben“. Dazwischen die Alte Hammerschmiede. Und Gleise, die zu diesen Anlagen führen, mit den entsprechenden Güterwaggons, Gleise zu den Bergwerken mit dem „Marienschacht“. Es finden sich Schilder eingeschaltet mit der Aufschrift „Vorsicht Löschgrube“ oder „Rauchen verboten“.

Recht kurios sind die Kletterer am Felsen, die originalgetreu am Seil hängen, einen Rucksack auf dem Buckel, und die Gemse im Gestein darf nicht fehlen.

 

Eine beunruhigende, schon makabre Ausnahme in dieser banalen Welt der Arbeit, des Alltags und der Normalität ist ein brennendes Haus. Es ist als plastisches Modell erhältlich mit imitierten Flammenzungen; man findet dieses skurrile Motiv aber auch auf den Panoramaplakaten, die man hinter die Anlage spannen kann und in die sich die Modellwelt übergangslos integrieren lässt. Hier haben die Hersteller sozusagen die gängigen Sitten des Modellbaus verlassen. Es ist ein gedanklicher Verrat am Prinzip. Es gibt ja auch Situationsmodelle von Verkehrsunfällen zu kaufen, dabei natürlich Rettungswagen und Polizei sowie blinkende Absperrungen, Sanitäter mit Tragebahren. Aber völlig bizarr sind etwa Automodelle mit Unfallschäden oder richtige Unfall-Wracks.

Das Geschäft blüht mit diesen Modellwelten, und wen verwundert es, wenn in dieser Sparte auch die Brücke am Kwai erhältlich ist – einschließlich eines Zuges, der in eine solch exotische Welt passt.

 

Es könnte eine geeignete Ersatzwelt sein. Wenn wir nicht eine eigene Biographie hinter uns hätten, eine Vergangenheit mit persönlichen Erlebnissen, ein  Schicksal, individuelle Prägungen, die unseren Charakter geformt haben, spezifische Nuancierungen, allerlei höhere Werte, alles, was unser Dasein mit seinen unvorhersehbaren Risiken und der Menge der unvermeidbaren Unverständlichkeiten uns aufzwingt und uns Angst macht; - hier in dieser kleinen Scheinwelt kann man eine wenn auch begrenzte, aber beruhigende Vielfalt finden. Die Menge der Details mit banalem Charakter erhöht die Sicherheit. Und die kleinen Modelle der Damen auf dem Bahnsteig tragen wohlproportioniert ihr zeitgemäßes Design mit kurzen Röcken zur Schau und warten in lasziver Körperhaltung kapriziös auf den Zug.

Die Komplexität des tatsächlichen Lebens wird genormt, entindividualisiert, es bleibt eine ausführliche Beschreibung von inhaltslosen Rahmenbedingungen. Ein scheinbar komplettes Bild des Lebens, ohne alle unangenehmen Beigaben, sortiert und emotional klimatisiert, homogenisiert und sterilisiert wie die Milch in unseren Tetrapaks, harmonisiert und auf nur begrenzte Konfliktsituationen zurückgeschraubt, wie Unfallberichte, wie man sie auf Distanz in den Nachrichten hört, sozial verträglich und krisenfest.

Diese determinierte Welt bietet sich an als geeigneter Hintergrund für den indiskreten Geist, der Boulevardblätter gerne liest mit ihren banalen Schicksalsgeschichten, ihren Seifenopern. Auch meine Anlage war für manche mögliche Geschichte gut - Kulisse pur; und das macht den Betrachter zum Autor einer Geschichte seiner Phantasie, zum Regisseur und zum Hauptdarsteller, kurz gesagt, zum Träumer. -

 

Bei der Landschaftsgestaltung hatte ich meine eigene Technik, indem ich irgendwelche Füllmaterialien, eigentlich Abfall, mit einem billigen Stoff abdeckte und diesen mit einem Gemisch aus Farbe, Wasser und Gips bestrich. Das gab dem Stoff eine gewisse Festigkeit. Aus Modellkarton konnte man allerlei Mauerwerk simulieren und einbauen, die Flächen konnten mit Streumaterial überdeckt werden; und mein besonderer Stolz galt der Herstellung von Felsstruktur. Dazu brauchte man nur die abhängigen Flächen mit einem Gipsbrei zu bestreichen, wobei die Oberfläche des noch weichen Gipses geschickt gestaltet werden musste. Die getrocknete Fläche bemalte ich dann, und wenn die Farbe halb trocken war, wischte ich die Oberfläche mit einem feuchten Tuch leicht ab. Die hervortretenden Strukturen wurden heller, die tieferen Ritzen und Spalten blieben dunkler. Der Effekt war durchaus reizvoll.

