Albrecht Preusser

 

 

 

 

                        Dalmatinisches Steinkleid und 

 

                    kurzhistorische Ästhetik

 

 

                 Steckbriefe aus dem Hinterland von Split
 
 
 
 
 
Dr. med. Albrecht Preusser
Seetorstr. 5
31737 RINTELN
Im Mai 2001
Revidiert und erweitert im Mai 2002
Erweitert 2006

 

 

       Kapitel:

Steinkleid 1

1     Meer; Stein; Küste
2     Stein & Partner
3     Stein & Form: Karst
4     Die Brunnen
5     Mikula´s Terrasse
6     Stein & Quelle
7     Stein & Haus  
8     Museumsdorf
9     Surrogat und Fragment
10   Sinj – die Stadt
11   Stein & Kreuz
12    Stein & Wein
 
 
Steinkleid 2
 
13    Das Dorf Cetina
14    Stein & Spur
15   Konaba & Kužin
16   Èaèvina
17    Geschichten
18    Stein & Regen
19    Stein & Blut
20    Olivenbäume
21   Stein & Zeit
22    Stein & Müll
23    Mestroviæ
24   Visovac
25   Ausblick; Rückblick

 

 

 

 

1

Meer; Stein; Küste

 

   

 

Schon das Küstenmeer  Dalmatiens ist geprägt  vom Material Stein. Eine bestimmte Gruppe von Inseln, weit-räumig dem Küstengebiet Mittel-Dalmatiens in der Höhe Zadar - Šibenik vorgelagert, sind die Kornaten, die „Perlen in der Krone Poseidons", kahl und leer; sei   es, dass vielleicht ein paar versprengte olympische Fischer oder Schafshirten hier leben. Diese kleinen Inseln vermitteln den Eindruck einer phantastischen Urlandschaft – etwa eines planetarischen Frühstadiums. Stein und Erde, als ob nichts anderes existierte. Deutlicher kann sich ein Material nicht präsentieren als hier in der Mitte der homogenen Masse des Meeres. Kaum ein Fremdkörper stört diese Polarität von Land und Wasser. Nach der Legende schufen die Götter diese Inseln aus den Tränen der Sterne und aus dem Hauch des Meeres – die Krönung ihres Schaffens am letzten Schöpfungstag.

An der Küste muss sich der Stein mit stärkeren Gegebenheiten auseinandersetzen, der vitalen Natur von Flora und Fauna, und dem gestaltenden Menschen. Doch auch hier,  wo sich eine zweitausend Jahre alte Kultur (wie auch anderswo im mediterranen Bereich) manifestiert hat, bleibt die Dominanz des Steins besonders typisch erhalten. Er zeigt zwar nicht seine spezifisch dalmatinische Charakteristik in den Küstenstädten, wenn es sich um urbane Nutzungen im Rahmen einer römischen Kulturprägung handelt.

Doch assoziativ wird man das Phänomen des Diokletian- Palastes in Split, mit einer Ausdehnung von 180 x 215 Metern, mit seiner ehernen Grandezza, mit den  riesigen Sälen und Fluchten, ein Werk, das alle anderen antik-römischen Bauwerke an kompakter Monumentalität, allein an seinem – vor über 1700 Jahren domestizierten – Steinaufwand übertrifft, nicht ohne den Zusammenhang mit der vom Stein beherrschten Landschaft Dalmatiens sehen wollen.

 

 

Zwei Bergzüge trennen die Stadt Split vom Hinterland: Im Norden der Kozjak, der nur eine Höhe von 780 m erreicht. Im Osten und Süden ist der Stadt ein massiger Bergzug, der Mosor (lat. massara), vorgelagert. Sein höchster Gipfel erreicht immerhin die Höhe von 1330 Metern. Zwischen beiden Bergzügen liegt eine zerklüftete Senke, die seit uralten Zeiten den Zugang zum Hinterland, Richtung Bosnien, darstellt.

Inmitten dieser Senke erhebt sich eine bizarre Gesteinsformation, auf der, wie eine Krone, die alte Burg Klis liegt. Wie aus dem Felsen gewachsen und von ihm nicht abgesetzt erscheinen ihre grauen, weitläufigen Mauern, die an das Szenario einer Fantasy-Geschichte erinnern. Hier residierten vor über tausend Jahren kroatische Könige, hier fanden später heftige Kämpfe mit den

Türken statt, die die Burg eroberten und dann wieder verloren. Ihre Höhe erlaubt einen eindrucksvollen Blick sowohl auf Split und die benachbarten Inseln als auch auf die skurrilen Formationen des Hinterlandes.

Zu Füßen der Burg, am Flüsschen Rižinice, hatte einst der Fürst Trpimir seine Pfalz; er schenkte sie der Kirche und veranlasste den Umbau in ein Kloster. Die damaligen Fürsten der Kroaten – Könige des Hinterlandes waren sie und standen sich mit den Städten, die zum byzantinischen Thema (= Verwaltungseinheit) Dalmatien gehörten und deren Bevölkerung sie als „Griechen“ bezeichneten, nicht auf bestem Fuße. Immerhin – der Spliter Erzbischof kennzeichnete den König mit dem netten Ausdruck „der liebe Pate“ (dilectus compater).

 

Und das Tälchen zu Füßen der Erhebung, auf der die Burg Klis steht, ist fruchtbar. Guter Boden - windgeschützt (vor der Bura, dem kalten Nordwind) - hier gedeiht einfach alles prächtig; und die Bewohner der Ortschaft Klis zählen zu den reichsten und begünstigsten in ganz Dalmatien.

 

 

Ein altes Wörterbuch, das mir vorliegt und das ich konsultiert habe, gibt keine Auskunft über den Begriff Ästhetik und auch nicht über den Begriff Schönheit. Bei den Wissenschaften des Mittelalters, den artes liberales, ist weder im trivium noch im quadrivium die Ästhetik („Lehre vom Schönen“) enthalten. Auch ein Wörterbuch der Philosophie aus dem Jahre 1951 verweigert sich den Begriffen Ästhetik und Schönheit. Meine Gedanken darüber bei den vielen Spaziergängen durch die Steine bleiben ziemlich unvollkommen.

 

 

 

 

 

 

 

2

 

Stein & Partner

 

 

 

 

 

 

Im Landesinneren gewinnt die Steinstruktur – das eigentliche Gewand Dalmatiens - endlich seine spezifisch-dominante Rolle. Dieses Hinterland, die zagorje,  stellt die Bühne dar, die Plattform, auf der die Auseinandersetzung zwischen Stein und Vegetation in einer besonderen, bizarren Form stattfindet. Die Pflanzenwelt - durch die Knappheit an Wasser nicht gerade verwöhnt - kämpft gegen das Grundelement Stein an, nutzt aber dessen Mineralstoffe und versucht, sich durchzusetzen. Diese kämpferische Symbiose ist schon ein sehr reizvolles Moment dieser Landschaft.

 

Aber so wunderbar hier auch anorganische Mineralien und organisches Leben Formen schaffen;  noch ein anderer, ästhetisch weniger akzeptabler Umstand ist nicht zu übersehen und schiebt sich als Folge menschlicher Inter-aktion zwischen die Bilder der Natur: das Surrogat des Steins, der Beton; und der Müll. –

Der Stein Dalmatiens (Kalk und Dolomit) hat unter anderem eine besondere Eigenschaft: in frisch gespaltenem Zustand von röt-

licher Farbe (orange- rostrot), verfärbt er sich mit den Jahren – vielleicht durch Oxydations- oder Reduktionsvorgänge des Eisens – unter Einwirkung von Luft und Sonne zu einem verwaschenen Grau. 

Somit zeigt rot-frisches  Gestein, und wenn auch nur in dezentem Rahmen, eine aktuelle Einwirkung an, sozusagen ein neu-geschichtliches Manifest in dieser alten Landschaft.

 

Manchmal ergibt sich im Zusammenhang mit einem neckischen, farblich passenden Mülldetail eine reizvolle Komposition.

In der Entwicklung der modernen darstellenden Kunst hat um das Bauhaus in Dessau eine in seiner Wirkung anhaltende Diskussion zur Ästhetik stattgefunden; Gropius, der berühmte Architekt, wollte die Beziehungen und Grenzen zwischen Kunst und Handwerk anders als bisher definieren. „Werk- und Formlehre“, so heißt eine der Schriften, damals in den Zwanzigern des vorigen Jahrhunderts, innerhalb und außerhalb des Bauhauses leidenschaftlich diskutiert; dabei steht das Material mit seiner immanenten Schönheit in hohem Kurs; hier liegt die Wurzel der Anschauung für alle Materialfetischisten.

Die Felswände der Straßen und die Steinbrocken, wie sie zur Errichtung von Mauern um die Weiden benutzt wurden, lassen erkennen, ob in jüngerer Zeit der Stein gesprengt oder gebrochen wurde. Neu errichtete Straßen, in den Felsen hineingebaut, liegen inmitten roten Gesteins. Wie eine Wunde wirkt diese Vergewaltigung durch den Menschen inmitten der sonst grauen Steinformationen. Die Steinbrüche offenbaren das rötliche Gestein. wie rohes Fleisch; die Landschaft im Großen wie im Kleinen kann diese Eingriffe der jüngsten Zeit nicht verbergen; sie sind ein Beweis der harten, gewaltsamen Lebendigkeit.

Größere Baustellen bescheren uns optisch zwei Landschaften. Das alte Grau weicht den neuen Farben der Verletzung im Rot-Gelb-Ton, und diese neue Farbcharakteristik scheint von einem anderen Stern zu kommen. Es ist doch dieselbe Erde!

 

 

 

 

Diese Erde hat die gleiche Eigenschaft der Farbmetamorphose an der Oberfläche mit erzählendem Charakter. Das untenstehende Foto zeigt drei Erdhaufen bei einer Baustelle. Der linke hintere Haufen mit seinem schönen dunklen Rostrot ist der, der am frischesten aufgehäuft wurde, etwas länger liegt der linke vordere Haufen in der Sonne, und am ältesten (relativ) ist die Erde in der rechten Bildhälfte.

 

 

Ein Bauer hat einen Weingarten mit deutlich roter Erde, wenn er in den letzten Tagen den Boden umgegraben hat. Jeder kann es sehen und im Dorftratsch mag das Thema seines Fleißes eine Rolle spielen.

 

Und die Ameisen – sie sind immer fleißig – hinterlassen ihre Spuren, wenn sie im Gelände ihre Bahnen ziehen, dabei die untere Erde zuoberst kehren und damit einen dunkelroten Streifen sichtbar machen. Die Farbe ergibt sich aus den Elementen Zeit und Bearbeitung; ähnlich wie bei der Form.

Aber lassen wir uns nur Zeit und betrachten die Oberfläche der gewöhnlichen Steine genauer. Sie weisen gelegentlich eine dezente Verfärbung auf, fleckig disseminiert; es ist ein Mikrobenbewuchs, der scharf begrenzte Farbakzente setzt. Im Zusammenhang gesehen ist dabei die rosa Farbe irritierend;

eigentlich ein Produkt der Natur, macht sie doch einen künst-

lichen Eindruck; - wenn etwa Plastikmüll in der Nähe liegt, ordnet man diese Farbe mehr dem Müll zu.

Gemeint ist mit dem „Schönen“ ganz allgemein wohl eine Erscheinungsform des „sinnlich Angenehmen“, und diese Eigenschaft müsste in der Definition irgendwie auftauchen; im Zuge der modernen Kunst wird sie vielleicht abgewandelt werden müssen zum Begriff des „Ansprechenden“, „Unterhaltenden“, „Herausfordernden“ – bis hin zu dem des „Beunruhigenden“. Denn bei Teilen der modernen Kunst ist dies das Ausschlaggebende, und über einen Prozess der Verarbeitung mag am Ende beim Konsumenten ein Vorgang der Erkenntnis oder der Bereicherung wieder das Angenehme erzeugen. -  Diese Gedanken erscheinen mir nicht ausreichend. Und ich frage mich manchmal auch, was es mit dem Hässlichen auf sich hat.

 

 

3

Stein und Form: Karst

 

Das Karstgebirge Dalmatiens als geologisch junges vulkanisches Gestein, porös und wasserarm, hat, abgesehen von der Farbmutation, noch eine Reihe von morphologischen Besonderheiten zu bieten. Die blasig aufgetriebenen Formationen lassen an einen erst neulich stattgehabten Vulkanausbruch denken.

 

Die oberflächlichen Steinformationen spiegeln die plötzliche Erstarrung der Lava wieder, als ob die vorzeitige Verfestigung eines kochenden, blubbernden Breis stattgefunden hätte. Der Betrachter fühlt sich, wie das Bild oben zeigt, an die Gerippe von Dinosauriern oder an andere ausgefallene Knochenreste erinnert; und der Grund dieser Assoziation könnte eine zoologische, tierweltliche Charakteristik dieser Formen sein, bei denen es sich doch nur um anorganisches, durchlöchertes Material handelt.

Die Höhlungen und Spalten dieses Steins lassen stellenweise nur ein geringes, mühsames Wachstum der Pflanzen zu. Aber die Nähe zum Stein braucht nicht unbedingt ein Nachteil zu sein.

Eine spezielle, anspruchslose Weinsorte wächst „gerne“ auf solchen karstig strukturierten Steinformationen und ist besonders schmackhaft: es ist der Debit in der Gegend von Šibenik, der eine  gewisse Berühmtheit erlangt hat. Ein anderer Wein, der Babiċ aus dem Gebiet von Primošten Burnji, hat ebenfalls eine besonders gute Qualität, die auf seine Anbauweise zurückgeführt wird: Man pflanzt dort die Weinsetzlinge gerade unterhalb der Steinbrocken ein - in der Erwartung, dass bei Regen die vom Wasser herausgewaschenen Mineralstoffe aus dem Stein der Rebenwurzel zugute kommen. 

(– Ein Pendant dazu gibt es im Meer der Adria: eine spezielle Muschelart, die nur an den Stein-formationen des Meeresgrundes wächst und hier anscheinend vom Stein profitiert, die lignje. Diese Muscheln gehören zu den wahrhaften Spezialitäten der Landschaft Dalmatien.)

In wenigen gesenkten Formationen, über etwas weniger wasserdurchlässigen Felssockeln,  ist etwas Erde angesammelt, die terra rossa, gute rote Erde, die Wein, Kartoffeln und allerlei Gemüse wie Kohl und köstliche Tomaten wachsen lässt. Die Tomaten, hier pome genannt nach dem italienischen pomodoro, sind ausnehmend gut, unvergleichlich wohlschmeckend, wahrhafte Äpfel aus Gold. 

