Zweiter Teil von

 

 

                                              

                                                        Albrecht Preusser

 

 

 

 

                        Dalmatinisches Steinkleid und 

 

                    kurzhistorische Ästhetik

 

 

                 Steckbriefe aus dem Hinterland von Split
 
 
 
 
 
Dr. med. Albrecht Preusser
Seetorstr. 5
31737 RINTELN
Im Mai 2001
Revidiert und erweitert im Mai 2002
Erweitert 2006

 

 

 Kapitel:

Steinkleid 1

1     Meer; Stein; Küste
2     Stein & Partner
3     Stein & Form: Karst
4     Die Brunnen
5     Mikula´s Terrasse
6     Stein & Quelle
7     Stein & Haus  
8     Museumsdorf
9     Surrogat und Fragment
10   Sinj – die Stadt
11   Stein & Kreuz
12    Stein & Wein 
 
 
Steinkleid 2
 
13    Das Dorf Cetina
14    Stein & Spur
15    Konaba & Kužin
16    Èaèvina
17    Geschichten
18    Stein & Regen
19    Stein & Blut
20    Olivenbäume
21    Stein & Zeit
22    Stein & Müll
23    Mestroviæ
24    Visovac
25    Ausblick; Rückblick

 

 

 

13

 

Das Dorf Cetina

 

 

 

 

Wir fahren zum Oberlauf der Cetina, Richtung Knin, der Stadt, die vor 900 Jahren Residenz des Königs war. Wir suchen eine altkroatische Kirche, an der Quelle des Flusses. Vor Knin weist uns eine Tafel nach rechts. Nach sechs Kilometern finden wir ein Dorf, es heißt wie der Fluss - Cetina. Dieses Dorf ist leer. Die Atmosphäre ist gespenstisch. Die Häuser sind im Krieg beschossen worden, alle sind verwahrlost.

Wir finden diese alte Kirche, die aus dem neunten Jahrhundert stammt, gerade in Restaurierung begriffen. Es ist ein massiver Bau, sehr groß im Vergleich mit den anderen frühkroatischen Kirchenbauten aus der Zeit der Vor- oder Frühromanik (Omiš, Nin, sveta Troica im Stadtteil Poljud in Split, sveti Mikula im Stadtteil Veli varoš in Split, und viele andere). Und sie lässt sich auch vom Stil her nicht in diese einreihen.

Die kunsthistorisch außerhalb Kroatiens wenig bekannten altkroatischen Kirchen, die in ihrer Konzeption den allmählichen Übergang von der byzantinischen Zentralbauweise hin zum länglichen lateinischen Basilika-Typus zeigen, verfügten über geheimnisvolle Eigenschaften: sie waren Uhr und Kalender gleichzeitig - in Europa einmalig. Über den Lichteinfall durch die raffiniert angelegten Fenster ließen sich Tages- und Jahreszeit ablesen; wahrscheinlich ein Erbe ausgeklügelter byzantinischer Architektur. Doch das ist Gegenstand einer anderen Abhandlung (siehe unter www.drpreusser.homepage.t-online.de/html/architektur.html).

Diese Kirche im Ort Cetina, an der Quelle des gleichnamigen Flusses, hat andere  Eigenheiten: zu einer Zeit, als das mächtige Byzanz noch die Hand hielt über seine themata, die Verwaltungseinheiten des Reichs einschließlich Dalmatiens, entstand hier etwas Nördliches: das Westwerk, d.h. der Turm integriert mit der Eingangshalle (Narthex) auf der Westseite. Im Rom des Frühmittelalters gab es nur eine einzige Kirche mit Westwerk, nämlich Ss. quattro Coronati, aus der Zeit um 850, über deren Eingang ein massiver Turm errichtet wurde, wohl unter karolingischem Einfluss. Im Norden (Deutschland, England) finden sich, meist aber aus späterer Zeit, viele Beispiele dieses Westwerks. - Hier hat sich in der zweiten Hälfte des 9. Jhds. der kroatische Fürst Branimir fränkische Bauleute geholt und sich auf die lateinische, westliche Schiene festgelegt.