Bei den Katalogprodukten hat mich oft ihre glänzende, wie neu aussehende Oberfläche gestört. Solche steril funkelnden  Flächen sah man doch in der Wirklichkeit nicht, und sie verrieten - wie ich empfand - das Material, aus dem die Modelle waren: Plastik. Bei Modellhäusern, die ich mit Liebe zusammengeklebt hatte, war dieses Phänomen besonders ärgerlich. Kann man sich denn  ein Lagerhaus vorstellen, das direkt an den Gleisen steht, und eine frische, fast strahlende Fläche aufweist, die sogar Licht reflektiert? Waren denn die alten Dampfloks nicht berüchtigt für ihre Abgabe von Ruß? 

Also begann ich, solche neuen Teile, meist Gebäude aller Art, einer Behandlung zuzuführen, die eine gewisse stumpfe Patina schaffen sollte, die Illusion von Staub und Verschleiß. Mit der Zeit wurde dies zur Gewohnheit, sogar zur Passion, und allerlei Häuser und sogar Autos wurden patinisiert, d.h. mit einer Schmutzlösung überzogen. Allmählich musste ich meinen Drang bremsen, sämtliche Autos, Waggons oder sogar Personenfigürchen und die stolzen Lokomotiven auf alt zu stylen. Doch etliches vom Mauerwerk kam um diese Behandlung nicht herum.

Die Lösung, die ich als Anstrich verwendete, war ein Gemisch aus einigen Farben, im Grundton war es wohl ein Umbra. Umbra ist ein spezifischer Farbton, es ist ein lateinisches Wort und heißt auf deutsch Schatten. Für alle Anstriche, die ich auf der gesamten Anlage vornahm, einschließlich der Felsen, hatte ich nur einen einzigen Farbtopf, der allerdings ergänzt und variiert wurde durch Zugabe von neuen Farben, Wasser oder manchmal sogar durch Zigarettenasche (wunderbar; in der Tiefe des Topfs sammelten sich kleine festere Partikelchen, und der Anstrich, vom Boden des Farbtopfes geholt, ergab eine leicht krümelige Oberfläche). Diesen Topf habe ich niemals ausgewechselt. Es gab nur eine Ausnahme: den grauen Lack, den ich für die Straßendecke, den Asphalt, verwendete.

 

Bei allen netten landschaftlichen Gegebenheiten hatte ich eine besondere Vorliebe für das Abgestandene dieser Kleinwelt, verbrauchtes Material, Wracks, Reste von Sand oder anderen Materialien, Bauteilen, alles, was so herumliegt. Die Welt der Eisenbahn ist in Verbindung von Transport und Verkehr, Industrie und Produktion nicht zu trennen vom Abfall, dem Liegengelassenen, den Spänen beim Hobeln in einem imaginären Bereich der fleißigen Tätigkeit.

 Und so achtete ich darauf, dass sich in den Ecken und Winkeln meiner Anlage allerlei Abgestandenes fand, nicht mehr Gebrauchtes, Reste, alles Patina-frisiert, und dieses war fast der attraktivste Teil meiner Schattenwelt.

Und in den drei Jahren meiner Verlorenheit rückte ich immer mehr ab von der eigentlichen Eisenbahn, den Lokomotiven und Waggons, Schienen und Bahnsteigen. Alles, was damit direkt zusammenhing, trat mehr und mehr in den Hintergrund, und mein Interesse galt zunehmend den stillen Gegebenheiten der Anlage, den Orten, wo die Bahn garnicht in Erscheinung trat, kleinen Winkeln, Oasen der Ruhe und der Idylle, wie etwa Szenen der Landstraße, Kristallisationspunkte der Normalität; und ihre Nähe zum Kitsch, der ja der Anlage oder dem Modellbau insgesamt anhaftet, störte mich nicht. Keine Berührungsängste zum Klischee, das war das Motto, und ich liebte diese Ecken, die in ihrer Banalität nicht zu übertreffen waren. Warum trafen an jener simplen Straßenkreuzung gerade diese Fahrzeuge, ein Kleintransporter, eine Ente und ein LKW, mit Sand beladen, aufeinander? Wenn diese Gegebenheit real wäre, welche Schicksale würden sich daraus ergeben? Und welche Veränderungen in einem solchen fiktiven Verlauf könnte eine Einflussnahme meinerseits auslösen? Absurde Gedanken, die nicht genügend zwischen Illusion und Wirklichkeit unterscheiden wollen; und die Projektion dabei, das Hineinlesen von persönlichen Momenten, stets an der Leine!

