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                                                                                           A. Preusser

 

   

                                   Morpheus & Co.

 

 

Ein Kunststück – sich abends ins Bett legen und „sich betten“, - das ist das Verbum, das - in Kurzform - die enorme Arbeit beschreibt, die der Schlafkundige bewältigt, bevor er endlich einschläft – und das jeden Abend!

Verschiedene Planungsschritte und Arbeitsgänge sind erforderlich, um die optimalen Schlafdispositionen herauszufinden. Natürlich richten sich mancherlei Assoziationen beim Stichwort „Bett“ auf andere Themen, die mehr mit Aktivität und weniger mit Ruhe zu tun haben. Das bleibt hier unberücksichtigt, denn unser Anliegen ist hier der ruhige und bequeme Schlaf.

Mannigfaltige Umstände beeinflussen unseren Schlaf. Sie sind nur wenig vordergründig in unserem Bewusstsein  und führen mental das erwartete Schattendasein. Bei den Qualitäten, die beim Einschlafen zu richten sind, können manche Aspekte hervorgehoben werden.

 

Die morphologische Befindlichkeit des Kopfkissens

Im Rahmen der allgemeinen Zivilisierung über die Jahrhunderte ist uns manch Positives und Segensreiches beschert worden, und das Kopfkissen soll durchaus gleichgestellt werden in eine Reihe der Errungenschaften wie etwa die Hosenträger, der Schuhlöffel oder die Schnabeltasse und der Nachttopf.

Das frühere handliche Federkissen wurde im Rahmen der allgemeinen Verschleißkorrektur durch ein Kunststoffgebilde ersetzt, das den formenden Bemühungen des Einschlafenden ganz eigene Bestrebungen entgegensetzt. Man versuche das mal mit einem solchen Dynamik-Element – hat man sich das Ding ordentlich unter Kopf und Hals gesteckt, baut es oberhalb des Kopfes eine Volumen-Präferenz auf, die im Liegen zu einer Nick-Stellung des Kopfes führt. Wir schauen auf unsere Beine. Das ist bei Schlafeingang nicht die richtige Pose.

Legen wir unser edles Haupt in Seitenlage auf diese unberechenbare Gummimasse, erreichen wir wiederum nicht die gewünschte Harmonie zwischen Halswirbelsäule und Schädel. Der Kopf knickt irgendwie wieder ab.

Ja, das alte Federkopfkissen ließ sich an einer Stelle komprimieren, ohne an anderer Stelle mit Ausdehnung zu reagieren, es hielt dort stille. Die Konsistenz des neuen Kopfkissenmaterials scheint sich für Druck oder Kompression regelrecht zu rächen durch unvorhersehbare Volumenänderungen an weiteren Stellen.

Ein großes Problem.

 

Der quantitative Anteil der Körperbedeckung durch die Decke

Diese komplexe Aufgabe ist eine Fragestellung, die im Allgemeinen nur empirisch gelöst werden kann. Sie ist abhängig von der Jahreszeit und von unserer Konstitution. Nehmen wir an, es ist Winter und entsprechend kalt, dann würde man die komplette Zudeckung des Körpers für die optimale Lösung halten. Gehen wir davon aus, es wäre etwa ganz extrem kalt, dann wäre sogar die Hinzuziehung weiteren wärmedämmenden Materials in Form von Wolldecken oder etwa Schafsfellen erforderlich. Ein spezielles Management mit diesen Materialien und in einem solchen Falle braucht nicht eigens beschrieben zu werden.

Im Normalfall (welcher ist das?) besteht fast immer ein gewisser Wärmeschutzbedarf. Im Winter, aber auch in Übergangszeiten (Herbst, Frühjahr) brauchen wir die Decke zum Wärmen, - aber nicht unbegrenzt.

Ein leichtes Frieren gilt als durchaus positives Initialmoment für den Bettgang. Unter der Decke kommt nach einiger Zeit des Fröstelns ein wohliges Wärmegefühl auf. Es macht aber gerade in diesem Fall Sinn, einen kleineren Teil des Körpers unbedeckt der kühleren Außenwelt zu überlassen. Das Frösteln in diesem Teil – sei es jetzt ein halbes Bein oder ein Arm – verstärkt den positiven Wärmeeindruck in all den anderen Körperbereichen; diese Manipulation hat durchaus ein wertvolles Resultat im Genießen der wohligen Temperatur. Eine quantitative Handhabung ist mannigfaltig möglich; wir wollen nicht auf die Vielfalt in Bezug auf die Validität der Freihaltung von Fingern oder Vorfüßen eingehen.