Auffällig sind die schräg stehenden Seitenmauern mit ihren halbkreisförmigen Vorwölbungen, den Kontraforen. Diese gibt es sonst nirgendwo in Europa. Außer dieser Kirche sveti spas (Heiliger Heiland) gibt es im Raum Biograd – Knin noch drei Kirchen aus der Zeit dieses Fürsten, auch diese mit karolingischen Baumerkmalen, aber alle nur noch aus Ruinen vorstellbar.

Damals schon ein Versuch der Kroaten, sich dem Westen an-zuschließen. Der Papst in Rom (Johannes VIII.) verkündete 879 im Petersdom die Anerkennung des Staates und des Fürsten; sogar die Verwendung der slawischen Sprache in der Liturgie war zugesagt. Immer wieder kämpften die Kroaten um die Anbindung an die westlich-lateinische Welt. Ach Branimir!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Friedhof um die Kirche herum ist rein serbisch, und er ist verwahrlost. Gräser überwuchern die Gräber mit den Aufschriften in kyrillischer Schrift. Viele Gräber sind alt. Ob sie wohl in die Zeit zurückreichen, als die Habsburger den Grenzgürtel gegen die Türken angelegt haben? Überall sieht man die Kreuze in der byzantinischen Form über den Grabstellen. Einige der Gräber sind relativ neu; sie müssen in den letzten Jahren an-gelegt worden sein. Aber auch sie  wurden in jüngster Zeit nicht gepflegt.

Kaum ein paar fünfzig Schritte entfernt von hier erhebt sich ein anderes Bauwerk: eine serbisch-orthodoxe Kirche, kaum fünfzig Jahre alt, aber ganz im Stil der alten byzantinischen Zentral-bauten errichtet, eine Kreuzbasilika. Sie ist inmitten dieses zerstörten Dorfes unversehrt.

Als ich diese Kirche fotografiere, hält neben uns ein Wagen mit Zagreber Nummer; zwei ältere Frauen sitzen drin. Eine von ihnen steigt aus, ganz in schwarzer Kleidung, und wirft mir einen bitterbösen Blick zu. Ihre dunklen Augen sprühen vor Hass. Dann wendet sie sich langsam  ihrer Kirche zu.

Auf der Rückfahrt kommen wir wieder an den Häusern vorbei, die alle die Einwirkungen des Krieges zeigen. Wieviele von ihnen habe ich schon in diesem Land gesehen! - Überall wuchert die Vegetation in die Terrassen und Häuser hinein. Auf einer armseligen Terrasse sehe ich als einzige Menschen zwei alte Frauen sitzen, wie üblich ganz in Schwarz; sie blicken mit stoischer Miene in ihr Land.

Dieser kleine Ort, dieses tote Dorf stellt uns schier unlösbare Fragen; wie hat sich die lange Vergangenheit hier entwickelt, und was ist im letzten Krieg wirklich geschehen? Woher kommt dieser Hass? Es hat etwas von diesem schwer belasteten, teils aus Unwissenheit so oft recht oberflächlich gebrauchten Begriff an sich: Balkan. Und noch schlimmer ist ein neuer Ausdruck aus dem Vokabular der selbsternannten Krisenmanager, ein Wort, das schier Unvereinbares verbinden will: Westbalkan.

 

 

 

 

14

 

Stein & Spur

 

 

 

 

Mit Maèak durch die Landschaft zu spazieren, ist immer ein Gewinn. Für ihn ist das, was sich darbietet, wie ein Buch, in dem er mühelos lesen kann. Und er weiß eine Menge und kennt, wie man so sagt, jeden Stein. Das ist hier keine bloße Redewendung.

 

Dieser Weg, sagt Maèak, war einmal eine Römerstraße. Er zeigt mir genau die Einkerbungen im Stein durch die Wagenräder. Sie sind gut zu erkennen. Beweisend ist das wohl nicht; aber da es sich heute um einen abgelegenen Weg durch die dörflichen Randgebiete handelt, kann kaum eine andere Ursache über die vielen Jahre eine solche Spur hinterlassen haben. Sie lässt sich an verschiedenen Stellen nachweisen.