Was sich hier abspielte, war ja die Beschreibung des Lebens von anderen Leuten; und die Distanz zur eigenen Biographie, das war vielleicht das anspruchslose und doch wertvolle Geschenk, das dem Modellbauer gemacht wurde. Etwa so, als ob einem zu Weihnachten ein Geschenk überreicht würde in einer wunderschönen Verpackung; man kann auspacken und dabei mit der Verpackung spielen und sinnen. Aber man verzichtet darauf, den Inhalt endlich herauszunehmen, und erhält sich dabei das Träumen davon, was es denn wirklich sein könnte. Oh, der Inhalt war schon von großer Bedeutung, aber blieb eben immer unbestimmt.

Einiges von dem, was Menschen so tun, bildete sich in der Anlage ab. Die Leute gehen in die Kirche, und manchmal muss einer mit dem gelben Lieferwagen zu dem abseits gelegenen kleinen Kirchenbau hinfahren und hat dabei etwas im Sinn; er muss saubermachen, einige Glühbirnen auswechseln; oder ist er ein Orgelbauer, der nach dem Instrument in der Kirche sieht. Soll man fragen, ob es das zweigestrichene cis der Oboenstimme ist, das nicht funktioniert? Oder haperts am Gebläse? Keine Antwort, und keine weitere Nachfrage. Nur ein gelber Lieferwagen parkt vor der Kirche.

Am privatesten waren einige wenige Szenen um ein paar kleine Einfamilienhäuser herum. Etwa eine Frau, kaum erkennbar, die im Garten Teppiche klopfte, etwas, was ich in meiner Kindheit gelegentlich auch tun musste. Sie war dort, diese Frau, auf der kleinen Terrasse, schwang den Teppichklopfer und kümmerte sich sonst um überhaupt nichts. Unglaublich. Heute noch tut sie das in irgendeiner Schublade meiner Kinder und am Ablauf ihrer Bewegungen hat sich nichts geändert.

Und nur ein paar Meter weiter, gegenüber der Telephonzelle, fuhr jener wunderschöne edelbraune Mercedes-Kombi auf dem schmalen, aber asphaltierten Privatweg davon. Nie habe ich in Wirklichkeit einen so schönen Mercedes gesehen.

 

Es waren diese versteckten, für mich faszinierenden Details, die mein Interesse an der Anlage allmählich auszehrten. Weiter ging die ins Einzelne gehende und dennoch auf personeller Ebene gewollt distanzierte Darstellung einfach nicht. Ich geriet in Konfrontation mit dem Sinn der ganzen Sache. Die letzten Phasen des Aufbaus hatten mir Spaß gemacht, und ich erinnere mich, dass ich manchen Abend nach Hause kam mit nur einem winzigen, billigen Detail in der Tasche, einem kleinen Hydranten zum Beispiel, und daran, dass dessen Aufstellung innerhalb irgendeiner Anordnung der Anlage mir überproportionale Freude bereitete.

Die Bank im Grünen, in einer kleinen Wiesenfläche stehend, dieses an Fehl-Information nicht mehr zu unterbietende Motiv, stand am Ende meiner modellbauerischen Tätigkeit. Sie war der Gipfel der Darstellung, die nichts mehr darstellt. Ich vermochte innerhalb der Anlage nur noch das Fehlen von Accessoirs zu bilden. Es konnte nicht weitergehen, denn die Verwirklichung des Ambiente, als eine absolut exklusive Gegebenheit definiert, war auf dieser Ebene nicht weiterzuführen. Die Bank war leer. -

 

Mein treuer Freund Barnie begleitete mich bei all den Tätigkeiten und gab mir manchen Tip; in technischer Hinsicht war er mir überlegen. Er hatte angefangen, bei sich zu Hause auch eine Anlage zu errichten, obwohl er verliebt und nachher frisch verheiratet war! Mit viel Liebe machte er eine ganze Serie von Photoaufnahmen in meinem Keller, vielleicht schon im Bewusstsein des drohenden Untergangs, und schenkte mir ein ganzes Album, als Dank für was?