Die Steine sind über die Jahrhunderte aus den Feldern mit viel Mühe entfernt worden; sie wurden gebraucht für den Bau von kleinen Mäuerchen als Abgrenzung der Felder (Trockenmauern), welche ja im ganzen Mittelmeerraum zu finden sind. Gelegentlich sieht man Felder, wo die größeren Steine bzw. Felsen, die nicht entfernt werden konnten, noch herausragen wie halbvergrabene Mammutköpfe aus vorsintflutlicher Zeit.

Das obere Foto ist, wie so manches in diesem Buch, schon Vergangenheit; diese Landschaft steht nicht überall still. Und hier neben dem Text sehen wir exakt den obigen Acker mit den Mammutköpfen, nun aber verlassen und ungepflegt (eine Aufnahme aus dem März). Die Besitzerfamilie bestand aus zwei Brüdern, die beide unter tragischen Umständen verstorben sind. Von  den Erben war keiner, der von den Glatzen der  Mammutköpfe herab den Acker weiter bewirtschaften wollte. Und der Betrachter muss erst bei den genauen Einzelheiten glauben lernen (siehe den Telegrafen-masten im rechten Hintergrund), dass es sich - nach zwanzig Jahren - um denselben Blickwinkel und denselben Acker handelt. Er ist verwahrlost und - mehr denn je - Geschichte.

Aus diesen polymorphen, z.T. zoologisch anmutenden  Rundhöhlungen und Spalten des Gesteins wachsen liebenswerte, genügsame Pflanzen heraus, jedem Dalmatiner geläufig, sind sie doch für die Volksmedizin von Bedeutung.

 

Der Salbei (kadulja; salvia officinalis) - oben abgebildet -ist auch bei uns bekannt; er wird ebenfalls bei der geschmacklichen Veredelung des berühmten dalmatinischen Schinkens herangezogen; aber er hilft auch bei Erkrankungen der Atemwege wie bei Asthma, und bei rheumatischen Beschwerden.

Die  Distel (cardus), hier links neben dem Text, die so gerne an den Rändern der Weinfelder wächst, ist ein Indikator für die Weinlese. Sie verrät dem Bauern etwas über seinen Wein. Wenn die Distel blau wird, werden auch die reifenden Trauben in seinem Weingarten blau.

Und die einfache Strohblume (smilje;. helichrysum, s. oben), die Immortelle, wird gebraucht, um einen Geschmacksbeitrag zum Schinken - domaèi, hausgemacht – zu liefern. Außerdem soll sie bei Asthma eine heilende Wirkung haben.

Was man nicht sieht, ist die Durchdringung der unterirdischen Felsformationen mit Gruben, Sickerflüssen, Karstseen (die im Sommer fast immer austrocknen), und Höhlen, die zum Teil dem Tourismus mit ihren bizarren Formen als großräumige Grottensysteme zugänglich sind und einen unendlichen Gestaltenreichtum bieten, der jeder Phantasie gerecht wird. Im Sommer wirkt die Luft in den Grotten ausgesprochen kühl und angenehm, im Winter aber gegenüber der kalten Außentemperatur wohltuend warm. Seltsam und unergründlich sind die unterirdischen Höhlen- und Gangverbindungen, die  in der Tiefe des Karstgebirges bestehen. Ein verzweigtes System, das seine Geheimnisse in sich birgt.

Mein Freund Maèak (maèak = Kater, eigentlich heißt er Mate) zeigt mir auf dem Weg zum Gipfel des Berges Mosor, der Split vom Hinterland trennt, eine Stelle, wo durch eine Felsspalte eine Öffnung (etwa einen Viertelmeter lang, von einem Stein abgedeckt) in die Tiefe besteht. Ein kleiner Holzeimer ist hier an ein langes Seil gebunden und man wirft ihn etliche Meter hinunter. Er fördert glasklares, wunderbar kühles Wasser zu Tage, und das an einem heißen Sommertag. 

Nur ein Bruchteil der unterirdischen Wasserläufe ist bekannt. Im Küstenbereich weiß man aber um zahlreiche unterirdische Flüsse, deren Quellen unter dem Meeresspiegel liegen und deren Wasser, ohne an Land aufzutauchen, ins Meer gelangt.

 

Und die Bauern im dalmatinischen Hinterland konnten sich eines gewissen Forscherdrangs nicht erwehren, und so veranstalteten sie Versuche, die vom Tierschutzverband gewiss nicht gebilligt würden. Einer von ihnen hatte einen Ziegenbock in einen Felsspalt weiter nordöstlich vom Dorf meines betagten Freundes Mikula geworfen; eineinhalb Wochen später fand sich der Ziegenbock wieder bei seiner Herde. –

 

 

Ivica (eig. „Johannchen“, von Ivan = Johann) hat einen Hund, der ihm lästig wurde, selbst in eine tiefe Felsspalte in der Höhe des Mosorgebirges geworfen. Zwei Tage später stand das arme Tier wieder vor seiner Haustür.

 

Wieder ein anderer, der einfach neugierig war, kippte eine Menge Farbstoff in den spärlichen Wasserlauf im südöstlichen Teil seines Dorfes, dem Teil, der am tiefsten liegt und bei heftigen Regengüssen sogar überschwemmt werden kann.  Auf  der  gegenüberliegenden, westlichen Seite des Mosor, die der Stadt Split und dem Meer zugewandt ist, kam in der Quelle des Jadro, oberhalb Split, der Farbstoff wieder heraus. Das Karstgebirge birgt diese seltsamen unterirdischen  Verbindungen, die durch die oberflächliche Geografie nicht beschrieben bzw. nachvollzogen werden können, in sich.

 

Die Bauernhäuser des dalmatinischen Hinterlandes - der zagora dalmatinska - haben kein Abwässersystem. Hier werden Gruben ausgehoben bzw. gesprengt, in die die Kloake geleitet wird. Diese Gruben müssen, wie auch anderswo, alle paar Jahre entleert werden, indem man den Inhalt in spezielle Tankwagen pumpt und abtransportiert.

Auch der alte Mikula hat eine Kloakengrube, doch in welcher Tiefe sie ihren Boden hat oder wie sie mit etwa unterirdischen Hohlräumen zusammenhängt, weiß er nicht, oder er spricht nicht darüber. Bei ihm jedenfalls hat man noch nie einen Tankwagen für die Entleerung der Kloake gesehen. 

 

 

 

 

4

Die Brunnen

 

Der Jadro, der Fluss, nach dem angeblich die Adria ihren Namen hat, und der am Fuß des Mosor auf der dem Meer zugewandten Seite entspringt – sozusagen in einem Stück - , versorgt Split mit Wasser über einen schon von den Römern unter Kaiser Diokletian, angeblich ein Sohn des Landes, gebauten, heute noch benutzten Aquaedukt. Mikula kennt ihn ganz genau, denn er war zu seinen aktiven Zeiten Wasserinstallateur und sagt:  -Neun Kilometer lang ist die alte römische Wasserleitung und hat dabei nur ein Gefälle von neun Metern - eine technische Meisterleistung. Im Ganzen ist der Jadro nur 12 km lang; er mündet bei Solin, dem aten Salona,  in die Adria.

Die Seite des Mosor, die dem Meer abgewandt und dem Landesinneren zugewandt ist, hat kaum Wasser, von ein paar kleineren Quellen abgesehen. Darunter hat auch das Dorf Mikula´s zu leiden. Im Hinterland Mitteldalmatiens (von etwa Šibenik bis Omiš) sind es nur die Flüsse Krka (Höhe Šibenik),  die kleine Žrnovnica (bei Štobreè) und die lange Cetina (sie mündet bei Omiš), die relevante Wassermengen führen und deren Täler in ihrem engeren Bereich ausreichend versorgt sind. Das Tal der Cetina

(oben das mittlere Tal von der Passhöhe gesehen) - der Fluss durchfließt manchmal breite Ebenen, streckenweise aber auch bizarre Schluchten - ist aufgrund des Reichtums an Wasser überaus fruchtbar. Ivica sagt: -Wenn Dalmatien ausreichend Wasser hätte, könnte es so blühend sein wie Kalifornien.

Es gab Projekte, Bohrungen zu versuchen mit neuer Technologie, um an Wasser heranzukommen. Doch diese Projekte wurden verworfen unter dem Gesichtspunkt, dass das komplizierte unterirdische Wassersystem Schaden nehmen könnte und die eventuellen Folgen nicht überschaubar wären.

Wasser - schon immer eine Lebensnotwendigkeit. – In grauen Vorzeiten mochte man sich mit den natürlich gegebenen Zugängen zum Wasser begnügt haben. In der Tiefe verborgener Öffnungen oder Spalten war oft Wasser von wunderbarer Qualität versteckt und auch erreichbar. Mit Behältern an einem Seil konnte man sich die kostbare Flüssigkeit heraufholen. Ein solches Wasservorkommen ermöglichte schon eine Wohnstelle oder ein Anwesen. Ein Brunnenbau war nicht erforderlich. 

Später erst hat man diese freien Zugänge eingefasst.

In den Bereichen um die Siedlungen lassen sich im freien Gelände, versteckt im niedrigen Gebüsch, noch alte türkische Brunnen finden. Geschickterweise sind sie immer in leichten Senken des Geländes angelegt. Mein Freund Maèak hat mir einige solcher Brunnen am Nordosthang des Mosor gezeigt. Die oft nur kleinen Erdgruben wurden sorgfältig mit Steinen ausgelegt, damit der Zugang  zum Wasser jederzeit erreichbar war und nicht so leicht verschüttet wurde. Mehr als drei Jahrhunderte waren die Osmanen mit ihrer Kavallerie die dominierende, gefürchtete Macht in dieser Region. Die türkischen Reiterhorden, die seit dem 15. Jahrhundert das Hinterland beherrschten, konnten ihre Beweglichkeit nur aufrecht erhalten durch eine zuverlässige Wasserversorgung für Mensch und Pferd. Die Abbildung unten zeigt einen größeren türkischen Brunnen.

Wenn man den Ort Trilj (an der Cetina) Richtung Livno (Bosnien) verlässt, sieht man nach nur ein paar Kilometern auf einem Feld rechts der Straße einige Brunnen, dicht beieinander liegend.

Groß sind sie, mit einem Durchmesser von drei bis vier Metern, und sie sind solide gebaut, mit kompakt geordneten relativ großen Steinen. Die Brunnen sind zum Teil schon verlandet mit Schilfgestrüpp. Nachträglich hat man die Steine mit Beton stabilisiert. -

 

 

 

 

 

 

Wer hat diese Brunnen angelegt? Eine so große Anzahl von ihnen wäre für ein Anwesen, wie groß es auch sein mag, überreichlich. Man hätte ein ganzes Heer mit dem Wasser versorgen können. Maèak, meint, es wären die Türken gewesen, die diese sechs Brunnen angelegt haben. Dafür spricht die Art ihrer Bauweise.

Dieses (das obere Bild) ist ein anderes Beispiel für den  offenen Typus der Brunnen, die wohl türkischen Ursprungs sind.

Die Dalmatiner, ebenso notgedrungen Meister im Brunnenbauen wie die Türken, errichteten schon seit alter Zeit bei fast jedem Haus im Dorf einen eigenen Brunnen; im Unterschied zu den türkischen Brunnen sind sie durch kuppelartig angelegtes Steinwerk gedeckt; die Öffnung zum Wasserholen wurde z.B., wie oben zu sehen, durch einen größeren Stein verschlossen. 

Diese Brunnen sind im Gelände inmitten der Natursteine oft ganz schwer auszumachen. Hier unten hat man den Zugang nur durch ein paar Zweige verdeckt.

Neben den Brunnen findet sich oft ein ausgehöhlter Stein, wie ein Trinkgefäß für die Tiere. Die halbkugelförmige Einlassung in den Stein ist von sehr glatter, wie durch Jahrhunderte blank geleckter Oberfläche. Vielleicht wurde hier den Tieren Salz verabreicht. Auf meine Fragen habe ich keine Antwort bekommen.

 

 

 

 

 

 

Nur in den wenigen Dörfern, die in einer Senke liegen, gibt es ergiebigere Quellen und Wasserzuflüsse, und hier hat man große Dorfbrunnen errichtet. Ihr Mauerwerk wurde später mit Beton erneuert. Seit Menschengedenken gingen die Leute aus Mikula´s Dorf, wenn Dürre herrschte und das Wasser fürs Vieh nicht mehr reichte, ins sieben Kilometer weiter gelegene Nachbardorf, wo der große Brunnen noch etwas hergab; er hat einen Durchmesser von 10 Metern! Das Wasser wurde auf dem Rücken in länglichen Tragefässern nach Hause gebracht.

Heute dominieren die Betonbrunnen. Sie stammen aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Zementfabrik in Split Hochkonjunktur hatte. Billig war das künstliche Bauelement, im Sozialismus staatlich gefördert, und überall wurden kurzfristig die alten Steingebilde: Häuser, Brunnen, Gräber, bis dahin mit bearbeitetem Naturstein errichtet, durch Beton ersetzt oder ergänzt.

Neben den Häusern, auch an den Feldern und den Weingärten, sieht man sie mit der Luke aus Eisen zum Öffnen an der Oberfläche. Noch immer ist man auf sie angewiesen; es ist nicht un-gewöhnlich, dass das Wasser aus der staatlichen Versorgung, die erst seit einigen Jahrzehnten aus einem Stausee der oberen  Cetina (Peruċko jezero) gespeist wird, bei Trockenheit von morgens 7 Uhr bis abends um 11 abgestellt wird. Diese aus den ersten Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg stammenden Brunnen erinnern sehr an die neueren Grabmale auf den Friedhöfen.

Mikula´s Dorf hat drei große, gemeinschaftliche, aus Beton gefertigte Brunnen. Der größte von ihnen ist unten abgebildet. Die Oberfläche wird gebildet aus einer großen Betondecke, 15 mal 15 Meter; an der Seite liegt ein gemauerter Trog als Tränke für die Tiere, und der Bauer kann ihn aus der inmitten der großen Betonfläche liegenden Öffnung füllen über eine eigens gebildete Rinne. Das aus dem Brunnen geschöpfte Wasser lässt er dabei über die Rinne in den Trog fließen. Ein Teil des Geländes um den Brunnen herum ist bei entsprechendem Gefälle großzügig so betoniert worden, dass das wenige Regenwasser sich im Brunnen sammeln kann. Heute sind diese Flächen schon teilweise überwachsen. – Nebenstehend ein älterer, etwas kleinerer Dorfbrunnen.