 

Der Deckentanz

Nicht nur mir wird es als eine Spezialität im Umgang mit der Decke erscheinen, wenn wir betrachten, wie wir die Decke umdrehen. Gäbe es ein Motiv, die Decke umzudrehen - was wäre die Ursache? Man möchte zum Beispiel nicht das Ende der Decke am Kopfteil haben, um unangenehmen Gerüchen von dem als Fußteil benutzten Ende auszuweichen. Oder irgendwelche Knöpfe stören  und die Decke liegt falsch herum.

Wie auch immer, es gilt nun, die Decke umzudrehen - im Liegen! Wer steht schon auf für so etwas. Das haben wir doch schon als Kinder gekonnt. Nun - man kann die Decke von  oben nach unten wenden in der Horizontalebene, das wäre Kopfteil zu Fußteil kehren; man kann aber auch die Oberseite zur Unterseite machen, das ist die Kehre in der Vertikalebene. Dabei nutzt man z. B. die obere gekühlte Deckenseite als Unterseite, im Sommer manchmal angenehm. Überhaupt - eine im Schlafeskampf unordentlich gewordene Decke ohne Zuordnung muss einer gefälligen Ästhetik geometrischer Werte zugeführt werden.

Der Deckentanz - im Liegen stehen uns alle vier Extremitäten in einer ausgezeichneten Ausgangsposition zur Verfügung; mit diesen vier geschickten Stützen lassen sich die Decken - wie gesagt bei einer kontinuierlichen Übung seit Kindertagen - ohne Mühe tanzend über unserem Haupte bewegen; es ist einfach erstaunlich, wie wir oft im Halbschlaf mit traumwandlerischen Sicherheit die Decke drehen und wenden können, ohne dass uns die einzelnen Schritte unserer Extremitäten bewusst sind. Und wie ein losgelöstes dionysisches Firmament kreist die Decke über uns elegant im Nachtdunkel wie ein seliger Tanz des Himmels.

 

Die funktionale Distanz zwischen Kopfkissen und Decke

Die bis jetzt genannten Feinheiten im Umgang mit Kopfkissen und Decke erfahren eine neue Qualität, wenn es sich um das Miteinander dieser beiden Bereiche handelt. Dies ist ein sehr kreatives Moment auf dem Gebiet des „sich Bettens“, die Komposition von Kissen und Decke, von Kopf und Körper, von Denkapparat und ausführendem Organ, symbolisch von Geist und Materie, als deren Protagonisten sich Kissen und Decke gerieren können.

Der gewollte oder nicht gewollte Einzug von Fremdluft im Bereich des Halses bedarf einer raffinierten Regulierung. Es handelt sich hier um eine extrem sensible Übergangszone, die klassische Krisenregion, sozusagen der casus cnusus criticus, bei dem auch psychische Faktoren ihre Rolle spielen.

Die Standardlösung besteht in einer Linksseitenlage (vorteilhaft schon durch die bereits von den Etruskern über ihre liegenden figuralen Plastiken bekannte positive prokinetische, entleerungsfördernde und damit erleichternde Wirkung dieser Lagerung auf den Magen), bei der man die linke Hand oder Faust seitlich unter das Kopfkissen oder in selbiges hinein und damit unter den Kopf legt und so etwaige Unliebsamkeiten von dieser Seite ausgleicht; dabei kann man noch mit der rechten Hand die Decke so an den Hals heranziehen, dass dort kein Zwischenraum bestehen bleibt. Das geschieht aber ad libitum – möglicherweise kann es erwünscht sein, hier am Hals eine Lücke für die Luft zu lassen; eine differenzierte Regulierung ist mechanisch leicht möglich.

Den rechten Arm legt man in Linksseitenlage vor den Oberkörper hinauf zum linken Arm und legt die rechte Hand auf den linken Oberarm. Da kann man mit der rechten Hand leicht die Deckenregulation in dieser Region vornehmen. Etwaige unliebsame Prominenzen oder Protuberanzen des Kopfkissens oder der Decke lassen sich durch die rechte Hand leicht zurückstauchen. Dann kann man auch leichte Irritationen im Gesichtsbereich (Jucken, Reizzustände, Augen) mit der rechten Hand ohne großes Aufheben versorgen.