Gelegentlich kam Besuch und ich führte die Leute in den übelriechenden Kellerraum. Ich weiß nicht, was sie mehr erstaunte, die Anlage oder die kindliche Art meines Hobbys. Meine Kinder brachte ich öfter hinunter; sie bestaunten ebenfalls alles nach Gebühr, aber da sie nichts machen konnten und nichts nach ihrem Gusto anfassen durften, wurde es ihnen schnell langweilig. Wenn sie einen Transformator bedienten, um einen Zug fahren zu lassen, konnten sie nicht über den Rand der Landschaft hinwegsehen, somit brachte das für sie auch nichts. Meine Frau seufzte und machte das Abendessen, nachher wartete sie geduldig auf mich.

 

Es kam die Zeit, dass sich meine berufliche Tätigkeit änderte und wir in ein anderes Haus zogen. Die Anlage gab ich auf. Es gab viel zu verpacken und viel für den Müll. Ein junger Mann aus der Nachbarschaft - er und sein Vater waren der Leidenschaft des Modellbaus schon länger ergeben - kam öfter und holte sich das eine oder andere Stück aus der Landschaft, denn davon wollte ich nichts aufheben. Wie ein Geier kam er mir manchmal vor, wenn er gierig auf die Brocken der zerteilten Berge oder die Felsfragmente blickte. Ich hatte nicht vor, nochmals in dieser Richtung tätig zu werden. Ich fragte mich manchmal, wie meine Teile wohl in seiner Anlage aussehen würden, doch ich habe ihn nie besucht. Ich war überzeugt, dass solche Teile eigentlich nirgendwo hinzupassten; denn meine Anlage, so dachte ich, war aus einem Guss gewesen.

Neues Haus, neue Art der beruflichen Tätigkeit, mit weit mehr Selbstverantwortung. Das Haus war größer als das alte, und auch unterkellert, trotzdem hätte ich keinen Platz gehabt. Die Kinder hatten jeder ein Zimmer; hier bauten wir zur Weihnachtszeit ein paar Schienen auf und ließen ein oder zwei Züge fahren. Ein paar gerettete Gebäude neben die Schienen gestellt, ein paar Kartons kamen hinzu, und es war wie in meiner Kindheit. Doch meine Kinder gerieten nie derartig in den Sog dieser Scheinwelt.

 

In der Zwischenzeit hatte ich ein reales, ausgesprochen schönes Erlebnis mit der modernen Bahn. Ich fuhr mit dem ICE nach Mainz und holte mir dort meinen Doktortitel ab. Ganz abgesehen vom Anlass – es war einfach wunderschön, den Rhein entlang zu fahren und, im Speisewagen sitzend, auf der gegenüber liegenden Seite die Züge direkt am Fluss, unter der Kulisse der Rheinburgen und der malerischen Ortschaften, zu betrachten und ein wenig zu sinnieren. Ich kann mich erinnern, dass mir die Welt der Modelleisenbahn durchaus in den Sinn kam, aber ohne große emotionale Beteiligung; die Krankheit war anscheinend ausgestanden. 

 

Immerhin kaufte ich auch in den kommenden Jahren, immer zur Adventszeit, den Katalog der Firma, die damals von meiner Passion profitiert hatte; wie ich mir vormachte, erwarb ich den Katalog auch für meine beiden Buben, und auch im Sinne des Sammlers, denn sowohl für alte Modelle als auch für alte Kataloge gab es einen profitablen Markt, und die Jungs hätten später sowohl Modelle als auch Kataloge gehabt als eine Wertreserve – so ähnlich wie Münzen oder Briefmarken.