 

 

 

 

5

Mikula´s Terrasse

 

Die Gastfreundschaft der Dalmatiner entspricht den allgemeinen Erfahrungen im mediterranen Raum. Ein besondere Aspekt ist die in den vergangenen Jahrhunderten der Armut mangelnde Kultur einer Gastronomie auf dem Lande: der in unseren Breitengraden in der Vergangenheit sehr wichtige Informationsaustausch in Wirtsstuben, heute manchmal auf Stammtisch-Niveau reduziert, hat sich hier lange  nicht entfalten können. Wirtshäuser gab es kaum hier, und nur die wohlhabenden Weitreisendenden konnten sie sich  leisten. So musste man den Vorbeikommenden bei sich als Gast aufnehmen und ausfragen; eine wichtige Funktion im Dorf; anderweitig käme man an Informationen nicht heran. Dabei war die Gegenseitigkeit garantiert.

Mikula´s ebenerdige Terrasse ist aus Beton errichtet. An dem kleinen Garten, in dem die herrlichen Tomaten wachsen, vorbei, kommt man über einen betonierten Weg zur Toilette, einem kleinen Anbau am Nachbarhaus, mit einer schon etwas verfallenden Tür mit rotem Anstrich, der versucht, das Örtchen etwas angenehmer erscheinen zu lassen. Der kleine Gang dorthin weist am Boden auch den Betondeckel auf, seit Gedenken nicht mehr geöffnet, den Zugang zur Kloake, zum Hades. Nur bei kurzem Bedarf wird diese Toilette benutzt; bei der Notwendigkeit größerer Sitzungen geht man in die Häuser, wo Toiletten nach westlichem Standard zur Verfügung stehen.

Früher, vor dreißig bis vierzig Jahren, war diese Terrasse (sie wurde zwischenzeitlich  renoviert) Treffpunkt einer ständig wechselnden Menschenschar; Verwandte, Nachbarn, Leute aus der Bekanntschaft. –

Später, im Zuge einer immer noch anhaltenden Landflucht, und dann auch einer neuen, politisch bedingten Dissoziation in der Gesellschaft, sitzt der altgewordene Mikula allein mit seiner Frau auf der Terrasse und freut sich über jede Ansprache..

Nachmittags, wenn es heiß ist und baba Mara (Großmutter Maria) nichts zu tun hat, sitzt sie auf der Terrasse und wartet, bis jemand vorüberkommt, mit dem sie ein paar Worte wechseln kann. Manchmal hat sie in ihrer Schürze ein paar Zwiebeln oder Knoblauchzehen, die sie schält; oder ein paar Kartoffeln oder etwas anderes. Ihre Schürze ist oft mit einer Unzahl Fliegen bedeckt. Sie hält, während die Stunden dahingehen, eine Fliegenklatsche in der Hand und betätigt sich als Fliegenterminator. Kein Missmut und keine Trauer kann das Lächeln in ihrem Gesicht vertreiben.

Gegen die Fliegen gibt es kein Mittel. Wenn gegessen wird, läßt dida Mikula (dida = Großvater) das Handtuch wie einen großen patriarchalischen Segen über dem bereiteten Essenstisch wehen, um die Fliegen (für ein paar Minuten) zu vertreiben. Das Reservoir ist unerschöpflich und der Hühnerstall samt seinem fliegenübersähten Boden mit allerlei Speiseresten kaum zehn Schritte entfernt.

Das Gespräch ist ein großes Bedürfnis der Dalmatiner. Es ist notwendig, um die eigene Stellung im Dorf zu repräsentieren und das Selbstbewusstsein ökonomisch zu steuern. Wenn man keinen Gesprächspartner hat, so schafft man sich einen, und so geht Ružica, die alleine lebt, öfter am Haus von Ðurðica, von der sie weiß, das sie gar nicht daheim ist, vorbei und sagt laut, dass es alle hören, zum Fenster hinauf: -Freundin, bist du zuhause, ich besuche dich gleich, ich hole uns noch Eis, setze schon mal den Kaffee auf, Freundin, ich komme sofort. Bis gleich, Freundin.

Wenn Marija mit Eimer und der dreieckigen Hacke auf ihr Feld geht, um sich ein paar Kartoffeln zu holen, kommt sie an Mikula´s Terrasse vorbei. Sie lässt sie sich gerne zu einem kleinen Gespräch einladen. Ein ewig interessantes Thema ist, wer gerade zuvor bei wem eingekehrt ist. Obwohl Wein bzw. bevanda, Kaffee, rakija oder der Walnussschnaps (orahovica) angeboten werden, lehnt Marija alles ab. Sie raucht auch nicht. Das Vergnügen besteht im Tratsch; der Krankenstatus des Dorfes wird auf den neuesten Stand gebracht, und auch der Arbeitsmarkt kommt nicht zu kurz: wer von den Alten - von jüngeren Angehörigen oft verlassen - wen zur Ernte des Kartoffelackers oder zur Versorgung des Weingartens gedungen hat für ein paar Kuna oder einen Teil der Ernte.

Was das Essen im Hinterland betrifft, so avanciert jedes Gericht in Dalmatien zur Spezialität, besonders gegenüber Gästen von auswärts, und sei es noch so einfach. Ich habe mich oft gefragt, ob die Dalmatiner wissen, dass es auch außerhalb ihres Landes Kartoffeln und Kohl, Schafsfleisch und Paprika  gibt. Der größte Teil der Gespräche dreht sich um das Essen, und die Sorge, was am nächsten Tag auf den Tisch kommt, bewegt die Gemüter wie in alten Zeiten, als diese Angelegenheit weniger ein gesellschaftliches Spiel als eine bittere Notwendigkeit war.

Eine beliebter und wichtiger Teil der Nahrung in der Hitze des dalmatinischen Klimas sind die Suppen (wegen ihres Salzgehaltes), von denen niemand weiß, was sie enthalten, abgesehen von den obligaten dünnen Nudeln. Mikula lässt sich von seiner Frau immer zwei Teller zur Suppe bringen, damit einer schon etwas abkühlen kann. Wehe, es handelt sich um eine jener auch in Kroatien käuflichen Fertigsuppen, die mit Stärke angereichert sind. Nein, leicht muss sie sein, wenig Fett enthalten und keine Bindemittel, dafür aber eine Erinnerung an das so geliebte Fleisch, seien es auch nur ein paar Fetzen.

Unter Fleisch als vollwertiges Nahrungsmittel und Hauptgang versteht man hier nicht den mageren Streifen, sondern das vielleicht noch erkennbare Teil des Tieres mit Muskel, Bindegewebe (Flachsen) und Fett gleichermaßen. Zartes Filet gibt dem Dalmatiner nichts, er muss etwas zum Beißen und zum Nagen haben.

Die Tiere werden nicht nach anatomischen Maßstäben zerlegt, sondern nach Maßgabe der Nachfrage, die große Portionen – sozusagen im Stück -  umfassen kann. Tiefkühltruhen sind heute keine Seltenheit mehr und größere Stücke werden als Ganzes eingefroren und nach und nach verzehrt. Bei der Teilung und Zubereitung kommen alle Formationen der Gewebearten zur Geltung. Knochen, Sehnen und Muskeln bilden eine hervorragende Grundlage für Suppen, und was beißbar ist, wird im Vorgang des Essens geduldig herausgefunden.

Schafsfleisch - janje - ist der Höhepunkt des dalmatinischen Fleischgenusses und auch ziemlich teuer. Die wichtigsten Fernfahrerrouten sind heute umsäumt, besonders an Knotenpunkten, von gastronomischen Betrieben mit oft mehreren großen Grillanlagen, in denen in zwei oder drei Etagen übereinander die ganzen Lämmer bei offenem Grillfeuer gebraten werden. Diese Janje-Stationen gehören zur orientierenden Geographie.

Sehr beliebt sind auch Schafs- oder Kalbsköpfe, und für das Abnagen des zarten Fleisches an den Kieferknochen (z.B. des musculus masseter) lässt der echte Dalmatiner ein Rumpsteak oder ein Filet links liegen.

An besonderen Festtagen reicht man Spanferkel, je jünger das Ferkel, desto besser; nach Milch muss das Fleisch noch riechen, und in Kroatien gilt der Spruch Nema sièe od prasièe, keine Zitze ist so gut wie die von der Sau. Aber auch ein junges Ziegenkitzlein ist wahrhaft eine Delikatesse.

Tiefenpsychologen haben sich schon am Wesen der Kroaten versucht. Ein weites Feld! Die deutliche Verehrung des Mütterlichen, der Muttergottes, und die gleichzeitige Vorliebe für Essen und Trinken bringen sie in Verbindung mit dem kroatischen Wort für Kind: dijete, und seiner möglichen Herkunft aus dem indoeuropäischen Stamm dhai = saugen.

Wenn der Dalmatiner seine Produkte - Nahrung oder Wein oder Gemüse - besonders loben will, nennt er sie domaæi – hausgemacht, was auch in weiten Bereichen zutrifft, denn die Herkunft und die Produktion der Nahrung ist auf dem Lande in Dalmatien noch ein nachvollziehbarer, anschaulicher Vorgang. Auf den Märkten und in den Geschäften, in den Restaurants bis zu den Straßenständen der Leute von der Insel Pag, die ihren berühmten Käse verkaufen wollen, hört man allenthalben diesen magischen Ausdruck als ein Siegel der Qualität: domaæi – hausgemacht, das dalmatinische „Made in Germany“.

Gegenüber den Auswärtigen, den Touristen, bleibt die Gastfreundschaft die gleiche. Doch die Psychoanalytiker waren wieder am Werk und haben hier eine Theorie  geliefert: es sei der Kulturkomplex, der die Einheimischen dazu brächte, den Gästen ihre eigenen Qualitäten anzupreisen und darzustellen, aus einem alten Minderwertigkeitsgefühl der Bevölkerung in einer langen Vergangenheit gegenüber überlegenen Kulturen an der Küste wie denen der Römer oder der Italiener.

Wie auch immer, ich habe die Gastfreundschaft durchaus nicht immer als ein Positivum empfunden. Den ständigen Angeboten, etwas zu essen oder zu trinken, war ich am Anfang meiner Bekanntschaft mit Dalmatien hilflos ausgeliefert und suchte verzweifelt nach einer Defensivstrategie. Zunächst versuchte ich den Anforderungen nachzugeben bis zu einer völligen Überforderung meines Magens; einige Jahre später führte der Unwille, den ständigen Aufforderungen zu Essen und Trinken nachgeben zu müssen, zu aggressiven Ausbrüchen mit wilden Abweisungen, die die ganze Runde betroffen schweigen machte; und schließlich lernte ich von den einheimischen Gästen, die sehr wohl so abzulehnen wissen, dass es akzeptiert wird. Ein höfliches Ansprechen einer momentanen Unwilligkeit, etwa nach dem Prinzip, es steht mir gerade nicht nach dem Angebotenen, ist zu wenig. Man befleißigt sich besser eines lamentierenden ablehnenden Tons mit fuchtelnden Händen, etwa der Art, dass man auf zwei Schnitzel hinweist, die man gerade eine Stunde zuvor irgendwo gegessen hat einschließlich zweier Eier, oder dass der Magen gerade übel mitspielt, oder dass irgendein Bestandteil des Angebotenen völlig unverträglich sei, dass die Schwiegermutter aus dem Krankenhaus entlassen werde, oder eventuell, dass man sich den Magen frei halten möchte für das, was als Nächstes angeboten würde. Eine Ablehnung ohne Erklärung ist unhöflich. Doch eine Ablehnung mit Lieferung einer Geschichte bereichert für die anderen den Essensvorgang und wird mit Interesse und Respekt beachtet. So würde ich es jedem „Gast“ empfehlen. Ohne Legende kommt er nicht davon.

Die Tischmanieren sind einfach und scheuen nicht den Abfall neben dem Teller; der könnte für die Schweine noch genutzt werden. Überhaupt lassen die aufgetischten Mengen nie den Verdacht aufkommen, es könnte zu wenig vorhanden sein. Eigene Plastiktonnen in der Kužin (Räucherstube) für die Überreste sorgen für Schweinefutter. Der Konsum an Nahrung wird einfach großzügig gehandhabt, auch als Demonstration der eigenen Wohlhabenheit, Tüchtigkeit; und das gilt gegenüber Einheimischen und Fremden gleichermaßen. Man schmatzt und schlürft, was als Ausdruck des Wohlbefindens und als Kompliment gegenüber dem Gastgeber gilt, und der deutsche Gast ist dabei an das Luther-Zitat erinnert. Damit man es auch hört, herrscht beim Essen Ruhe, während die Dalmatiner sonst sehr gesprächig sind. - Das Schlürfen einer heißen Suppe würde ich mir aber auch nicht nehmen lassen als effektive Maßnahme zur Kühlung. - Der perfekte Gast soll niemals ein Gericht ablehnen; seine Aufgabe ist es, wenigstens „den Teller zu beschmutzen“, wenn er schon keinen Appetit hat.

Über die vielen Jahre war Mikula´s Terrasse immer die Drehscheibe meiner Aufenthalte in Dalmatien. Von allen Fahrten und Exkursionen kam ich immer wieder zu diesem Ort der Ruhe und der Zuwendung zurück; über alle Erlebnisse auswärts wurde gesprochen, dies und jenes wurde lebhaft kommentiert und es bestand immer eine große Anteilnahme. Mikula und viele andere halfen mir zu besseren Verständnis mit viel Geduld und ließen auch Kritik zu.

Der kleine Tisch, und die wenigen Stühle, die als Sitzgelegenheiten oft nicht ausreichten, sie haben eine Menge an Themen und Diskussionen erlebt. Zwischen den Phasen der Stille und Verlorenheit in Gedenken an alte Zeiten ergab sich hier immer wieder das Zusammentreffen interessanter Leute, aus dem Dorf und der ländlichen Umgebung, aber auch aus der Stadt Split, angezogen von der imposanten und auch überaus gastfreundlichen Persönlichkeit des alten Mikula.  

 

 

6

Stein & Quelle

 

Stein und Wasser: Das erste die übermäßig dominante Gegebenheit, das andere eine unverzichtbare Notwendigkeit dieser Region. An einigen versteckten Orten vermittelt uns das Wasser in seiner Klarheit als elementare, reine, kostbare Substanz, als Urstoff innerhalb des Steins, ein ganz besonderes Erlebnis – die Erde schenkt es uns.

Die Familie möchte, so ist der Beschluss, etwas Besonderes zu Abend speisen, und der junge Jozo fährt mit mir nach Trilj und folgt von dort einige Kilometer der Cetina hinauf nach Norden. Schon bald nähern wir uns einem kleinen Nebenfluss, der Ruda, und nur ein paar Minuten weiter folgen wir dem kleinen Flüsschen grab, das uns zu dem gleichnamigen Ort, mehr ein Gehöft, führt.

Hier liegt am Wasser eine Fischzucht, die sich das wunderbar klare Wasser der grab zunutze macht. Die Stelle nähert sich dem Talschluss, und der ganze Bereich des Tälchens ist mit Beton zu einem System von Bassins ausgebaut. Hier werden in großem Stil Forellen gehalten. Quer über den Flussverlauf ist ein Gebäude wie eine Brücke errichtet, das in seinem Inneren Betonbecken enthält, die man nach Bedarf öffnen kann. So können die einschwimmenden Fische nach Bedarf bequem mit einem Netzteil gefangen und verkauft werden. Neben den Forellen wird auch die Zucht und der Verkauf von Flusskrebsen betrieben.