 

 

  

 

       

                                                                        

 

 

 

.......Die Römer beschränkten ihre Anwesenheit und ihre Zeugnisse eben nicht nur auf die Küste. Und wieder mal sind wir auf dem Wege nach der kleinen Stadt Trilj, an der Cetina gelegen. Eine aus dieser Richtung vorgelagerte Erhebung war einst die Residenz der illyrischen Königin Teuta; im zweiten Jahrhundert vor Christus leistete sie heftigen Widerstand gegen die Römer und das machte sie berühmt. Die Römer eroberten endlich Dalmatien um Christi Geburt herum, also zwei Jahrhunderte später. Hier auf dieser bezaubernden Anhöhe, wo einst eine Festung oder eine Stadt der Illyrer gewesen sein mag, liegt heute nur noch ein kleiner Friedhof und eine Kapelle. Ein römischer Grabstein, schlecht erhalten, ist die Spur, die die damaligen Auseinandersetzungen bezeugt.

Weitere römische Spuren ergaben sich Jahre später, als die Autobahn parallel zur Küste gebaut wurde. Bei den Bauarbeiten wurden interessante Funde gemacht. Aber davon wird noch zu reden sein.

In der Stadt Trilj lag direkt an der Cetina ein altes Gasthaus, das in ganz Dalmatien bekannt war für seine Froschschenkel. Ein Bild von Tito, der hier gerne speiste, hing an der Wand der gemütlichen, verrauchten Gaststube. Das ursprüngliche Gebäude ist inzwischen abgerissen und hat einem noblen Neubau (Hotel, Restaurant) Platz gemacht. Die Froschschenkel gibt es noch, doch bei den mit Frack und Fliege gezierten Kellnern und bei den neuen Preisen fühlt man sich hier nicht mehr wohl.

Aber hinter Trilj stoßen wir auf etwas anderes. Wenige Kilometer weiter hatten wir schon die türkischen Brunnen gefunden (siehe Kap. 4, Die Brunnen). Gerade dort, auf der anderen Straßenseite eine neue Spur, die ins Mittelalter führt, eine ganze Anzahl von

Grabsteinen, Bogumilensteinen (steæaci), auch in West-Bosnien häufig zu finden; in der Form hochgezogenen Truhen gleichend, mit Giebel, aber nicht hohl; an den Seitenflächen Reliefs mit reizvollen mittelalterlichen Motiven. Die Bogumilen (=Gott-

           

Liebenden) waren eine schon im 10.Jhd. bekannte häretische Gemeinschaft, deren Glaubensprinzipien an die dualistische Sekte der Manichäer des 4. Jhds erinnert; sie stemmten sich gegen weltliche, materielle Werte, gegen Besitz, und lehnten das Diesseits ab; sie wehrten sich gegen die starre, griechisch dominierte Orthodoxie des Ostens; aber auch der von der lateinisch geprägten Adria-Küste hereinreichenden fundamentalistischen Ordnung der katholischen Kirche wollten sie sich nicht einfügen.

Die Bogumilen gelten als Vorläufer der Katharer und anderer Häretiker des Mittelalters. Parallel zu ihrem religiösen Eigensinn spielten auch poli-tische Motive eine Rolle, denn die Bogumilen, deren Bewegung im 12.Jhd ihren Höhepunkt hatte, wehrten sich gegen das byzantinische Reich gleichermaßen wie gegen das ungarisch-kroatische Königtum. Die römische Kirche ist ihrem teils extremen Gedankengut mit brutaler Verfolgung, auch durch Kreuzzüge, entgegengetreten.

Ob zwischen den Bogumilensteinen und den wohl erst später angelegten türkischen Brunnen ein Zusammenhang besteht – niemand konnte es mir sagen. An der amoenitas loci  (der Lieblichkeit des Ortes) allein lag es wohl nicht. Der Ort liegt schon im Bereich der uralten Schnittstelle zwischen der lateinischen und der orthodoxen Welt, die sich durch den ganzen Balkan zieht. Die Türken - sie hatten für christliche Sekten kein Interesse; deren Unabhängigkeitsdrang gegenüber der römischen Kurie war ihnen eher genehm. Der Eigensinn der Bo-gumilen hat sich wohl später auf den Orden der Franziskaner in Bosnien über-tragen – bis heute (siehe Kap. 11 "Stein und Kreuz").

Wer wollte bei den Ausstellungsstücken, die unsere Museen füllen, bei den unzähligen Tiegeln und Töpfen, den Arbeiten aus Edelmetallen, Holz, Stein oder Tuch, den schartigen Waffen, auf das sichtbare Element des Alterungsprozesses verzichten, den Rost, den Gilb, das Scherbenhafte oder Fragmentarische, irgendeine Form der Erosion des Materials, eine wie immer geartete Patina. Und im übertragenen Sinn schwebt das Alter und die Kenntnis einer bestimmten Herkunft wie eine Aura um die Exponate unserer Galerien und Kunsthäuser.