 

Bei der Betrachtung der Abbildungen in diesen neuen Katalogen meinte ich, dass manche Elemente der jetzt zum Verkauf angebotenen Scheinwelt meiner damaligen Art der Gestaltung entgegen kamen. Die Felsen waren von der Struktur her so gut wie meine; und die Art der Schienenmodellierung führte sogar zu einem neuen Schienentypus der Firma, bei dem die Gestaltung des Gleisschotters ähnlich war wie bei mir. Die Pigmentierung, die Betonung der Patina, kam in den neueren Abbildungen stärker als früher zum Ausdruck. Die Liebenswürdigkeit der Details, so kam es mir vor, entsprach meinen damaligen Vorstellungen.

Eine neue Tendenz war auch die dezente Gestaltung des Lichts. Man setzte nicht mehr auf die sehr helle, protzige Beleuchtung, sondern bevorzugte eine eher gemäßigte, realistische Präsenz der Helligkeit. Allerdings fand aber immer noch, aus meiner Erfahrung heraus, die unnatürliche Überfrequenz der Bahnsteige, was die Anzahl der Reisenden betraf, meine Kritik. Als ob dort ein Fest stattfände, so präsentierten sich die Bahnsteige in der Modellwelt, und ich wusste aus meiner Vergangenheit, dass der Aufenthalt hier meistens nicht lustig war, sondern oft mit Abschied und Verlust zu tun hatte.

 

In der neuesten Zeit ist die Welt der alten Dampflokomotiven schon eine Nostalgie, eine eher dunkle Erinnerung für die älteren, und eine vergangene Welt für die Jungen. Die Bedeutung der schweren Maschinen hat in der Phantasie allgemein zugenommen. Das Massive, Gewaltige ihres Charakters mit den Begleiterscheinungen Dampf und Ruß hat heute nichts Vergleichbares. Das hat auch die Modellbahn-Industrie verstanden, und sie hat das Gewichtige, Unwiderstehliche, Unaufhaltsame ihres Charakters, den gewaltigen physikalischen Schwung ihrer Masse, ihre gleichsam phallische Potenz,  in die Präsentation der Werbung und der Kataloge einfließen lassen. Die neuen Elektroloks, so attraktiv sie auch sein mögen, haben nicht diese Ausstrahlung.

 

Eine eigenartige Neuerung gab es im aktuellen Angebot der zeitgemäßen, zeitgleichen Modelle. Die Seitenfläche einer E-Lok zeigte die Abbildung einer Wüstenlandschaft mit Kakteen. Oder Waggons zeigten auf ihren Flächen Darstellungen, wie sie aus der Werbung bekannt sind, fröhliche Gesichter, die sich ein Produkt vor die Nase halten. Es war die Fiktion in der Fiktion. Man verkaufte Produkte der Scheinwelt, die ihrerseits wiederum ein Bild der Scheinwelt an sich trugen. Als ob das neue virtuelle Bild, die Abbildung auf der Elektrolok, den Wahrheitscharakter des tragenden Modells beweisen sollte. Was für ein Manöver!

 

Neben den Modellen einer neuen Eisenbahnwelt, neben der zeitgemäßen, auch im Modell sichtbar realisierten Elektronik der Fahrsysteme mit ihren gegenständlichen Attributen, den Apparaten und Konstruktionen, hat sich doch ein Abschnitt des Angebots zunehmend auf die Elemente der Nostalgie konzentriert. Die Verkörperungen alter Geschäftsläden, wie ich sie noch aus meiner Kindheit kannte, bekommen hier Gestalt. Ich habe noch als Kind erlebt, wie der Pferdefuhrwagen mit Fässern vor dem Haus meines Großvaters hielt, und wie über eine niedrige Öffnung am Haus die Weinfässer auf Holzbohlen hinunter in den Weinkeller gerollt wurden. Das war immer eine Staatsaktion.

Und ein weiteres Element, das mehr in den Vordergrund trat, war die Darstellung des Abgestandenen, nicht mehr Gebrauchten, des Mülls. Auch dies erfuhr jetzt eine starke Realisierung und bestätigte die Tendenzen meiner alten Anlage.