Ein Ereignis ist das Füttern, wenn sich die ganze Oberfläche des Wassers durch die Forellen in ein lebhaftes Brausebad verwandelt. Unglaublich, welche Menge an Fischen hier aufgezogen wird. Das Futter besteht nur aus biologisch angebautem Mais. Diese Fischzucht hat eine weitreichende Kundschaft, die über die nahe Hafenstadt Split hinausreicht. Aufgrund ihrer ausgezeichneten Qualität werden die Forellen bis hinauf in die Hauptstadt Zagreb geliefert.

Dabei besteht die Attraktion des Ortes für mich eher in der stillen, verträumten Idylle. Jozo und ich spazieren den obersten Kilometer des Flüsschens hinauf. Das Wasser ermöglicht das Wachstum von hohen Bäumen, und das Tal in seiner letzten Formation vor der Quelle gleicht einem friedlichen, unberührten Hain, der nicht mehr an die von Trockenheit gequälte zagorje  Dalmatiens denken lässt.

 Die ursprüngliche Nutzung der grab am Oberlauf war die Errichtung von Getreidemühlen. Kaum ein paar Meter hinter der Fischanlage finden wir einen älteren Querbau, der das Flüsschen wiederum wie eine Brücke überspannt. Er ist aus den typischen dalmatinischen Quadersteinen errichtet. Hier sieht man noch einen der Rotoren aus Stahl liegen – im Bild unten -, mit denen die Mühle nachgerüstet worden ist und die bis zur Stilllegung vor ein paar Jahrzehnten die Energie für die Unterhaltung der Mühle geliefert haben. 

Ist dieses Bauwerk schon älteren Datums, so finden wir noch ein paar Meter weiter zur Quelle hin finden die älteste Mühle, die wohl noch aus dem Mittelalter stammt, ein verfallendes Gebäude, zum Teil schon überwuchert, mit den typischen (romanischen) Rundbogen bei der Überspannung des Gewässers. Die Mühlräder aus Holz und das Gebälk sind längst verrottet.

Eine sehr ähnliche Mühlenanlage findet sich in Solin bei Split als eine „Mühlenbrücke“ über den Jadro. Leider verfällt sie immer mehr. Wer weiß, wie lange es her ist, dass hier das Korn gemahlen wurde, und vielleicht haben diese Mühlen schon zu Zeiten des alten kroatischen Königs Zwonimir ihre Dienste getan.

Die Fischzucht und der Bereich bis zur Quelle sind seit Jahrhunderten in ungeteiltem Privatbesitz. An Tourismus besteht hier kein Interesse. Die Kundschaft wird freundlich mit Fischen und Krebsen bedient und dann lässt man sie auch gerne wieder ziehen.

Auch in den vier Jahrhunderten, als das  Osmanische Reich den Balkan im Griff hatte, gab es hier keine Unterbrechung der Besitzverhältnisse. Man sagt uns, dass sich in der langen Vergangenheit niemals eine Horde der schweifenden Türken in diesem Tal gezeigt hat, und auch später gelangten keine Fremden an diesen versteckten Ort.

Der ganze Bereich vor der Quelle ist ein wunderbarer Park mit vielen kleinen sich verlierenden Wasserläufen. Weiden, Ulmen und Eichen bilden einen weitläufigen grünen Dom. Die späte Nachmittagssonne kommt nur noch vereinzelt mit ihren Strahlen durch das Geäst hindurch.

Jetzt sehen wir den Schluss des Tales, dargestellt durch eine enorm hohe, steile Felswand, deren Zenit wir durch die Bäume hindurch gar nicht erkennen können; und zu den Seiten wird der Ort durch bewaldete Höhen eingeengt. Am Fuße des Felsens quillt kaum murmelnd das klare Wasser aus der Tiefe. Trotz der Klarheit kann man an der Quelle selbst nicht auf den Grund sehen. Wer weiß, aus welchen verborgenen Abgründen uns hier das Wasser gespendet wird.

Dieser Ort ist Endpunkt und Anfang gleichzeitig. Nach irdischen Maßstäben kann man hier nicht weiterkommen. Jozo und ich besinnen uns, lassen die Eigenart dieser Örtlichkeit auf uns einwirken, und nach eine guten Weile kehren dann zurück entlang der Richtung, die uns das fließende Wasser vorgibt. Beim Rückweg erschließt sich uns das weitende Tal wie eine sich freundlich auftuende Welt zum Beginn des Abends.

Mit zwei mit Forellen wohlgefüllten Plastiksäcken kehren wir in der Abendsonne zurück und sehen mit Freude dem entgegen, was die Dalmatiner am liebsten tun: Essen, Trinken, und die Gemeinschaft pflegen.

 

 

 

7

Stein & Haus

 

 

Schutz gegen Wind, Wetter, Kälte und gegen allerlei lebende Feinde oder zumindest unerwünschte Gäste – etwas muss her, eine Unterkunft, Abgrenzung gegen das Außen, Heim, Wärme – wenn auch nicht zu jeder Jahreszeit gleich dringend. Das Haus ist immer eine wichtige Botschaft des Lebens, so hat es Mladen Pejakoviæ einmal geschrieben in seinem Buch Starohrvatska sakralna arhitektura (Altkroatische Sakralarchitektur), und er sagt auch: Menschliche Bautätigkeit ist wirklich Sprache.

Das Steinzelt, die bunja, diese einfache Konstruktion, jedoch mit ungeheuer viel Geschick ausgeführt, dürfte eines der ältesten Modelle für Unterkunft sein, vielleicht nur als Schutz auf den Weiden vor Unwetter. Der Eingang ist klein, man muss sich bücken. An der Decke gibt es eine kleine Öffnung, sodass 

etwas Licht hereinfällt. Für eine kleine Männerrunde zum Kartenspielen reicht es allemal, sagt mein Freund Bili (es ist sein Spitzname. Bjelo heißt weiß, Bili hat hellblonde Haare und blaue Augen. Gegenüber Fremden gibt er sich gern und glaubhaft als Deutscher aus und lässt sich von seinen Freunden als Herr Hockmann anreden). - Erstaunlich, wie sich die Steine innen und außen farblich unterscheiden. Mich erinnern diese urzeitlichen Gebilde an die trulli  in Apulien.

Welche Formen der Haus-Gestaltung es auch gegeben haben mag – Vorreiter war ja immer das Mittelmeergebiet -, wenn wir dieses Haus betrachten, so erkennen wir vielleicht eine Linie, wie es aus archaischen Anfängen  zu dem uns bekannten Haus-Format aus Stein gekommen sein mag. Dieses kleine Gebilde liegt auf der Anhöhe oberhalb Ston (auf dem Weg zur wunderbaren vorromanischen Kirche Sveti Mihailo mit herrlichen "karolingischen" Fresken).

 

Und dann kommen wir zu den uns geläufigen Mustern des Hauses. Was wäre diese Landschaft ohne die originellen dalmatinischen Steinhäuser! Ihr Typus ist in ganz Dalmatien, von Istrien bis nach Dubrovnik zu sehen, und auch auf den Inseln. Bis in die jüngste Vergangenheit wurden die Bauernhäuser aus zurechtgehauenen Steinquadern errichtet. Wie von Zyklopen gestapelt wirken diese Mauern; man fühlt sich ein wenig erinnert an das berühmte etruskische Tor in Volterra, und die Leistung erscheint umso erstaunlicher, wenn man weiß, dass jeder Bauer die Quadern für sein Haus selbst zuhauen und transportieren musste. Nur in einigen Bereichen gab es professionelle Steinmetze, die die Bausteine lieferten, auch die Steinplatten für das Dach.

Wichtig war eigentlich bei der Konzeption, dass das Vieh Unterschlupf fand, während die Bauern im Freien übernachteten und nur im Winter innerhalb des Hauses beim wärmenden Vieh schliefen. Die Ästhetik dieser ursprünglich sehr niedrigen Bauten kommt noch  eindrucksvoller zum Vorschein beim Anblick der Überreste, der Ruinen, die sich reichlich in den Bereichen finden, die sich für die Landwirtschaft nicht mehr lohnten, und daher in großem Stil verlassen wurden. Heute finden wir die verfallenden,

überwucherten Rudimente dieser Steinhäuser in kleinen Gruppen am Rand der Dörfer oder an den wenig zugänglichen Bergabhängen;  wir können ihr Eingebundensein in die sie umgebende Landschaft wahrnehmen.

Zweistöckige Häuser, die in diesem Quaderstil erbaut wurden, sind auf den Dörfern selten. Nur ein besonderer Wohlstand konnte dazu geführt haben. Sie weisen im Allgemeinen eine Außentreppe auf, wie es im Mittelalter üblich war. Außentreppen kann man in den Altstädten von Split, Trogir oder Šibenik reichlich sehen. In den Dörfern weisen oft auch modernere Hausanlagen noch Außentreppen auf. 

Im Erdgeschoß befinden sich im Allgemeinen die  Arbeitsräume, Ställe für die Schweine und die Hühner, sowie die konaba, wo der Wein gekeltert und gelagert und der fertige Schinken bewahrt wird; es ist der kühlste Raum im Haus, die Domäne des Mannes, er trägt den Schlüssel zu diesem Raum immer bei sich. Daneben gibt es ebenerdig – oft als eigenes Gebäude – die kuhinja, der Back- und Räucherraum. Oben sind  die Wohnräume.

Im Dorf wurden die quadergestapelten Steinhäuser bei Prosperität oft nach oben aufgestockt; manchmal verwendete man das neue Beton. Man kann das an den Fassaden gut erkennen.

Neuere Häuser bewahren das Prinzip der Trennung von privaten und gewerblichen Räumen. Unten im Erdgeschoss finden sich oft Werkstätten, etwa für Autos oder die des Tischlers. Oben liebt man Terrassen und Balkone. - Ein Umstand, der immer wieder auffällt, ist die große Anzahl der unfertigen Gebäude. Man muss fast schon suchen, um ein neueres Wohnhaus zu finden, von dem sich sagen lässt: ja, das ist wohl wirklich fertiggestellt.

Das Leben spielt sich heute noch vorwiegend im Freien ab und die Architektur der neueren Häuser ist geprägt  von Loggien, Terrassen und Laubenbögen. Ein typisches Beispiel ist die eigentlich  schwungvolle Architektur des Hauses unten, das – erstaunlich – auch fertiggestellt wurde.

Aber die Öffnung der Architektur zum Außen, zur Luft, zur Sonne, wird doch in diesen Beispielen sehr deutlich.  

Doch auch die luftige und extravertierte Bauweise unten, die dem Charakter der Bewohner entspricht, bedarf der Pflege und Zuwendung. Hier sind die besten Jahre schon Vergangenheit.

.

 

....

8

Museumsdorf

 

Im südöstlichen Teil des Spliter Hinterlandes beginnt der Bereich der sogenannten Poljica republika - im Osten und Süden vom Winkel des Flusses Cetina begrenzt -, einer in der Vergangenheit seltsamen politischen Formation, die mehrere Gemeinden des ländlichen Gebietes umfasste und deren .Verfassung auf dem alten kroatischen Gewohnheitsrecht beruhte. Die autonomen Bauern hatten vom 15. bis zum 18.Jahrhundert immer wieder schwere Kämpfe durchzustehen, gegen die Venezianer und gegen die Türken, bis ihrem Bauernstaat die Franzosen Napoleons 1812 endgültig ein Ende bereiteten. Doch noch heute haben sich die Bauern der Poljica einen eigenen Stolz bewahrt.

Der alte barba Pavle  (Onkel Paul) führt meinen jungen Freund Jozo und mich von seiner Ortschaft Tugare hinauf, wo, hochgelegen, das alte, vollständig verlassene Dorf Ume liegt. Etwa dreißig Häuser, die ältesten vor ungefähr siebenhundert Jahren erbaut, bieten hier das Bild des ländlichen Lebens bis zu dem Zeitpunkt vor einigen Jahrzehnten, als die Einwohner ins Tal hinunterzogen. Barba Pavle führt uns durch dieses alte Anwesen, das die „Segnungen“ der westlichen Industriewirtschaft nicht mehr erlebt hat; man findet etwa keinen Plastikmüll.

 

In vielen Einzelheiten lässt sich, trotz des Verfalls und der Überlagerung durch die Vegetation, das Leben der Bauern ablesen, wie es noch bis in die jüngste Zeit in ganz Dalmatien praktiziert wurde.

Die Tische und Sitzgelegenheiten vor den Häusern sind aus Stein. Es finden sich Weinpressen aus Stein (Bild links) mit der typischen kreisförmigen Rinne, über die die Flüssigkeit abfließen konnte. Darüber hinaus sieht man die Ölpressen (unten rechts), deren walzenförmiger Oberteil, das Steinrad, hin- und her geschwungen wurde, bis das Öl sich in der Wanne aus der Frucht löste. Hier hat jemand, vielleicht ein staatlicher Historiker, Wanne und Steinrad mit roten Buchstaben versehen.

 

 

 

 

 

 

Besonderheiten sind der Abtritt (oben Mitte), eine schalenförmig angeordnete steingemauerte Sitzgelegenheit, bei der eine Öffnung im hinteren Teil für den Abfluss sorgte. Und die in den Türrahmen seitlich eingemauerte längliche Nische (oben links), in der man die Flinte, das Gewehr, verbarg.

Wenn alte, strukturierte Materialien, in eine kulturhistorisch definierbare Form gebracht, mit einer gewissen Propädeutik behaftet, auf uns Eindruck zu machen vermögen als faszinierende Zeugnisse einer Kunst- und Kulturepoche, so können doch auch Objekte mit einem geringeren Alter und gebildet ohne ausgesprochene künstlerische Intention aus weniger wertvollem Material einen wenn auch etwas geringeren Eindruck hinterlassen, wenn sie bei uns unter Kenntnis eines geographisch-kulturellen und soziologischen Zusammenhangs eine positive Assoziation des „Angenehmen“, des ästhetisch Wertvollen, auslösen, - wenn uns ein wenig Liebe und persönliche Zuneigung mit diesem Zusammenhang verbindet.