 

Die Lufthoheit der Füße und die Wärmeregulierung

Wer eine gewisse Körpergröße überschreitet, bekommt eventuell Probleme mit der Bettlänge. Und manch einer von den „Langen“ ist schon daran gewöhnt, dass die Füße aus der Bettdecke herausschauen. In diesem Falle ist es nicht ratsam, diesen Trend durchbrechen zu wollen. Die Füße sind auch bei Tieren nicht besonders durch biologische Wärmedämmer geschützt, und man sieht wohl Hunde oder Katzen kaum mit einer Fußdecke oder mit Socken. Lassen wir die Füße ruhig an der freien Luft, sie können das ab, und das Lüften mag etwas eigenständig Positives an sich haben. Kleinere Menschen könnten vielleicht im Gegenteil ohne Not Gefallen daran finden, die Füße abzudecken und der freien Luft auszusetzen. Auch ein Wechseln in der langen Nacht zwischen Ab- und Zudecken kann reizvoll sein. An warmen Tagen kann die Berührung mit der Decke sogar einen Kühleffekt auf die Beine ausüben, der sehr angenehm ist, aber nicht lange vorhält.

 

Die unabänderliche Konstante der Matratzenqualität

Da kommen wir nun zu dem Punkt, der sich nicht ad hoc, jedenfalls nicht ohne aufwendige Umstände beim nächtlichen Betten ändern lässt. Das Gebilde, auf dem wir ruhen, ist ein differenziertes Produkt unserer entwickelten Zivilisation. Einige interessante Aspekte zum Thema Matratze liefert die Werbung, die hier vorgeblich wissenschaftliche Erkenntnisse heranzieht, um das Produkt attraktiver erscheinen zu lassen. Auf den Matratzen sieht man werbemäßig häufig blanke Wirbelsäulen in allen möglichen Lagen, die, so scheint es, auf Gedeih und Verderb der Qualität der Unterlage ausgeliefert sind. Was man davon halten soll? – auch die Orthopäden sind sich da offensichtlich nicht einig. Man kann aber nicht negieren, dass der Schlaf auf verschiedenen Matratzen – sei es im Urlaub oder auf Besuch – unterschiedliche Ruhequalitäten mit sich bringen kann.

 

Qualitäten außerhalb des Bettes

Es ist doch wohl üblich, Schlafräume nicht zu heizen; ob andererseits in jedem Falle, auch im klirrendsten Winter ein Fenster offen sein muss, sei dahin gestellt. Auf jeden Fall macht eine zu hohe Schlafzimmertemperatur keinen Sinn, denn dann entfällt auch weitgehend das ganze reizvolle Management mit Kopfkissen und besonders mit der Bettdecke. Na wir wollen uns ja auch nicht zum Kühlen auf den nackten Fußboden legen (in heißen südlichen Regionen durchaus nicht unüblich).

Verschiedene Geräusche sind lokalspezifisch; wieweit da beim Einzelnen die Toleranzgrenze reicht gegenüber Lärmbelastung, ist individuell verschieden, ist auch vielfach eine Sache der Gewöhnung. Bei Kindern ist der Wunsch der Eltern nach absoluter Schlafstille Unsinn; Kinder leben mit Sinneseindrücken, diese beschäftigen ihre Phantasie und fördern – soweit sie nicht ängstigen – die Entwicklung. Ob da bei Erwachsenen das Bedürfnis nach absoluter Ruhe angemessen ist? Oder etwa mehr ein Produkt der Biographie?

Ein Luftzug kann äußerst unangenehm sein. Versteckte Öffnungen des Schlafraumes sind möglicherweise die Ursache. Interessant ist, dass nach aller Erfahrung Zug als Luftbewegung in seiner direkten Wirkung oder in seinen Folgen als wesentlich unangenehmer empfunden wird als die absolute Lufttemperatur, sei sie noch so kalt oder heiß. Dagegen soll die Raumluft Bewegung haben können. Vielleicht die Tür leicht offen lassen?

Ach und die Untermieter, das Ungeziefer, sei es jetzt im Bett oder als quälende surrende Kulisse im Schlafzimmer! Die Insekten sind nicht unsere Freunde und nicht unsere Feinde. Wir würden es uns zu leicht machen, sie als nur eine von beiden Rollen zu begreifen.