 

Soviel ich aus meinem Bekannten- und Kollegenkreis entnehmen konnte, war der Eisenbahn-Modellbau durchaus gesellschaftsfähig. Einige sammelten nur als Wertanlage oder aus Leidenschaft, andere erzählten von ihren Landschaften zuhause, und viele hatten noch alte Modelle jener bekannten Firma aufbewahrt, die schon vor dem Kriege in Mitteleuropa den Markt beherrschte, vom Vater oder Großvater geerbt. Auch ich habe noch diese kleine Tenderlok, die mein Vater vielleicht 1954 oder 1955 gekauft hat, dazu einige alte Waggons. Ich habe noch das Modell eines grauen Porsche, im Maßstab passend, den ich mir wohl mal als Achtjähriger gekauft hatte. Auf Flohmärkten sind immer ein paar interessante Modelle zu sehen, und zahlreich sind die Messen für den Modellbau.

Mit diesem speziellen Interesse bewegte man sich in gehobenen Kreisen, und wenn man den Katalogen mit ihren geschickten Fotos Glauben schenken durfte, befand man sich mitten im Flair der Internationalität. Elegant gekleidete dunkle Afrikaner zeigten sich da entzückt über das kleine Modell eines Kühlwaggons, das sie mit einem ihre strahlend weißen Zähne zeigenden Lächeln betrachteten.

Und selbst der Klerus in seinen oberen Etagen stand nicht hintan, sich dieser Materie zuzuwenden. Der Heilige Vater selbst - so war es abgebildet - war neben einem Gleis mit einigen dieser bekannten roten Lorchen zu sehen und sanktionierte damit deren archetypische Bedeutung. Und die Messen, die bei der Leidenschaft von Bedeutung sind, behandeln nicht Weihrauch, Kelch und Monstranz, sondern Daten zu den Achsen der Loks, Angaben zu ihren Baujahren, zu den raffinierten Systemen der Beleuchtung, zu Kompatibilitätsfragen der Modellsysteme und Problemen der Steuerungselektronik. Das Faszinosum dieses Hobbys steht vielleicht in seiner latenten Transzendenz in einer nicht allzu geringen Konkurrenz zu jener zweitausend Jahre alten Firma, deren Chef, der Papst, im weißen Habit neben den schon archetypischen roten Lorchen zu sehen ist, den schlichten Kippwagen, die im Brennpunkt vieler Weihnachtsabende standen und auch mich an manchen längst vergangenen Heiligen Abend erinnern.

 

Dass auch die Welt der Damen durchaus Interesse am Modellbau haben könnte, will uns die Industrie glauben machen. Im Katalog folgendes Bild: Da wendet sich vor dem Hintergrund einer gewaltigen, mächtig-dynamischen roten Diesellok auf dem Bahngleis eine junge, überaus attraktive und schlanke Dame mit einem extrem langen Zigarettenspitz herum, zieht gerade ihre Sonnenbrille herunter und betrachtet mit neckischem Blick ein Modell-Schienengleis im Vordergrund, auf dem eben jene Diesellok en miniature einen D-Zug hinter sich herzieht. Neben ihr ein Herr im eleganten Anzug, den dieses weibliche Interesse erstaunt.

Denn unter dem Defizit, ihre Klientel nur in der einen Hälfte der Bevölkerung finden zu können, leidet die Branche, die schon längst weiß, wie sie ihre Werbung gestalten muss. Und diese Frage, und einige andere zur Attraktivität der Produkte, ist auch an den Werbepsychologen nicht vorbeigegangen, zum Beispiel, ob das Modellbauwesen auch bei älteren Erwachsenen, so lange schon der Kindheit entwachsen, beliebt sein kann. 

Mir allerdings liegen derartige psychologische Betrachtungen nicht. Der Eisenbahn-Modellbau als Industriezweig hat begonnen als Teil des Spielzeug-Marktes für die Kinder, nein, für die Buben. Abbildungen oder Imitationen der Wirklichkeit hat es ja in allen Kulturen gegeben in verschiedener Form, als Elemente des Spiels; natürlich auch solche, die für Mädchen gedacht waren. Und das industrielle Zeitalter hat sich genauso verhalten wie alte Kulturen, die ihren Kindern die Wirklichkeit über das Spiel  begreiflich - in der doppelten Bedeutung des Wortes - machen wollten. Ob uns die Realität der Gegenwart oder der relevanten Vergangenheit passt oder nicht, den Kindern muss sie nahe gebracht werden, und welche gute Absicht oder welcher Missbrauch mit dem Angebot des Spiels  verbunden ist, das entscheidet die jeweilige Gesellschaftsform. Ihr Spiegel ist es, den das Spiel der Kinder zeigt, und seit altersher sind es Klischees, der nahen oder vergangenen  Wirklichkeit entnommen, die den Kindern angeboten werden.