- Nur etwa fünfzehn Kilometer weiter hat man ein eigenartiges optisches Erlebnis: ein großes Schiff, hier im tiefen Binnenland. Es handelt sich um ein aus Beton gebautes Haus mit Bug und Reling, Brücke und Kajüte. Als wir näherkommen und uns das Haus be-

trachten, sehen wir in Parterre Räume einer Gastwirtschaft mit Tischen und Stühlen, doch vollkommen verlassen. Alles rundum des seltsamen Bauwerks macht den Eindruck der Verwahrlosung.  

Da öffnet sich oberhalb des Eingangs ein Fenster und der vorgealterte Kopf eines Mannes von etwa vierzig Jahren erscheint, das Gesicht gelblich; die Physiognomie erinnert an ein Leberleiden. Er sagt freundlich, seine Eltern hätten das Haus in Form eines Schiffes erbaut und eine florierende Gastwirtschaft unterhalten, die jetzt aber nicht mehr liefe. Unsere Neugier scheint ihm nicht unangenehm und er lädt uns ein, etwas zu trinken. Wir lehnen höflich ab, und fragen ihn, ob wir fotografieren dürften. Er hatte keine Einwände und erschien schließlich auf dem Oberdeck und sah uns zu.  Eine seltsame Erscheinung in der zagora. – Ach, Kapitän, dachte ich, als wir zurückfuhren, böse hast du dein Schiff auf Grund gesetzt.

Was die Römer an Wegespuren hinterlassen haben, das waren bei den Österreichern, den viel späteren Besatzern, die Eisen-bahntrassen. Von 1815 bis 1919 waren sie hier die Herren; sie

bauten die Bahnlinie von Split über Knin nach Zagreb; wie kunstvoll es die Österreicher zu Zeiten der k.u.k. Monarchie aus ihrer alpinen Erfahrung verstanden haben, Trassen zu bauen, das erschließt sich aus der eingleisigen Bahnlinie, die vom Hafen in Split über das Hinterland nach Knin und weiter durch die Lika bis hinauf nach Zagreb führt; sie wird heute noch benutzt. Das Bild oben zeigt eine Passage durch die Felsen oberhalb Trogir.

- Wie oft sind Milica und ich vom Dorf Mikula´s nach Norden spaziert, ein ansteigendes Gelände, ein sich wellig anhebender Bereich, in dessen Bodensenken sich fruchtbare Erde an-gesammelt hat wo auch die besten Weingärten des Ortes lagen. Auch Mikula hatte hier ebenso wie sein Bruder einen vinograd. Das Grundstück war aus Gleichheitsgründen gevierteilt. Um die Unterschiede zwischen höherer und niederer Lage auszugleichen, wurden Diagonalen gezogen. Mikula gehörte links ein Viertel oben und rechts davon eines unten; bei seinem Bruder entsprechend umgekehrt.

Hier, einen Kilometer oberhalb des Dorfes, führte eine andere, ebenfalls von den Österreichern vor mehr als hundert Jahren er- 

baute Eisenbahnlinie entlang, die den Zug von Split ins Hinterland bis nach Sinj brachte. Im Vergleich zu der Strecke von Split über Knin nach Zagreb war es nur eine kleinere Lokalbahn.

Die Bahnlinie wurde in den frühen Sechzigerjahren leider aufgelassen, die Gleise entfernt. Doch die Trasse ist noch gut zu erkennen und führt teils in kühnen Schneisen durch den Fels. Was hätte diese Bahn heute für eine wunderbare touristische Attraktion sein können!

Hier oben lag der Bahnhof des Dorfes, der heute nur noch als Ruine existiert. Er wurde von den Deutschen im Zweiten Weltkrieg als Bastion ausgebaut, um den niederen Bereich des Dorfes zu kontrollieren. Der Turm stammt von ihnen, als Stellung für die Maschinengewehre. Man kann noch die breiten Luken für die Gewehre erkennen. Alles ist grob überwuchert und kaum noch zugänglich.