Barba Pavle hat sich eins der kleinen Häuser zu einer gemütlichen Konaba ausgebaut, und jeden Tag kommt er hier herauf, im Gepäck einen Liter Wein und etwas Brot, manchmal ein paar Streifen Schinken, und dann sinnt er al ten Zeiten nach. Bei der Führung kann er uns jedes Haus mit der Geschichte seiner Bewohner beschreiben, etwa davon, dass manche der ersten Ansiedler vor vielen hundert Jahren von den Venezianern auf die Galeeren verschleppt wurden und nie mehr wiederkamen. Die Familien, die Frauen, konnten dann das Haus nicht mehr halten, und neue Besitzer kamen zum Zuge. Alte Familien, die in der Politik der Poljica eine historische Rolle spielten, die Drašjeviæ und die Tomiæ, haben hier gewohnt. So arm war  das  Dorf  nicht, anscheinend  gab es genug Wasser. Die Häuser sind zum Teil vergleichsweise recht komfortabel. Das Dorf hat noch den Einzug der Elektrizität erlebt. Pavle zeigt uns eine alte elektrische Leitung und berichtet, dass hier im Hause eine Waschmaschine stand. Das kann nicht lange vor dem Exodus gewesen sein.

Stolz berichtet Barba Pavle, dass sich durchaus angesehene Leute, einige Größen Kroatiens, darunter ein berühmter Fussballspieler bemüht haben, hier, fast in der Wildnis, ein Haus zu kaufen, um es zu restaurieren. Doch die Besitzer haben trotz gewaltiger Preisangebote abgelehnt.

Ein Weniges oberhalb der Ortschaft liegt die kleine Kirche, umringt von einigen Wirtschaftsgebäuden. Sie sind umgeben von Flächen, die immer noch einen gepflegten Eindruck machen und vom Wohlstand, aber auch vom Fleiß der ehemaligen Gemeinde zeugen.

Als vor einigen Jahren bei der Kirche ein Strommast errichtet wurde und dafür gesprengt werden musste, erlitt das Kirchenschiff einen ernsthaften Schaden. Die Gesellschaft der Stromindustrie wurde verklagt und verurteilt, den Schaden zu beheben. Man wartet darauf.

Barba Pavle lädt uns unten im Dorf Tugare noch zu Wein und Brot ein und legt uns alte Dokumente vor aus der Zeit der sagenhaften Poljica republika.

Auf den Rat des alten Pavle fahren Jozo und ich nur ein paar Kilometer weiter zur Kirche Sveti Jure (Hl. Georg); diese kleine Kirche stammt aus dem 11. Jahrhundert; sie liegt inmitten eines wunderbaren Fleckchens mit Wiese und Bäumen, oberhalb Festung und Stadt Omiš, dem alten Almissa.

Hier soll es gewesen sein, wo die Bauern der Poljica ihr Parlament abhielten, mit dem Blick auf die Stadt und die Mündung der Cetina, die die Felsen in einer Schlucht durchschneidet.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Von dort unten, vom Meer,  kamen sie in der Vergangenheit herauf, die Fremden, kaum mit guten Absichten. – Nun strahlt der Ort Stille aus;  hier ruht endlich die eigene Geschichte voll Frieden in sich selbst.

 

 

 

 

9

Surrogat und Fragment

 

 

Sucht man die absolute Reinheit des Materials Stein in Gestaltung, dann kommt man schnell auf die Trockenmauern zur Begrenzung der Felder und Weiden zurück. Sehr wohl im Bewusstsein, dass dieses ausgesprochen ästhetische Erlebnis 

mit seinen reizvollen Varianten im weiteren Sinne nicht spezifisch dalmatinisch, sondern im Mittelmeerraum verbreitet ist, muss es eben in dieser Umgebung als Teil einer ehemals größeren Zuordnung, Element einer archaischen Struktur angesehen werden,  

nicht streng typisch, nicht ganz eigenständig, sondern von der erzählenden Geschichte des gegenwärtigen Bewusststeins übergangen, vergessen, innerhalb eines größeren lokalen Umfeldes uncharakteristisch; schon garnicht einer Nostalgie angehörend, sprachlos. Gegenüber so vielem, was in dieser Gegend einen konkreten Bezug liefert und eine Aussage an sich hat, machen uns diese wunderschönen, klassischen Mauern kein Angebot der Erinnerung - zeitlos, geschichtslos, ein genuiner, herkunftsloser, eben nicht narrativer Teil der Landschaft.

Etwas anderes ist es mit den Surrogat-Erscheinungen, da, wo ein geschichtlicher Eingriff vorgenommen wurde. Wenn die Mauern zu niedrig waren und nicht genügend Schutz gegen die Kühe und die gierigen Ziegen darstellten, hat man das dornige Brombeergestrüpp, die draèa, auf die Mauern gelegt.

Hat etwa je irgendein Vorfahr vom alten Hrvoje das Mäuerchen zusammengefügt? Wer weiß schon, wer und wann das war – es verliert sich in einem unbestimmten Zeitraum vor der Geschichte. Hrvoje selbst aber benutzte vor ein paar Jahren den alten Herd, um eine Lücke in der Mauer zu schließen und um damit das Vieh vom Acker fernzuhalten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hier im Hinterland wird der Müll gerne umfunktioniert und weiterverwendet.

Stein und Beton: Der Stein war das ursprünglichste Material Dal-matiens und leichter zu haben als das knappe Holz. Hier gibt es viele alte Terrassen, liebevoll angelegt, manchmal mit Sitzgelegenheiten aus Stein; und aus Stein gefertigten Tische - wie es im „Museumsdorf“ Ume zu sehen war - was später anderswo nicht daran hinderte, davor eine Mauer aus Industrieziegeln zu errichten. Der Stein war wetterfest, dauerhaft, billig, weil überall zu haben. Das spätere Surrogat, der Beton, und andere industrielle Surrogate wurden wie Stein eingesetzt, bedenkenlos in gleicher Intention, ohne ästhetische Hemmungen.

 Der Stierkopf Picasso´s aus Lenkstange und Sattel eines weggeworfenen Fahrrads ist natürlich gestaltete Kunst und zugleich Parodie. – Liegengelassenes, Entsorgtes, Unfertiges, manchmal in Kombination, kann einen durchaus parodistischen oder kuriosen Zug bekommen, keine Kunst, nicht bewusst gestaltet; aber wer will, sieht ein ästhetisches Phänomen, vielleicht sogar mit surrealistischem Einschlag, das sich vor einem kurzhistorischen und geographischen Ambiente als Hintergrund mitzuteilen weiß.

 Bei einer der vielen Gesprächsrunden auf Mikula´s legendärer Terrasse frage ich Ivica, warum es in seinem Dorf und im Hinterland so viele unfertige Häuser gibt, manchmal entseelte Betonruinen, manchmal das Parterre bewohnt, die oberen, unfertigen Stockwerke leer und gespenstisch, oder umgekehrt.

Er sagt: -In den Jahren etwa 1970 bis 1985 gab es im damaligen Jugoslawien eine Phase des relativen Wohlstands. Die Kredite waren billig. Tito bekam damals, in den heißen Zeiten des Kalten Krieges, sowohl von der Sowjetunion als auch aus den USA finanzielle Zuwendungen in großem Ausmaß, von beiden Seiten gedacht als Versicherung eines Landes, dem aufgrund seiner geographischen Lage eine große militärstrategische Bedeutung zukam. In dieser Zeit, als auch die Betonfabrik in Split, die heute darniederliegt und eine große Zahl von Arbeitslosen hinterlassen hat, florierte und ihr Produkt preiswert abgab, bauten viele Bauern auf ihren Grundstücken großzügig konzipierte Häuser bzw. Villen, deren Finanzierung sie aber nicht durchhalten konnten. Sie stoppten den Bau in Erwartung einer erneuten Besserung der finanziellen Lage, und bis heute blieben die „Fragmente“ in der abgebrochenen Form erhalten.

Das Leben im dalmatinischen Hinterland spielt sich ab in einer Systematik des Unfertigen, einer Perspektive, die über die eigene Lebensspanne hinausreicht, einer langfristigen Zukunft. Vielleicht besteht, aus einer jahrhundertealten Erfahrung widriger, hemmender, sogar zerstörender Umstände heraus, eine Skepsis gegenüber dem allzu schnell Vollendeten, als Ausscheren aus einem allgemein langsam üblichen Werdegang. Ein vorschnelles Handeln, das die Gegenwart überholt, wird als Bedrohung und als Verletzung der Spielregeln betrachtet; es löst Sozialneid aus. Für alle Teilnehmer am sozialen Wettlauf gilt, dass ein Vorpreschen unstatthaft ist.

Wenn ein Kroate, der unter dem komunis- tischen System aus- gewandert ist und sich in Deutschland, in Australien oder in den USA ein gewisses Kapital erarbeitet hat, nach Jahren in die Heimat zurückkehrt und hier ein schönes Haus baut, findet das nicht immer die Zustimmung der Leute. Ein solcher Werdegang entspricht nicht ihrem Empfinden für zeitgerechte Entwicklung. 

...

Sie können sich nicht vorstellen, dass man so schnell wohlhabend geworden ist. Man sagt, dass der Zurückgekehrte im Ausland im Lotto gewonnen hat.

Die Gastarbeiter, die in ihr Dorf zurückkehren, haben es nicht immer leicht. Aber sie bringen ein Bild des westlichen Wohlstands mit, und nicht nur die Jugend sieht auf die Möglichkeiten des

 

Konsums. Die überschwappende technologisierte Zivilisation schafft Diskrepanzen: dem hergebrachten Gefühl für zeitlich angemessene Veränderung steht die Schnelligkeit der industrialisierten Wohlstandsgesellschaft gegenüber, für die der rasche Umsatz der Waren Bedingung ist.

Die unzureichende Entsorgung des Mülls ist typisch für diese Diskrepanzen. Ihre ästhetische Ver-arbeitung stellt eine Herausforderung im dalmatinischen Hinterland dar. In alten bäuerlichen Verhältnissen fügten sich die Abfälle ohne ästhetischen Widerspruch in das Umfeld ein. Eine tote Katze - sie hat die Verkehrsregeln nicht beachtet - liegt auf der Mauer. Doch erst der zerrissener Plastiksack daneben gibt dem Anblick für einen Mitteleuropäer etwas besonders  Abstoßendes.

Kaum können wir nachvollziehen, wie man in früheren Zeiten auf „Hässliches“ reagiert hat, was überhaupt als hässlich empfunden wurde. Immerhin: Caesar sperrte den Innenbezirk der Stadt Rom für den Wagenverkehr wegen der Anhäufung von Schmutz und Staub; die Senatoren hatten sich beschwert, sie könnten ihre weiße Toga nicht mehr sauber halten. - Die engen Gassen der mittelalterlichen Städte waren mit Abfall überhäuft. Dieser Müll wurde - trotz seiner negativen gesundheitlichen Folgen - anscheinend lange toleriert. - Napoleon erließ ein Verbot „ungesunder, fauler und widerwärtiger Gerüche“.  

Das Dorf Mikula´s ist eng verschachtelt. Die Häuser stehen oft eng zusammen und auch die Felder sind vielfach unterteilt und unübersichtlich. Ich frage Ivica  (der unter dem kommunistischen System lange Dorfschullehrer war und bei Antritt der selbstständigen Regierung Kroatiens 1990 mit fragwürdigen Argumenten pensioniert wurde), warum die Bauern nicht die Parzellen tauschen, vielleicht auch die Häuser, um einheitlichere Besitzverhältnisse zu schaffen. Auch die kleineren Häuser und Gärten in der Mitte des Dorfes könnten so getauscht werden, dass jemand von seinem Haus nicht an drei oder vier Gärten und Häusern vorbeigehen oder etwa das halbe Dorf passieren muss, um zu seinem Garten zu gelangen.

Er sagt: -Als nach dem Ersten Weltkrieg das Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen  entstand, erschien in Klis, dem Ort oberhalb

Splits, mit der berühmten Burg, ein Beauftragter der Belgrader Regierung, ein Geometer mit der Aufgabe, ein Katasteramt einzurichten und die Grundstücke des Kreises - zu dem auch das Dorf Mikula´s gehörte – zu vermessen und amtlich zu erfassen. Allerdings sollte, wer sich eintragen lassen wollte, dafür auch eine entsprechende Gebühr entrichten. Die Bauern der Region zeigten wenig Neigung, dieser Aufforderung nachzukommen, auch aus Scheu vor den Kosten. Nach zwei Jahren schloss der Geometer das Amt in Klis und zog entnervt ab; er brachte die wenigen Unterlagen nach Zagreb und verschwand. Dort liegen sie noch heute, doch niemand weiß, wo.

Das neue kommunistische Regime nach dem Zweiten Weltkrieg zeigte kein großes Interesse, eine ordentliche katasteramtsmäßige Erfassung der Grundstücke zu veranlassen. Vielleicht war die Unsicherheit in diesem Bereich ganz erwünscht, weil man dann etwa unter fadenscheinigen Gründen manchem Parteigenossen ein Grundstück zuschustern konnte. - Als sich dann das selbstständige Kroatien 1990/91 etablierte, begann eine intensive Suche nach den Unterlagen des Geometers von 1920, die bis heute noch nicht erfolgreich war. Bei Rechtsfragen bezüglich Besitzverhältnissen greift man schon mal auf die natürlich überholten Registrierungen der österreichischen Donaumonarchie aus dem Jahre 1898 zurück. Es besteht viel Misstrauen und eine enorme Rechtsunsicherheit, und bei Erbfragen kommt es innerhalb der Familien öfter zu ernsthaften Konflikten. - Der Bauer sitzt auf dem, was er hat, wenn er meint, dass er es hat, und er verkauft es nicht, und er tauscht es nicht. - Im Zusammenhang damit, dass viele im Dorf keine Steuern, keine Radio- oder Fernsehgebühren bezahlen, ist man versucht, von einem vorrechtlichen Stadium in Kroatien zu sprechen.  

So ist das Fragmentarische ein deutliches Element des Lebens in Dalmatien. Und immer wieder findet sich im optischen Bereich ein Anblick, der dieses treffend ausdrücken kann.  

 

 

 

 

 

10

Sinj - die Stadt

 

 

Wenn Mikula einiges braucht an Lebensmitteln oder Werkzeug für Haus und Landwirtschaft, hat er zwei Möglichkeiten des Einkaufs (sofern er einen Fahrer findet): in Split, der großen Hafenstadt mit ihren Spezialgeschäften, aber auch mit ihrem lästigen Tourismus; in Split gibt es immerhin den reichhaltigen Fischmarkt um etwa sieben Uhr morgens. Oder aber er lässt sich nach Sinj fahren, einer reizvollen Stadt im Landesinneren mit etwa 30.000 Einwohnern. Bei Sinj durchfließt die Cetina eine weite Hochebene und macht sie mit ihrem Wasser fruchtbar.