Und manche Erwachsene verbleiben - das ist nicht neu - als Teil einer korrumpierenden Konsumgesellschaft in ihrem Freizeitverhalten gerne in der kindlichen Welt verhaftet, aus welchen allgemeinen Gründen auch immer. Doch manche Psychologen würden diese Gründe viel lieber im streng individuellen biographischen Bereich suchen, der noch differenzierter ist. Unnötig zu sagen, dass die Bereiche miteinander verflochten sind.

 

Dass ich sagen könnte, in wie vielen meiner Träume die Eisenbahn eine Rolle spielte, - und immer war das situative Empfinden dabei die Spannung, das aktive Erleben, das Abenteuer, dass irgendetwas bewältigt werden musste. Und wie oft befand ich mich im Traum mit irgendeiner Begleitung auf Bahnhöfen, nächtens ausgestiegen aus einem unsäglichen Zug, der nicht mehr der richtige, nicht mehr der weiterführende war, und das war ein Umstieg oder eine Fehlfahrt, wer weiß das schon. Und die Suche nach dem richtigen Zug, der oft an einer ganz anderen Stelle des Bahnhofs stand; und manchmal stiegen wir in einen neuen Zug, der ganz unmöglich mitten im Gleisgelände stand, ohne Bahnsteig und ohne richtige Anzeige; über Schienen und Weichen kletterten wir. - Aber anscheinend sind wir irgendwie immer wieder angekommen.

Und dann wieder neue Bilder, die mich aufsuchten, nicht unbedingt bedrohlich, aber mit Handlung, mit Reibung, mit Ungewöhnlichem. So fuhr in einem Traum eine mächtige Dampflokomotive mit einem langen Güterzug auf einen Tunnel zu. Die Waggons hatten alle reichlich Kohle geladen, grobe Kohlenstücke, aufgetürmt hoch über den oberen Abschluss der Waggons hinaus. Als der Zug in den Tunnel hineinfuhr, stießen die obersten Kohlenstücke an das Dach des Tunnels, wurden aufgeschoben und fielen dann seitlich herab.  - Kohle, zuviel aufgeladen; der Kobold des Lebens, der uns immer wieder wie hämisch Schwierigkeiten bereiten muss, welcher Modellbauer kennt ihn nicht, als ob er uns was sagen wollte, die Tücke des Objekts, der Teufel im Detail. Jede größere Anlage ist ein Gespensterhaus, in dem es spukt. - Und den Wertstoff Kohle zu reichlich aufgetürmt, zuviel gewollt, zuviel erwartet.

 

Solche Gedanken und Erinnerungen gingen mir durch den Kopf, als ich mit meinen beiden Söhnen an jenem Adventssonntag im Wald stand, unter schneebehangenen Bäumen, eine schlichte, naturgegebene Situation, keine Bank in der Nähe; und der Auslöser war ein kurzer Abschnitt der Autobahn, deren unwirklicher Einbruch in diese stille Welt mir zu schaffen machte.

Ob wir die Welt insgesamt vielleicht in unserem Kopf als etwas zu Modellhaftes annehmen und wir die Schwelle zur Wirklichkeit nur annähernd überwinden können oder wollen; ob wir unser Leben genauso gestalten wollen, wie wir eine Landschaft und eine Umwelt im Kleinen als unser Modell formen und zurechtbiegen würden - , damals war ich stark verunsichert und betrachtete dann meine beiden Söhne - , ihnen schien bei alledem alles normal.

Und, dachte ich, dass man beim Modellbau, bei dieser eigenartigen Leidenschaft, Zeit verbraucht für untaugliche Harmonisierungen, Beschönigungen, Verdrängungen, nachträgliche Berichtigungen; Zeit, die für anderes wichtig wäre, für die Kinder, die Frau und andere Leute, die einem nahe stehen. Und ich musste mich fragen, ob ich in den Jahrzehnten, seit ich die erste Modell-Lokomotive an einem Weihnachtsabend gesehen hatte, wohl eigentlich erwachsen geworden war.