Milica erzählt unterwegs von ihrer Großmutter mütterlicherseits: Als die Baba mit ihrem Pferdegespann einen abschüssigen Weg hinunterfuhr, haben deutsche Soldaten aus Spaß und purem Mutwillen die Pferde angetrieben und verschreckt; das Gespann stürzte und die Großmutter kam ums Leben. Diese Geschichte ist im Zuge der neuen kroatisch-deutschen Annäherung nicht revidiert worden. - Im Bild unten sieht man zwischen den beiden Gebäudeteilen im Hintergrund einen kleinen weißen Fleck. Es handelt sich um die Dorfkirche des Hl. Michael.

- Die Jahre sind vergangen; als Milica und ich damals versonnen in den Weingärten Betrachtungen anstellten und sie sich an den Reben mit ihren geschickten Händen zu schaffen machte, konnten wir nicht wissen, dass der ganze Bereich des alten Bahnhofes durch den Neubau der Autobahn vernichtet werden würde. -

Als wir nach einem dieser Spaziergänge vom alten Bahnhof hinunter ins Dorf gehen, begegnen Milica und ich Stipan. Er sieht gleich, dass ich Deutscher bin und erzählt. –Hier, sagt er und weist auf ein neben dem Weg liegendes Gelände, lagerten einige Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ein paar deutsche Soldaten; eine Handvoll, die bei den Kämpfen in Griechenland

hängen geblieben war und die Rückkehr nach Deutschland verpasst hatte. Durch den halben Balkan hatten sich die Deutschen durchgeschlagen nach Norden, um in ihre Heimat zu gelangen. Stipan erinnert sich: An dieser Stelle waren damals noch mehr Bäume, ein kleines Wäldchen, und als sie hier rasteten, kam einer aus dem Dorf, und sie taten ihm, abgerissen wie sie waren, leid; er ging ins Dorf zurück und holte Nahrung und etwas zu trinken. Die Deutschen waren dankbar, und mit einem tauschte er die Adressen, damit man sich später vielleicht besuchen könne. Doch ein paar Stunden oder einen Tag später erschien eine Einheit der Roten Armee Tito´s; die deutschen Soldaten wurden alle erschossen. Bei einem der Toten fand man in der Jacke einen Zettel mit Namen und Anschrift des Mannes aus dem Dorf.

Es dämmert schon. Milica zeigt mir ihre Schule, die Dorfschule, Volksschule. -Sechs Stunden hatten wir jeden Tag. Es ging schon streng zu, doch in der großen Pause gab es etwas zu essen. Die Schule hatte eine eigene Küche. Das Essen war sehr gut. Ab der dritten Klasse mussten wir die kyrillische Schrift lernen. In den Geschichtsstunden wurden vor allem die deutschen Offensiven im Zweiten Weltkrieg gelehrt. Von der Literatur weiß ich noch, dass es um König Lazar ging und den sagenhaften kraljeviæ  (Prinzen) Marko. Beide haben gegen die Türken gekämpft. Dann haben wir gelernt von dem Montenegriner Petar Njegoš, dem berühmten König und Dichter. Und von Vuk Karaèiæ, dem serbischen Sprachwissenschaftler, der mit den Brüdern Grimm kor-respondierte. Er wollte die südslawischen Sprachen verein-heitlichen. Milica erzählt aus ihrer Jugend unter dem Kommunismus. –Wir waren nicht unglücklich; ich war auch später bereit, den roten Stern zu verteidigen; ich habe ihn als etwas Eigenes angesehen. Den Leuten ging es ganz gut. Nur - wenn einer aufmuckte und Kritik übte, dann kam irgendwann die Crna Marica (die Schwarze Marie); die Männer der UDBA stiegen aus ihrer schwarzen Limousine und holten den Mann ab. 

Als wir Mikula von unserer Begegnung mit Stipan und seiner Geschichte von den deutschen Soldaten erzählen, sagt er: -Es fehlt noch etwas. Der Mann aus unserem Dorf, der den Deutschen Essen und Trinken gebracht hat, ich kenne ihn; er war es selbst, der sie den Rotarmisten angezeigt hat.