Das Mobiliar im weiteren Sinne - Stühle, Tische, Schränke, auch Werkzeuge des Haushaltes und der Betriebe - war in früheren Jahrhunderten nach dem künstlerischen Formbedürfnis der jeweiligen Zeit gestaltet. In der Zeit des Bauhauses suchte man für diese Produkte in den eigenen Werkstätten nach einer neuen, unbefrachteten ästhetischen Aussage. - Einige schlichtere Gebrauchsgegenstände haben sich jedoch über die Zeitalter kaum verändert, und gerade an ihnen hat das Bauhaus ästhetische Überlegungen angestellt. Ihre funktionelle Einfachheit brachte ihre Schönheit und die ihres Materials am besten zum Ausdruck. „Es schien mir manchmal,“ schreibt Paul Valéry in seinem Dialog Eupalinos, „als ob ein Eindruck der Schönheit einfach aus der Genauigkeit hervorginge; und zuweilen entstand etwas wie Wollust durch die bloße, oft wunderbare Übereinstimmung eines Gegenstandes mit der Funktion, die er erfüllen soll.“

 

Sinj hat alles, was eine Stadt ausmacht; sie ist ihr Urtyp. Am Samstag gibt es Wochenmarkt auf dem Hauptplatz vor der Franziskanerkirche und eine ganze lange Straße hinein, sowie in weiteren Seitenstraßen, mit einem großen Angebot. Es gibt brauchbare Produkte wie

       

 

 

 

 

   

 

 

   -- große Butterfässer mit soliden Eisenbanderolen, mit Stampfer oder einem Drehmechanismus,

  -- verschiedene Körbe, zum Einkaufen, für Wäsche, für Eier, für Gemüse oder sonstiges; Teppichklopfer, Gehstöcke mit schönem Handgriff, Siebe in verschiedenen Größen, Kochlöffel, Essbretter, Brotkästen, alles aus Holz hergestellt,

 

  -- Werkzeug mit soliden Stielen, z.B. für die Äxte, und die Hackmesser mit dem gekrümmten spitzen Ende wie ein indischer Dolch und evtl. eine Schneide auf der gegenüberliegenden Seite, genannt kosir, zum Schlagen von Ästen und grobem Unkraut; sowie Sicheln, alle mit schönen neuen Griffen aus dem harten Holz des jasen, des Essigbaums.

  -- Manchmal findet man das ausgediente Werkzeug irgendwo auf dem verstreuten Müll - doch es gibt Nachschub; das Schmiedehandwerk in Dalmatien ist noch lebendig, aber immerhin allmählich vom Aussterben bedroht,

  -- und man findet auf dem Markt die dreieckigen Hacken für die Kartoffelernte, genannt motika, die ich so oft (quasi als Gastarbeiter) in Gebrauch gesehen und benutzt habe,

-- gestrickte kleine und kleinste Säckchen, für Münzen oder Medaillons, aus Wolle, in Farbmustern, teils mit dem Schach-brettmuster des kroatischen Wappens, die man zur Zierde ans Fenster hängt oder an den Rückspiegel im Auto,

-- alle Obstsorten, besonders frische Feigen, Pfirsiche, Wasser-melonen, Beeren sowie alle anderen Obstsorten;

 

 

  -- Gemüse und Kartoffeln, alles frisch; Sauerkraut, das penetrant riecht, in großen Plastikbottichen mit einer Höhe bis zur Hüfte;

-- Tabak in wunderschönen blauen Schachteln in Schuhkartongröße, einschließlich Papier, zum Selberdrehen der Zigaretten,  

 

 

-- Holzbecher aus dem Holz der murva, des Maulbeerbaums, die man immer mit Flüssigkeit tränken muss, damit sie dicht bleiben; und größere Holzkrüge mit Henkel, die bukara, ebenfalls aus diesem Holz, mit Astspänen oder mit Eisenspänen eingefaßt; mit der Zeit bekommt die Innenfläche einen rötlichen Schimmer vom Rotwein; der anfängliche,  etwas penetrante Holz-geschmack verliert sich mit der Zeit unter Bildung von Weinstein,

 

 

 

 

 

 

 

 

 

  

 

 

 

 

 

-- Kugeln aus Holz für das so beliebte Boccia-Spiel; die Kugeln sind mit Eisennägeln beschlagen für eine längere Haltbarkeit, und damit sie besser rollen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

-- verschiedene Arten von großen und kleinen, groben und feinen Besen, die Borsten aus kleinen Ästen oder dünnem Schilf,

 

-- schmiedeeiserne Waren wie die pekara, die Backhaube, und die gradella, den Rost, sowie verstellbare Ketten und Haken zum Aufhängen von Töpfen über die  Feuerstelle, alles für die kužina, das Backhaus,

 

-- Nüsse, alle Sorten, besonders reichlich Walnüsse

 

-- lebende Kaninchen, Hühner, Küken, Ferkel, Schafe,

 

   

      

 

 

 

 

-- Hemden, Hosen, Kleider und Socken, Schuhe und Stiefel, Billigangebote aus Bosnien,

 

   --Tontöpfe und Tonschalen, teils mit Deckel, etwa für eingelegte Oliven, für in Wein eingelegte kleine Zwiebeln, Paprika oder kleine Tomaten, oder Sauerkraut in kleinen Mengen, für in Essig eingelegte Gurken, für allerlei Gewürzmischungen wie das berühmte ajvar,

- und vieles mehr.

„Es gibt herrliche Werkzeuge, seltsam klar in ihrer Art und sauber wie Knochen, und genau wie diese warten sie nur auf Handlungen und Kräfte, nichts sonst ....“ „Die haben sich selbst gemacht sozusagen; jahrhundertelanger Gebrauch hat notwendig die beste aller Formen herausgefunden. Eine unendliche Ausübung gelangt eines Tages ans Ideal und bleibt dabei stehen. Tausende von Versuchen von tausenden von Menschen führen langsam zu der sparsamsten und sichersten Gestalt: ist diese einmal erreicht, so ahmt jeder sie nach, und die Millionen dieser wiederholten Formen antworten gewissermaßen nach rückwärts den Myriaden von Versuchen und verdecken sie“.

- Paul Valéry, Eupalinos. Übersetzung aus dem Französischen R. M. Rilke.

 

Jedenfalls gibt es hier keinen Tourismus und nicht den Kitsch wie an der Ostmauer des Diokletian-Palasts in Split, wo auch für die Touristen verkauft wird: Plastikspielzeug, Uhren aller Art, Sonnenbrillen, Kunstledergürtel, grob geschnitzte Schachfiguren, plumpe Segelschiffe, Taucherbrillen und die endlose Reihe von Souvenir-Produkten, die man aus Muscheln herstellen kann, etwa Ketten, Aschenbecher, bis zu Konstruktionen von Hängelampen aller Größen. Nein, in Sinj gibt es kein Osttor aus der Römerzeit; hier wird verkauft, was man wirklich braucht. -

 

Die Alka zu Sinj, ein historisches Reiterspiel, wird seit über zweihundert Jahren gepflegt; sie ist in ganz Kroatien bekannt und findet jährlich an einem Sonntag im August statt; sie macht die Stadt in diesem Monat zum Zentrum Mitteldalmatiens. Eine Straße in der Stadt wird auf eine Länge von etwa 600 Metern mit weicher roter Erde aufgeschüttet, damit die Pferde nicht auf dem nackten Asphalt laufen müssen, und seitlich dieser Länge sind Tribünen für die Zuschauer aufgebaut. Hier rechts oben ein Foto aus den siebziger Jahren (des 20.Jhds), unten ein neueres Bild. 

 

 

Jedes Jahr findet ein Kampf um die Karten für die Sitzplätze statt, und ohne lokale Beziehungen hat man kaum Erfolg. Aber es lohnt sich, wenn die stolzen Reiter in den eleganten dunkelblauen Uniformen aus der Türkenzeit, reichlich mit metallenen Tressen verziert, auf dem Kopf die hohe schwarze Fellhaube, auf wendigen Rössern in rasendem Galopp den halben Kilometer vorbeipreschen und versuchen, mit dem Speer die drei am Ende der Bahn aufgehängten Ringe zu treffen. Wer den kleinsten Ring trifft, bekommt die meisten Punkte. Die Punktzahl wird jedes Mal durch Böllerschüsse vom nahen Stadtturm, auf einer Erhebung stehend, allen kundgetan.

 

Von diesem Turm aus hatten einst im Jahre 1715 die Bürger der Stadt ein osmanisches Heer von den östlichen bosnischen Bergen über das Sinjer Feld herankommen sehen. In der Schlacht wurden die Türken besiegt, was die Sinjer heute noch ihrer Heiligen Maria Muttergottes danken, deren Ikone in der Franziskanerkirche bewahrt wird.

 

Die Heilige Mutter Gottes von Sinj (Gospa Sinjska) ruft die katholischen Gläubigen jedes Jahr an einem Sonntag im August, jedoch nicht dem gleichen wie die Alka,  zur Wallfahrt; und schon am Tage vorher machen sich viele, gerade junge Leute mit Rucksack zu Fuß auf und verstopfen die Straße nach Sinj, Richtung Bosnien; sie übernachten irgendwo auf den Feldern, um am Vormittag der Heiligen Messe in Sinj beiwohnen zu können. Wer die erste Messe frühmorgens verpasst, nimmt an der nächsten oder dritten Messe teil. Die Messen werden nacheinander im Angesicht der Ikone gelesen.

 

Auch der alte Mikula ist früh unterwegs, im Auto, von seinem nahe-gelegenen Dorf; er treibt – voller Ungeduld - seinen Chauffeur, irgendeinen Gutmütigen aus der Verwandtschaft, an, die Autoschlange nach Sinj zu überholen. Der Chauffeur riskiert die Überholung einiger weniger Autos, um beim Wiedereinreihen des Fahrzeugs in die Kolonne energische Schmähungen der anderen Fahrzeuglenker entgegenzunehmen. Mikula kontert bei offenem Fenster mit umfangreichen, zeitlich, örtlich und – besonders gravierend - gesundheitlich begründeten Gegenargumenten.

 

In Sinj geht Mikula erstmal zum Beichten, was an diesem Tage längeres Warten in einer Menschenschlange bedeutet. Ein Gespräch mit Verwandten und Bekannten links und rechts bewirkt eine weitere Verzögerung, die der Chauffeur aussitzen muss. Doch nach der Absolution ist Mikula´s spirituelles Bedürfnis fast gedeckt und nachdem er in der Kirche die Ikone passiert hat - der Menschenstrom wird über einen Ausgang am seitlichen Kirchenschiff  kanalisiert - wendet sich Mikula der nächsten Gaststätte zu, nicht ohne am Eingang der Kirche der einen oder anderen Bettlerin, die vielleicht ihre von eitrigen Geschwüren bedeckten Beine zeigt, ein paar Kuna (kroat. Währung) zugesteckt zu haben.

 

Die Gaststätten haben ihre Tische und Stühle überall auf die Straße gestellt, und da findet sich auch ein mittelalterlich anmutender Sänger, der sich selbst auf einem nur zweiseitigen Saiteninstrument begleitet, der guzla, und der Inhalt seines in wenigen chromatischen Tonschritten vorgetragenen Gesangs ist ein Kommentar zu den laufenden politischen Gegebenheiten. Auf einmal fällt spontan der Chor der umgebenden Männer mit dem Refrain ein, und die Wucht dieser Musik, die man hier rere  nennt, in der Herzegovina ganga - : wer Ohren hat zu hören, dem geht es tüchtig ans Gemüt.

 

In der rückwärtig gelegenen Gartenlaube eines lebhaft frequentierten Gasthauses trinkt Mikula zunächst eine Limonade („Pipi“, kroatische Marke), die er mit vinjak (Weinbrand) mischt. Den Plan, doch noch einer Messe des Vormittags beizuwohnen, verwirft er angesichts der wohlriechenden Gerichte, die von den Kellnern vorbeigetragen werden. Besonders verlockend ist das arambašiæ, ein gut gewürztes, aus türkischer Zeit stammendes Gemisch verschiedener Fleischsorten, in Kohl eingewickelt gekocht, heute mit Kartoffeln als Beilage. Jetzt muss auch Wein her, und so beschließt Mikula, alle heiligen Termine sausen lassend, diesen besonderen Tag. –

 

Tourismus in Sinj gibt es kaum, dafür ist die Stadt nicht ausgestattet mit Sehenswürdigkeiten, von der Alka abgesehen, die auch eher eine Attraktion für die Einheimischen ist; Drogenhandel und Kriminalität haben keine Bedeutung. Die Heilige Jungfrau Maria, der damals und heute die Rettung der Stadt vor der türkischen Aggression zugeschrieben wird, als religiöser Anziehungspunkt, und die Franziskaner, deren Klosterkomplex das Bild unten zeigt; der Wochenmarkt inmitten eines geräumigen ländlichen Gebietes; eine Garnison der kroatischen Armee; eine weithin bekannte Pferdezucht,  und Gemüseplantagen in der nahen Umgebung; die Alka als gepflegte Tradition: - die Stadt Sinj verkörpert beispielhaft den Archetypus einer lateinisch-europäischen Stadt alter Prägung.

 

 

 

 

 

11
 
Stein & Kreuz
 

 

 

Die historischen Umstände brachten den Menschen in der dalmatinischen zagora über die Jahrhunderte weder Wohlstand noch Freiheit. Langzeithistorie ist nicht freudvoll präsent in ihren Köpfen. Die Aura, die vereinzelt über den Residuen aus der Vergangenheit schwebt und heute noch in Legenden die Gemüter beschäftigt, ist nicht von einem objektiven Geschichtsbewusstsein geprägt, sondern richtet sich nach dem jeweiligen Stand der aktuellen Politik, und von ihr hängt die Interpretation ab. - Der katholisch-christliche Glaube hat sich indessen über alle Zeiten unverändert stark gehalten.

Das Foto zeigt eine Kirche, die in der Barockzeit errichtet wurde, in desolatem Zustand. Im alten Jugoslawien, vor der Sezession, hieß es, die Kirche sei im Zweiten Weltkrieg von den Deutschen beschädigt worden. Das selbstständig gewordene Kroatien hatte dann zur BRD recht gute Beziehungen, und nun, nach 1990, wurde die Legende geändert; man sagte, die Barockkirche sei schon vor dem Zweiten Weltkrieg einfach verfallen. Übrigens ist sie inzwischen fachgerecht restauriert. Dabei fanden sich Fundamente einer weitaus älteren Kirche; außerdem kam vor dem Eingang in der Erde eine  Ansammlung  menschlicher Knochen zutage, die einer Zahl von über zweihundert Toten entspricht. Es handelt sich vielleicht um ein Massengrab aus der Barockzeit, als die Pest in Kroatien wütete.