 

Dramatisches Zwischenspiel: Das Schnarchen

Eine eigenwillige Dramatik kommt den akustischen Emanationen zu, die nächtens auf uns einwirken, wenn sie dem Gehege der Zähne des Lebensgefährten entweichen. Die Bandbreite dieser Laute reicht von milden, vielleicht säuselnden hauchähnlichen Sphärenklängen oder leichten plätschernden Geräuschen, die an den Wellenschlag am Ufer eines schönen Flusses erinnern – bis zu wilden eruptiven Gurgitationen orkanähnlichen Charakters, die sich aus dem nasopharyngealen Raum des Mitbewohners  manchmal wie eine donnernde Reiterherde durch das Schlafzimmer verbreiten. Dazwischen treten unvermutet stille Momente auf und man fühlt sich wie im Auge einer Windhose, umgeben vorher und nachher von den verschiedensten lebhaften Eindrücken  unserer Hörorgane. Ein lebendiges Feld!

Wer nicht über ausreichende contenance gegenüber diesen Lautvarianten aufbringt, der kann sich – in bewährter Linksseitenlage – mit der linken, evtl. im Kissen befindlichen Hand mit Hilfe desselbigen das linke Ohr zuhalten, und mit der Rechten ein Stück Decke ans rechte Ohr drücken. So hat man eine gewisse Schalldämpfung.

Zum Morgen erscheinen uns diese akustischen Erlebnisse aus den tiefsten Schlünden wie Teile eines Traums, keinen Deut kümmern wir uns um ihre mögliche Bedeutung; wir haben uns schon an sie gewöhnt.

 

Die Zeit – das Erlebnis der Nacht

Gegenüber der Tagestätigkeit mit ihren vielen – vielleicht zu vielen – Abwechslungen und Überraschungen, mit den vielen notwendigen Entscheidungen, die wir unter dem hellen Tageshimmel sofort, augenblicklich treffen müssen, hat die Nacht – von den Schnarchepisoden abgesehen - einen vergleichsweise ruhigen Verlauf. Schon ganz unbewusst nehmen wir die Manipulationen mit den Gegebenheiten des Bettes regulierend wahr, und eine ganze Menge an Erfahrung und Gewohnheit kommt uns da zu Hilfe und bewahrt uns vor dem, was tagsüber der Stress darstellt. In tiefer Nacht ein leiser Gang des Lebensgefährten zur Toilette, dumpfe Geräusche aus dem Bereich des Vegetativums, wie auch immer, all das ist eingebunden in den Charakter der dunklen Seite des Lebens, die ihre Vorzüge hat und die auch das Erlebnis des Schnarchens zu ertragen weiß. Wir schlafen eben nicht ununterbrochen; wie unsere Wahrnehmung nachts arbeitet, ist uns selbst nicht recht bewusst. Bekannt ist ja, dass ein Mensch über eine schlaflose Nacht klagen kann; dagegen andere, die Gelegenheit hatten, diesen Menschen zu beobachten (Pflegepersonal), einen fast durchgehenden Schlaf bestätigen. Wir haben da, scheint es, nicht so die rechte Kontrolle über unser Wach- oder Schlafsein.

In der zweiten Hälfte der Nacht – vielleicht dass die Vigilanz schon etwas zu-genommen hat - registriert der „wahrnehmende“ Schlafende (oder Wache) allerlei, was auf den zu erwartenden Morgen hinweist.

Ein paar trippelnde Schritte auf der Treppe zur Haustür und dann das Geklappere des Messingdeckels zum Briefkasten, im Halbschlaf wahrgenommen, das weist wohl auf eine Uhrzeit von vier bis fünf morgens hin, wenn die Citypost gebracht wird. Anschließend Ruhe eine Weile, bis ein leichtes Verkehrsaufkommen von der Straße her zu vermerken ist. Das deutet auf sechs Uhr morgens hin in ein fleißigen Stadt. Dann haben wir noch eine letzte Chance zur Ruhe, wobei sommers schon die Helligkeit das Ende der Nacht bringt. Und um diese ersten Stunden des Tagwerdens machen sich, je nach Jahreszeit, die lieben Vögelchen bemerkbar mit ihrem Konzert. Endlich - gegen sieben Uhr - wieder die Geräusche der Fahrzeuge, die jetzt den Tag bestätigen. Nun aber aufstehen, sonst ertönt noch das Klingeln des Weckers mit seinem unangenehmen timbre.

Guten Morgen!