 

 

 

 

 

 

15

Konaba  & Kužin

 

Jedes Haus, so einfach es auch in der Vergangenheit konzipiert worden sein mag, hatte einen Raum, der mit besonders dicken Mauern ausgestattet und für die Herstellung und Lagerung des Weins gedacht war - die konaba. Hier gibt es ein Bassin, aus Stein gemauert oder aus Beton, in dem die Trauben mit nackten Füßen zerstampft werden. Kühl ist es in diesen Mauern, kühler als in allen anderen Räumen. Die Konabas der verlassenen Häuser in der Wildnis, leer und kahl, vermitteln diese Kühle auch rein optisch. Wie heilige Räume wirken sie, geeignet zum Meditieren oder zur Weltentsagung. Wer aus ihnen ins Freie, in die Welt blickt, hat ein sicheres Gefühl der Distanz. Der massiv präsente Stein schafft Ruhe und Gelassenheit.

Es ist keine Seltenheit, dass der Dalmatiner an heißen Tagen seine Konaba benutzt, um im Kühlen zu schlafen, auf der Holzbank oder auf dem blanken Fußboden. - Manche wohlhabenden Bauern haben ihre Konaba ausgestaltet zu einer feudalen Räumlichkeit für gesellschaftliche Ereignisse; gute Freunde als Gäste beobachten hier, wie der Wein aus den Fässern angesaugt wird, und der Gastgeber schneidet in Würde den Schinken in feinste Scheiben. Man kostet und die Diskussion darüber kann Stunden dauern. -

Innerhalb der Familie hat nur der Hauswirt – so will es die Tradition hierzulande – den Schlüssel zur Konaba. Er trug in früheren, harten Zeiten die Verantwortung für die Bereitstellung und Rationierung der drei wichtigen Lebensmittel: Wein, Schinken (kroat. prožut vom italienischen proschiutto) und nicht zu vergessen das Olivenöl; welches aber in Mikula´s Dorf kaum noch selbst hergestellt wird. Wer aber Gelegenheit hat, selbsterzeugtes dalmatinisches Olivenöl zu probieren, der wird keine Worte finden, dieses Elixir zu preisen und zu loben. Es ist wahrhaft ein Gedicht.

Schließlich gehört auch die Destille zur Ausstattung einer Konaba. Und dann entsteht hier der beliebte Rakija. -

 

 

 

 

 

 

 

Manchmal ist die Konaba - ob es etwa mit dem Genuss des oben genannten Rakija zusammenhängt? - ausgestaltet zu einem Kultraum, der die spirituellen Neigungen des Wirtes verrät. Die Liebe und Hingabe dieser Gestaltung mutet bisweilen seltsam an; manch versteckte Leidenschaft oder auch Skurrilität kommt hier zum Ausdruck; der Betrachter ist ganz eigenartig berührt.

Dalmatinische Gesellschaft ruft gerne nach gemeinsamer Mahlzeit. In kleinem Kreis bei sonnigem Wetter wird die Speise einfach im Freien zubereitet; 

die Gradella, das Grillgerüst, reicht, um auf fester Grundlage einen herrlichen Schmaus zu bereiten. Den Fisch muss man sich frühmorgens vom Fischmarkt in Split holen; das Angebot hier ist faszinierend und gehört eigentlich nicht zur Beschreibung des Spliter Hinterlandes. Aber wer in Mikula´s Dorf über das Grillen von Fisch mitreden will, für den ist die Kenntnis des Spliter Fischmarkts und seiner Verkäufer selbstverständlich.

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein lebhaftes Treiben ist es hier um sieben Uhr morgens in der Fischmarkthalle, nicht weit von der nördlichen Riva, wo der Kunde angesichts der Vielfalt der Meeresfrüchte eine Entscheidung treffen muss. Und ganz billig ist die Ware nicht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ist der Fisch einmal besorgt, dann beginnt die professionelle Verarbeitung in der kužina, dem Back- und Räucherhaus, wo die Wände und das Holz des Gebälks mit schwarzem Ruß überzogen sind, dem weiblichen Gegenstück zur konaba.