Aura und Patina - sie wären, recht besehen, im banalen Bereich an einer Fülle von Beispielen zu finden; denn die Zimmer, Gegenstände, Mauern und Straßen um uns herum als Kulisse des  Alltagslebens, des Gebrauchs, sind zusammen genommen nicht immer neu. Wir leben zum guten Teil in einer Welt des längst Benutzten, Alten, grundsätzlich schon vor Lebensaltern Gestalteten, von Verstorbenen strukturiert und belebt; nur Mauerputz, Anstrich, Konsummaterial oder Technik stammen aus unserer Lebensspanne. Unsere verzweifelten Anstrengungen der Substitution des Alten, von der Wirtschaft als ökonomische Notwendigkeit verkauft, muss scheitern. Der Anteil des Neuen bleibt klein; wie auch – im Übertragenen – das Ausmaß unseres kontemporalen Bewusstseins verschwindend klein ist im Vergleich zur überdimensionierten Summe geistiger Vorstellungen der Vergangenheit. So denken wir uns, während wir uns in Räumen und um Gegenstände herum tummeln, die es schon vor uns gab, in eine kleine Gegenwart mit dem Gefühl der Einzigartigkeit, jedoch - uns nicht bewusst - vor dem Hintergrund einer endlosen Welt von unzähligen Toten. Wir realisieren kaum, dass weltweit allein im Jahre 1999 etwa 56 Millionen Menschen verstorben sind. Was für ein Untergang von Bewusstseinsräumen! Sie, die Toten, wären die immerwährende Mehrheit bei der parlamentarischen Aussprache in unseren Köpfen zum Thema Geschichte.

Und diese Toten, ihre Leiber, findet und fand man nicht ästhetisch; sie kommen in der Regel unter die Erde.

In der Peripherie sind entzückende kleine Friedhöfe, einsam gelegen, in einer wunderbar idyllischen Atmosphäre zu finden. Hier hat man noch liebevolle Einzelgrabstellen angelegt, und die besondere Stille dieser Orte ergibt sich aus der Tatsache, dass diese Friedhöfe nur in Ansiedlungen zu finden sind, die bereits vor vielen Jahrzehnten, wenn nicht länger, verlassen wurden. Pappeln und Zypressen sind hier neben den alten Kirche die Gastwirte.

Die einzelnen Gräber sind mit Kreuzen in ornamentaler Form geziert. Namen lassen sich nicht mehr ausmachen. Kleinere Gräber, Kindergräber, sind mindestens so häufig wie die Erwachsenengräber. Man müsste wohl das  Alter dieser Gräber in die Barockzeit legen. Typisch sind die flachen Längssteine als Seitenbegrenzung, die oben und unten von den Abschlusssteinen beendet werden.

Die Friedhöfe von heute sind Produkte des Betons.  Es gibt kaum Einzelgräber. Jede Familie baut ein Sammelgrab. Hierfür wird im Gottesacker eine Grube ausgehoben, groß genug für sechs Gräber. Das Loch wird mit Beton eingefasst und je rechts und links werden drei Regale errichtet; jedes Regal bietet Platz für einen Sarg. Das ebenerdige Dach der Gruft wird mit Beton verschlossen bis auf eine Öffnung in der Mitte, die mit einer Steinplatte bedeckt wird. Bei Bedarf kann diese geöffnet und ein neuer Sarg in eins der Regale gebracht werden.

Oberhalb der Grabstelle gibt es im einfachen Fall Holzkreuze, die die Namen angeben; auf fast allen Gräbern finden sich an den Kreuzen angeheftete Fotos der Verstorbenen, mögen sie auch noch

so blass oder vergilbt sein. Wohlhabendere Bauern leisten sich eine Verkleidung der Grabdecke zusätzlich einem Aufbau mit Kreuz und Gesims sowie Inschrift der Personen, alles aus Marmor, wobei wieder Fotos angebracht werden. Hier, auf der Grabfläche, stehen aus dem gleichen Material gefertigte Vasen, die laufend mit Blumen versorgt werden. Die sechsteilige Grabstelle ist Standard. Marmorverkleidete Grabstellen machen etwa die Hälfte des Friedhofs, der immer neben der Kirche liegt, aus; sie kosten ein Vermögen und zeigen die Wertschätzung für die Toten.  

Nach altem Brauch werden junge Männer, etwa bis zum 30. Lebensjahr, in weißen Särgen beerdigt. Dass sie in diesem Alter schon eine Schuld auf sich geladen haben, mag man hier nicht glauben. Die Leute beerdigen sie als das nach ihrer Meinung Beste, was das Land hat – die männliche Zukunft, der bei ihrem frühen Tod nur die Farbe der Unschuld angemessen ist.  

Wenn jemand verstorben ist, entsteht manchmal die  Frage, in welcher Grabstelle er beerdigt werden soll. Je nach persönlicher und familiärer  Bindung oder auch  je nach den Platzgegebenheiten bildet sich aus der Diskussion der Angehörigen ein Konsens. - Gelegentlich ist diese Frage aber auch Anlass zu Streit und Zerwürfnis.  

Mit Milica gehe ich einen Weg entlang des Friedhofs, und bei Ostwind gerät ein übler, bitter-fauliger Geruch in meine Nase. Sind die Gräber nicht dicht? Als wir einen Querweg betreten, ist der Geruch verschwunden.

Milica erzählt mir, dass es auf dem Friedhof eine Stelle gibt, wo in früherer Zeit ein Verbundgrab errichtet wurde, eine Fläche von 10 mal 10 Metern, heute kaum mehr zu erkennen. Dieses Gemeinschaftsgrab des Dorfes bestand aus einem eigenartigen unterirdischen System, mit Steinen gebaut und abgestützt, nach Art der Katakomben, oben mit langen steinernen Quadern überdacht, mit mehreren Stellen für den Zugang. Und die einzelne Grabstelle in der Tiefe selbst war nur eine in Stein und Erde gehauene Öffnung, groß genug für einen Körper und einen einfachen Sarg aus Holz, in der Größe dem Leichnam angepasst. Als die Särge aufwendiger wurden und größer, passten sie oft nicht in die entsprechenden Höhlungen hinein. Dann hat man bei der Beerdigung zunächst die Trauergäste nach Hause entlassen und anschließend den Leichnam aus dem übergroßen Sarg herausgenommen und ihn in den dafür bestimmten Hohlraum gelegt. Der leere Sarg wurde dann in der alten Friedhofskirche aufbewahrt – manchmal diente er erneut bei der nächsten Beerdigung. -

Gleißend ist am frühen Nachmittag die Hitze auf dem auf einer Anhöhe gelegenen Friedhof. Die Luft flimmert und die Helligkeit ist unerträglich. Plötzlich erfährt man eine Bildumkehr, als ob jetzt alles Sichtbare wie das Negativ eines albtraumartigen Films wahrgenommen würde. Ist es das übermäßig blendende Licht oder ist es das subjektive Erleben, das einen glauben machen möchte, man befinde sich trotz der strahlenden Helligkeit in einer düsteren, unwirklichen Welt? 

- Vor einigen Jahren, als wir abends beim lauten Zirpen der dicken, fleischigen štakavac-Grillen auf Mikula´s Terrasse saßen, regte ich an, doch Kerzen zu holen und auf den Tisch zu stellen. Sie machen ein besonders schönes Licht und die Fotos werden anders.

Doch als 1991 der Krieg begann, gab es in der Familie einen Gefallenen zu beklagen. Der Sohn Mirko, 32 Jahre alt, wurde in der Gegend nördlich von Dubrovnik, als er mit anderen die Dörfer vor den Terroranschlägen der Jugo-Armee zu verteidigen suchte, von einer Granate zerrissen. Neben ihm kam ein Zwanzigjähriger aus dem gleichen Dorf zu Tode. Es gab damals noch keine organisierte kroatische Armee. - Nicht mit einem Schlag, sondern nach und nach waren Kerzen nicht mehr erwünscht. Sie erinnerten zu sehr an Grab und an Tod.-  

Eine alte Frau, obligat schwarz gekleidet und mit dem schwarzen Kopftuch, einen großen Packen frischer junger  Äste auf dem Buckel, reagiert entnervt, als wir sie fragen, ob sie sich wohl fotografieren lassen würde. –Die ganze Welt wird mich für verrückt erklären, schreit sie, -man wird über mich lachen; ich kann mich doch so nicht sehen lassen -  und hastig geht sie von dannen, verfolgt von ihren Ziegen, in deren Mienen man einen respektlosen Spott zu erkennen glaubt, dazu ihr zynisches Meckern; für diese sind die zartgrünen Blätter der Äste als Futter gedacht. Noch etliche Meter weit ist das empörte Geschrei der schwarzen Gestalt zu hören.

Zahlreich sind die schwarzen Frauen im Hinterland, über Wege und Feld, in ihrer Trauerkleidung; zahlreich sind die Toten.

Im Südosten des Dorfes steht das kleine Kirchlein, das dem Hl. Rochus (sveti Roko) gewidmet ist; und das weist auf die Pest hin. Jedes Jahr am 16. August wird hier zu seinem Gedenken eine Prozession mit anschließendem Gottesdienst abgehalten.

Wir gesellen uns zu der vor dem Kirchlein wartenden Menge. Vor der Kirche sind ein paar Sitzreihen aufgebaut. Von Südosten sehen wir über den Hügel die Prozession auf uns zukommen. Die Männer tragen das Standbild des Heiligen.

Sie erreichen den kleinen Platz vor der Kirche und stellen die Figur des Heiligen vor den Eingang. Nun beginnt die Messe. –

Der heilige Rochus stammte aus Montpellier in Südfrankreich. Bei seiner Geburt fand sich der Legende nach ein Kreuzeszeichen auf seiner Brust. Nach dem Tod seiner Eltern verschenkte er sein Vermögen und wandte sich nach Italien, um den Pestkranken zu helfen. Während seine Mitpilger aus Angst vor der Krankheit Italien verließen, wanderte er weiter bis nach Rom, wobei er überall den Kranken zu Hilfe kam. Auf dem Rückweg erkrankte er selbst in der Stadt Piacenza, wo ihm jedoch durch ein Wunder unter Mitwirkung eines Hundes Heilung widerfuhr. Der Herr dieses Hundes pflegte ihn gesund. - Doch die Krankheit hatte sein Gesicht verunstaltet. Zurückgekehrt in seine französische Heimatstadt wurde er nicht erkannt; als Spion in den Kerker geworfen, starb er nach fünf Jahren Kerkerhaft; an dem Kreuzeszeichen auf seiner Brust erkannte man ihn schließlich. So wird von ihm berichtet. - Dargestellt wird er immer als Wandersmann, mit einer Pestbeule an seinem linken Oberschenkel. Unterhalb dieses Beins sind die Konturen eines Hundes erkennbar.

Die Franziskaner spielten eine große Rolle in den von den Türken über vierhundert Jahre besetzten Gebieten Kroatiens und Bosniens, überall dort, wo Katholiken = Kroaten lebten. Das Osmanische Reich verfolgte die Katholiken und auch andere Christen nicht direkt; sie mussten nur höhere Steuern zahlen. Allerdings wurden die Katholiken strenger überwacht. Die orthodoxe Kirche bedeutete für die Türken keine so große Gefahr, da sie deren ehemaliges religiöses Zentrum, Byzanz, selbst als ihre Hauptstadt Konstantinopel (Istanbul, von den Kroaten „Carigrad“, Stadt des Zaren, genannt) im Griff hatten. Doch bei den Katholiken lag das Zentrum ihres Glaubens außerhalb des Reichs, in Rom; eine Fremdbeeinflussung war den Osmanen nicht angenehm, und so bestimmte ein „Ferman“ des Sultans, dass innerhalb seines Reiches eine pastorale Betreuung der Katholiken nur durch die armen, dem Heiligen Stuhl eher reserviert gegenüberstehenden Franziskaner erfolgen durfte.

Dieser Bettelorden - oben der Wehrturm des Franziskanerklosters im Stadtteil Poljud in Split aus dem 15.Jhd. - übernahm die gesamte kirchliche Organisation des Katholizismus, d.h. des Kroatentums, in den türkisch besetzten Gebieten, und diese Funktion und ihr aus Jahrhunderte währender Erfahrung mit den Moslems gewonnenes Geschick machte sie zum wichtigsten Faktor der kroatischen Identität. Diese Situation verhalf ihnen zu einem Freiraum, zum Beispiel gegenüber der Macht der Bischöfe. Aber dies trug auch eine uralte, aus dem frühen Mittelalter stammende Auseinandersetzung innerhalb der Römischen Kirche weiter: der Streit um die Macht zwischen dem Papst und den Äbten der Klöster einerseits, und den lokal mächtigen Bischöfen andererseits. Dieser alte Konflikt ist Inhalt der Reformbewegung von Cluny aus dem achten, neunten Jahhundert: Einschränkung der Macht der sich den örtlichen politischen Gegebenheiten allzu sehr zuneigenden Macht der Bischöfe zugunsten einer straffen Zentralmacht des Papstes, getragen von den Mönchsorden.

Dazu kommt, dass sich in der Gesinnung dieses Ordens bis heute der eigenwillige, sich jeder Unterwerfung widersetzende Geist der alten Bogumilensekte fortgesetzt haben mag.

Einem in Kroatien bekannten Journalisten aus Mikula´s Dorf sagten im Jahre 1990 zwei Franziskanerbrüder in einem Kloster bei Livno (Herzegowina): Für die Kroaten in Bosnien wäre es ein großes Unglück, wenn man sie aus dem bosnischen Staat herausreißen (und etwa einem kroatischen Staat einverleiben) würde. Eigentlich eine Provokation für die Kroaten, die sich für die so lang ersehnte kroatische Staatsbildung unter Einbeziehung der bosnischen Kroaten, z.B. in der Herzegowina, einsetzten und dafür gekämpft haben. Dieser Journalist schrieb ein Buch seiner Erfahrungen im Krieg; eigentlich ist es eine einzige Abwehr gegen diesen Satz der Franziskaner, wie er selbst zugibt.

Dieser Orden will nicht seinen in Bosnien über Jahrhunderte garantierten Einfluss auf die dortigen Katholiken verlieren, etwa durch eine Einverleibung der Herzegowina in die kroatische Republik. Und seien es die Serben, die in Bosnien die Dominanz ausübten: die Franziskaner werden bei ihrer Erfahrung mit allem fertig. Aber einen Bischof in ihrer Ordenskirche zu Mostar, Hauptstadt der Herzegowina, die Firmung durchführen zu lassen, das war ihnen in den letzten Jahren unmöglich. Auch das Volk sträubte sich; der Bischof musste Gottesdienst und Firmung auf der Wiese abhalten.

Die Franziskaner in Sinj sind da etwas anders eingestellt: Hier führt der Erzbischof von Split in der Sinjer Franziskanerkirche die Firmung durch.

Und die Franziskaner in Split (das ja nie von Türken besetzt war): mit ihren reichlichen Einrichtungen in der Stadt (unten das mit großem Aufwand restaurierte Franziskanerkloster im Zentrum von Split; hier heiratet gerne die Oberschicht der Stadt) haben sie sich schon lange mit der Macht des alten Spliter Erzbistums arrangieren gelernt. So will es heute die Kurie in Rom.  