Hier wird am Steinboden ein Feuer aus Ästen der Weinrebe entzündet; diese Äste ergeben kleine intensive Glutstückchen, die lange vorhalten. Jetzt kommt die gradella (links) darüber und der Fisch kann optimal gegrillt werden. Wenn die Fisch-Augen trübe werden, sagt Maèak, dann musst du den Fisch wenden. Oder aber man treibt die Glut auseinander, damit sich in der Mitte Platz findet für den Laib Brot oder eine henkellose Pfanne mit Kartoffeln und Fleisch. Jetzt wird darüber die pekara  (von deutsch „Bäcker“) gestülpt, eine flache Metallglocke (unten), wie sie in Sinj auf dem Markt zu kaufen ist, und über diese wird wieder die außen herum liegende Glut gekehrt, bis die ganze Pekara von ihr bedeckt ist. So läßt man das Ganze backen oder schmoren, bis die Glut erlischt. Dann entfernt man die Asche von der Pekara, hebt diese hoch und hat gutes Brot oder ein herrlich gegartes Gericht vor sich.

Die kužina ist ein herrlicher Raum. Hier hängen die Schinken, hier findet sich manches Werkzeug und allerlei Unrat; in der Ecke liegen Zwiebeln und Knoblauch; über allem herrscht das rußbedingte Dunkel; neben dem Ein-gang steht die Plastiktonne für die Abfälle - das Schweinefutter; und in einer anderen Ecke liegt der Fußball der Kinder. Und Maèak nimmt einen frischen blätterreichen in Öl gebadeten Zweig des Rosmarins (murtela) und schlägt ein paar Mal leicht über das Grillfleisch, dass es den Geschmack an-nimmt. - Die Männer tragen gern ein kleines Ästchen dieser Pflanze hinter dem Ohr; es riecht angenehm erfrischend und soll Glück bringen. Er soll die Stechfliegen abhalten; und in der Kirche schlafe man damit nicht ein, wenn der Pfarrer zu lange predigt.

Neben Pekar und Gradella gibt es noch andere schmiedeeiserne Werkzeuge, die gute Dienste tun. Der Dreifuss trägt den Topf über dem Feuer; und die Kette mit ihren verstellbaren Gliedern erlaubt, den Topf in der gewünschten Höhe über das Feuer zu hängen..................................

.Es gibt ein feines, etwa 120 cm langes Blasrohr, mit dem man das Feuer an der Unterseite anfachen kann, ohne sich zu verbrennen. Und schließlich hat Maèak auch eine Stange mit einem Ende wie eine Speerspitze; hiermit kann er sich auf Distanz Holz und Hölzchen zurechtlegen, auch die Glutteilchen verteilen oder die Asche wegschieben.

Maèak liebt das Feuer; aber nicht wie ein Pyromane, sondern wie jemand, der sich bewusst ist, welche Dienste ihm dieses „Element“ leistet. Er will es fröhlich brennen sehen, fast sieht er es als ein Lebewesen an. Für ihn ist es eine Frage der Sorgfalt und der Liebe, ein Feuer zu entzünden. Einmal, als seine Frau das Feuer seiner Meinung nach nicht richtig angelegt hatte und es nur lau vor sich hinbrannte, war er ziemlich ungehalten: -Siehst du, sagte er zu ihr, -sieh doch nur, wie das Feuer weint, es weint-, und mit Hingabe brachte er die Flamme wieder zum Strahlen.

Eine ganz besondere, dabei so unglaublich einfache Spezialität sind die pole, die halben Kartoffeln (kroat. pola = halb). Man isst sie als Nachspeise, wenn der Abend gediehen und die Hauptmahlzeit schon verzehrt ist, oder auch zwischendurch.

 

 

 

 

 

 

 

 

Man benutzt den Bereich der Grillstelle, wo zuvor die Glut die Gradella oder den Topf erhitzt hat. Hier ist der Boden heiß. Die Asche wird weggeschoben, und hier legt man ungeschälte Kartoffeln, die in der Mitte halbiert wurden, mit der Schnittstelle nach unten auf den heißen Stein. Die Schnittflächen wurden zuvor mit grobem Salz eingerieben. Nun liegen sie da, die unge häuteten Kartoffelrücken, und nun wird die zuvor entfernte heiße Asche direkt auf die Kartoffeln gehäuft. Man gräbt sie damit zu.

Die halben Kartoffeln sind fertig, so lautet die Regel, wenn man sie im Eifer des Gesprächs vergessen hat. Tatsächlich, das hat sich immer wieder bewährt. Nach etwa 40 bis 50 Minuten kreist der Gedankengang wieder ums Essen und man beginnt, in de Asche nach ihnen zu suchen, und dann schaut man sich die Schnittfläche an. Goldgelb muss sie sein. Mit der Hand reibt man jetzt das Salz von der Schnittfläche, und dann kann man die Pola essen, mit oder ohne Schale. Wenn man die Gunst der Hausherrin genießt, bereitet sie noch kurz ein kleines Mus aus zerdrücktem Knoblauch und Olivenöl. Das ist einfach köstlich dazu.