Doch ob in Dalmatien, der Herzegowina oder in Bosnien: in diesem Bereich wird den Franziskanern von Seiten der kroatischen Bevölkerung eine enorme  Ehrerbietung und Sympathie entgegengebracht. Ihre Stellung in dieser Region kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Der alte Mikula geht am Samstag gerne nach Sinj, der Stadt der Heiligen Jungfrau Maria, und reiht sich ein in die lange Schlange der Leute, die bei den Franziskanern beichten wollen. Früh morgens muss das sein, sonst dauert das Warten zu lange. Mikula nimmt am Abend vorher die Küchenuhr von der Wand, horcht, ob sie noch funktioniert, und nimmt sie mit ins Schlafzimmer, damit er nicht verschläft, aber auch nicht etwa zu früh aufsteht.

In Sinj angelangt, kommen wir auf dem Weg zur Franziskanerkirche am Palais der Familie Tripalo vorbei, einer alten Dynastie der Stadt, die es auch in kommunistischen Zeiten verstanden hat, ihren Vorteil zu finden, nicht zur Zufriedenheit aller Bürger von Sinj. Das Palais liegt inmitten eines kleinen wunderbaren Parks, fast völlig verwildert, und als Milica und ich fasziniert vorm schmiedeeisernen Eingangstor hineinschauen, kommt gerade ein schlanker, großer, gutgekleideter Herr älteren Jahrgangs hinzu und schickt sich an, das Tor aufzumachen. Er bemerkt unser Interesse, und Milica, mit der Unbekümmertheit, mit der man in Dalmatien den anderen anspricht, äußert ihm gegenüber ihre Bewunderung für den Garten. Er antwortet sehr höflich und lädt uns sogar zu einer weiteren Besichtigung ein.

Doch der alte Mikula lehnt ab; ihn reizen mehr die Metzgereien und die gastronomischen Angebote der reichen Stadt Sinj - ach, und er will ja zur Beichte.

 

Hinter der Franziskanerkirche ist der Zugang zu den Beichtgelegenheiten, an diesem Tage vollbelegt von Menschen. Mikula geht auf die wartende Menschenschlange zu, wobei er seinen ohnehin humpelnden Gang noch etwas verstärkt und sagt zu den vorderen Reihen: -Wo ist er? Schon eine Stunde warte ich auf den Pater -, als ob er einen Termin hätte, und die Menge weicht respektvoll zurück und überlässt ihm den vordersten Platz. 

An einem normalen Sonntag ist die (neoromanische) Kirche in Mikula´s Dorf voll bis zu den beiden Eingangstüren. Links sitzen die Frauen, die älteren alle in schwarz, aber auch viele jüngere Frauen und Mädchen. Rechts wenige Frauen, und alle Männer. Vor dem Altar links der Chor aus jungen Mädchen. Mikula sagt: -Ich bin der älteste unter den Männern, aber viele jüngere sind hinfälliger als ich und ihre Frauen schimpfen auf sie; meine Frau darf nicht auf mich schimpfen.  

Mikula, so eifrig er in letzter Zeit die religiösen Bräuche (auf seine Weise) pflegt, zeigt Toleranz. Im Zusammenhang mit meiner mehr scherzhaften Frage, ob ich, der Lutheraner, in der katholischen Kirche vor dem Altar das Kreuz schlagen sollte, sagt er, er halte nichts von diesem übertriebenen Zurschaustellen der Gläubigkeit, diesem „tschappala-queschta“.

-Das ist italienisch, sagt die kapeljanka, die Vierzigjährige, die aussieht wie eine Siebzigerin, die sich gerne verdingt für ein paar Zigaretten oder einen Rest des Weines, wenn sie bei der Weinlese hilft. Genannt wird sie nach der kleinen Kapelle in ihrem Ortsteil; keiner weiß, und auch sie selbst wohl nicht, wie sie wirklich heißt.

Zvonko sagt: -Früher, unter den Kommunisten, haben wir hinterm Stein gebetet und waren damit wahrhafte Christen; heute geben wir dem Pfarrer 500 Kuna, und dann sind wir wahrhafte Christen.

 

 

 

12

 

Stein & Wein

 

 

In einem Gebiet, in dem der Wein seit mindestens zwei Jahrtausenden kontinuierlich angebaut wird, spielt der Alkohol natürlich eine Rolle. Irreführend ist das Klischee, dass zur Zeit des Pflaumenernte ganze Landstriche Dalmatiens im Delir liegen. - Denn der aus Pflaumen gewonnene Alkohol (Šlivoviæ) gehört eher nach Bosnien.

Mein Freund Maèak berichtet mir, dass es eine Insel in der Adria gibt (goli otok, die „nackte“ Insel, südlich der Kornaten), auf der schon seit den Zeiten des alten Jugoslawien psychisch Kranke, besonders aber Alkoholiker behandelt würden; zwei Drittel der dortigen Insassen, so versichert er mir, wären aus seinem (und Mikula´s) Dorf. Eine Übertreibung, die allerdings dem teilweise exzessiven Alkoholkonsum im dalmatinischen Hinterland Rechnung trägt.

Mischungen sind hier beliebt - ganz alltäglich ist die bevanda, die Mischung von Rotwein und Wasser; die Bevanda ist immer noch das selbstverständliche Getränk in der Hitze einer Landschaft, die früher keine anderen Getränke kannte; sie wird vom Morgen bis zum Abend immer dunkler. Ernsthafte westliche Weinkenner verabscheuen diesen Brauch; Tatsache ist, dass schon die alten Griechen den Wein mit Wasser mischten; sie gebrauchten dazu das große, typisch geformte und oft mit Grafiken verzierte Tongefäß, - krater  -, den Mischkrug, der heute in jedem antiken Museum steht. Die Mischung aus dem weniger gebräuchlichen Weißwein und Mineralwasser (kisela voda = saures Wasser) nennt sich „gemischt“, eine Anleihe aus der deutschen Sprache; eine geschickte Mischung, denn dem dalmatinischen Weißwein fehlt es ein wenig an Säure. - Mikula liebt besonders Orangenlimonade (Marke Pipi, ein gelbliches Getränk) mit Vinjak; überaus beliebt im Dorf ist Cola mit Rotwein, das nennt sich Mussolini, andernorts auch Bambus.

Maèak, der alte Gourmet und schalkhafte Erzdalmatiner, erklärt mir, warum man beim Mischen im Glas zuerst Wasser und dann Wein einschenken muss: -wenn du zuerst Wasser ins Glas gießt und es zuviel ist, kannst du davon immer noch etwas abgießen; umgekehrt gehört es sich nicht, dass du Wein wegschüttest.

Der Wein erscheint dem Dalmatiner gottgegeben. Erst jüngst - so stand es in der Zeitung Slobodna Dalmacija  (Freies Dalmatien) - hatte sich ein Mann aus Mikula´s Dorf in Split einer Kneipentour unterzogen; und nach reichlichem Weingenuss verpasste er abends den letzten Bus in sein Dorf. Also machte er sich zu Fuß auf den Weg - zehn oder zwanzig Kilometer, das war früher eine übliche Wegstrecke, vor der man sich auch heute nicht scheut. Unterwegs machte der Mann Rast in Solin, dem antiken Salona, bei der kleinen Kirche des Hl. Duje (Domnius). Neben der Kirche entspringt eine Quelle, die seit Urzeiten als heilig gilt, und der Mann beobachtete die Leute, die sich näherten, um von dem frischen, heiligen Wasser zu trinken. Darüber schlief er ein.

- Hier an dieser Quelle hatten einst - vor weit über tausend Jahren, im 7.Jhd., - die Männer Rast gemacht, als sie, nach der Zerstörung Salonas durch Avaren und Slawen, den Sarkophag des Hl. Duje, ihres letzten Bischofs, nach Split in die Sicherheit des Palasts bringen wollten. Als sie von der Quelle tranken, kam ihnen eine Erleuchtung: sie bemerkten, dass sie den falschen Sarkophag bei sich hatten. Sie kehrten zu den Ruinen Salona´s zurück und holten den richtigen (der heute verschollen ist). Bei der Quelle wurde später zum Gedenken ein Kapellchen zu Ehren des Hl. Duje, des Stadtheiligen von Split, errichtet.

– Als der Mann im Morgengrauen aufwachte, setzte er seinen Weg fort und erreichte endlich sein Dorf, wo gerade der dernek, das Fest zu Ehren des Dorfheiligen, des Hl. Michael, gefeiert wurde. Benommen, wie er war, nahm er teil an der Messe; und als der Priester gerade eine Pause einlegte und es im Gotteshaus still war, fand sich der Mann in Gedanken und er platzte heraus mit einem kräftigen Fluch, dessen Übersetzung nicht ziemlich ist, und sagte: -Warum kommt aus der Erde nicht Wein statt Wasser, wenn es doch eine heilige Quelle ist? - Die Gemeinde war empört; und so kam die Geschichte in die Zeitung, in der alles Wahre zu lesen ist.

Das Dorffest, der dernek, wird jedes Jahr zu Ehren des Dorfheiligen mit großem Aufwand gefeiert. Wie viele Tage es dauert, liegt allein bei den Beteiligten. Man berücksichtigt auch die Feste für die Dorfheiligen der Nachbardörfer. Bekannt ist der Spruch:

Danas Jakov, sutra sveta Ana,

idem kuæi za dva dana.

    (Heute Jakob, morgen Heilige Anna,

ich geh aus dem Haus für zwei Tage.)

Früher waren Trachten und alte Tänze üblich, doch heute haben sich viele alte Traditionen verloren.

Das Wort Weingarten heißt auf kroatisch vinograd. Der Begriff grad  ist uralt und in den slawischen Sprachen gebräuchlich für Stadt, Festung, Ort und Niederlassung (Beograd = Belgrad, Višegrad, Stalingrad); die steirische Hauptstadt Graz verrät damit ihren slawischen Ursprung und viele Orte in der alten Donaumonarchie mit der Endung -grätz (Windischgrätz u. a.).

Der Name „vinograd bezeichnet die besondere Beziehung des Dalmatiners zu diesem Ort. Hier kümmert er sich um das Wachstum der Reben, vernichtet das Unkraut, legt neue Sprossen an, und reißt unnötige Triebe, die die Versorgung der Trauben hemmen würden, vom Weinstock ab.

Und er hat hier gegenüber dem anderen bäuerlichen Geschehen einschließlich des vielleicht lästigen Familiengetriebes seine Ruhe. Es ist also wirklich eine Fluchtburg, deren manifester Ausdruck ein kleines Häuschen ist, aus billigen grauen Industriesteinen, in dem auch eine Liege zur Verfügung steht zum Schlaf während der Mittagssonne. - Neben der Hütte steht ein etwa zwei Meter hohes Betonbassin für Regenwasser, in dem sich oft Eidechsen und selten Schlangen finden, die nicht mehr herauskönnen. - Oft haben Weingärten eigene Brunnen.

Neben den Weinsträuchern lassen sich wegen des guten Bodens auch kleine Bereiche mit Kohl und anderen Gemüsesorten anpflanzen. Diese werden so begrenzt gehalten, dass sie nicht das Wachstum der Reben behindern. Maèak ist aber auch in der Lage, aus dem bei den Reben wachsenden Unkraut ein zauberhaftes Gemüse zu bereiten. Was er da alles nimmt, weiß ich nicht. Man kann es sich ohne Sorgen einverleiben, denn es enthält keinerlei Chemikalien, es ist bekömmlich.

- Unten eine stimmungsvolle Darstellung des Vinograds im Februar.

Die Traubenlese im Herbst geht rasch und meint nach dem Pflücken den Transport der Trauben über die vom Trecker gezogenen Anhänger in die Konaba. Hier werden die Trauben bearbeitet.

Wegen des Geschmacks spielen die Fässer eine große Rolle. Sie sind aus Eichenholz, oder aus dem Holz der murva, des Maulbeerbaums (aus denen der Wein  geschmacklich besonders gut geraten soll), oder dem der jelovina, eines billig importierten Tannenholzes (aus dem Norden Kroatiens), das als nicht so hochwertig gilt. Jeder Dalmatiner hat da seine Vorlieben und spricht gerne über die Vorzüge seiner Fässer; es ist die Betonung individueller Meisterschaft eigener Produktion, was mit dem Ausdruck domaèi  fast eine Sakrosanktion erfährt.

Doch die Zeit geht auch nicht an Mikula´s Dorf vorbei; so manche Weinbauern greifen jetzt auf die Stahlbehälter zur Lagerung des Weins zurück.

Der Rakija ist ein Schnaps gleich dem italienischen Grappa und wurde schon von den Türken destilliert, trotz des islamischen Alkoholverbots. Er heißt auch loza, nach dem Wort für Weinrebe, da er ja aus dem Rest der Traubenpresse, der Maische, gemacht wird. Er wird innerlich, aber auch extern (bei Rheuma, Verstauchungen und Venenleiden) in nicht unerheblichen Ausmaß angewendet. Die moslemischen Bosnier pflegten unter der kommunistischen Herrschaft unbedenklich die Kultur des Rakija, und auch das verbotene Schweinefleisch war an der Tagesordnung. Heute ist im Zuge einer Fundamentalisierung Alkohol und Schweinefleisch unter den bosnischen Moslems verpönt, die Frauen tragen wieder Kopftücher; unter Tito undenkbar.

Die Anwendungen des Rakija sind vielfältig. Interessante Liqueure lassen sich damit herstellen; berühmt ist die travarica, ein Kräuterschnaps, ganz hervorragend bei Magenleiden, und die orahovica, ein Walnussliqueur, der nach neueren Erkenntnissen enorm den Cholesterinspiegel des Blutes senkt.

Wegen Mikula´s Hammerzehen passen ihm die Schuhe vorne nicht. Mikula holt uralte Schuhspanner, deren Federn schon längst nachgelassen haben, umwickelt den vorderen Holzteil mit alten Stofflappen und tränkt sie mit Rakija. Dann schiebt er die Schuhspanner mit großer Kraft in die Schuhe bis ganz vorne und lässt sie ein paar Tage stehen. Das Leder gibt nach. Während der Prozedur muss auch ein wenig innerlich behandelt werden. –

Der Ort der Entstehung von Wein und Schnaps ist in der Regel die Konaba. Ihr wird noch ein eigenes Kapitel zu widmen sein.

Unten die Weingärten gegenüber dem Mosor, im Früh-Sommer.

 

 

 

 

 

       

Weiter mit

Steinkleid 2

                                                                        

 

 

 

 

 

 

 

š Š  è È  æ Æ  ž Ž  ð Ð

 

 EisenbahnSteinkleidSteinkleid 2Zwiebeln