Man gewöhnt sich daran – kulinarische Genüsse gehören hier zur Tagesordnung. Es liegt an der Ursprünglichkeit der Nahrungsmittel.

Bei außergewöhnlichen Gelegenheiten muss ein Lamm her. Im Ganzen wird es in der Kužin gegrillt. Die Häutung und initiale Zubereitung am aufgehängten Korpus ist schon ein Stück Arbeit. Eine entsprechende Bearbeitung mit Salz und Öl gewährt den späteren guten Geschmack. Dann muss der ganze Leib aufgespießt werden auf eine Stange, die sich einbauen lässt in ein Drehsystem, das von einem umfunktionierten, elektrisch betriebenen Waschmaschinen-Motor seine Dreh-Energie bezieht.

Das längliche Grill-Objekt wird etwas seitlich des vorbereiteten Glutfeuers angebracht und erfährt über etwa drei Stunden gleichmäßige Hitze-Zufuhr. Und der deutsche Gast ent-spannt sich im Dunstkreis des Grill-Vorgangs in Erwartung einer außergewöhnlichen Delikatesse.

Die goldgelbe Farbe verrät den Erfolg der Grillprozedur. Dann beginnt die Zerlegung des Lamms. Der lange Spieß wird herausgezogen und das gute Stück auf einem großen Brett mit dem Hackbeil zerkleinert. Zwischendurch reicht mir Maèak - ich

 

 

 

 

 

muss sehr hungrig oder gierig ausgesehen haben - ein Stück, – es ist eine Niere, ich esse sie ihm direkt aus der Hand, sie schmeckt einmalig gut. Eine andere Wonne ist das Gehirn (rechts oben), wahrhaft ein Hochgenuss.

Und dann das gemeinsame Essen mit maximal frischem Lammfleisch und den mediterranen Zutaten - ein archaisch an-mutendes Ritual, dessen Würde und Faszination sich kein Gast entziehen kann.

 

 

   

  

16

Èaèvina

 

Um nach Èaèvina zu kommen, hält man sich von Trilj aus nur kurz an die Straße nach Livno, biegt aber bald hinter der Cetinabrücke links ab nach Vedrine. Bei Jabuka biegt man nach rechts ab; jetzt wird die Abzweigung nach Èaèvina durch ein Schild angezeigt. Hoch hinauf geht es, durch unbewohntes Gebiet, bis oben der Ort und die Silhouette der gleichnamigen Burg sichtbar wird. Man fährt am Ort vorbei Richtung Burg; zu ihren Füßen liegt ein kleiner Friedhof, dort kann man parken.

Nun noch ein kleines Stück zu Fuß. Knapp unterhalb der Burg liegt ein kleines Kirchlein. Hier auch ein kleiner Gottesacker mit alten Gräbern.

Das letzte Stück hinauf ist steil. Achtung – hier gibt es viele Schlangen. Die Höhe beträgt jetzt etwa 900 m ü.M.

 

Merkwürdig – einige Male war ich auf der Burg, und jedes Mal war das Wetter verhangen, bedeckt, bewölkt. Immer bot sich ein

 

düsterer Anblick. Trotzdem – der Ausblick oben ist fantastisch. Der Blick schweift rundum und man kann sich gar nicht satt sehen. Die schneebedeckten Berge – das ist schon Bosnien, und die Grenze ist nah. Ein Wilderergebiet ist das hier oben, es lohnt sich heute wohl nicht mehr, etwa noch für Zigaretten?

Es wird gesagt, dass die Ursprünge der Burg bis zu den Illyrern zurückreichen, jenem Volk, das noch vor der Ausbreitung des Römerreiches hier lebte und als deren überragende Gestalt die Königin Teuta gilt. Ob Bauelemente der Burg noch aus dieser Zeit stammen, weiß wohl keiner. Der Hauptteil der Burg ist im Mittelalter entstanden, als die edlen, aber wilden Familien der Nelepiæ und der Šubiæ-Bribirski hier ihre Fehden austrugen. Die Šubiæ, in deren Wappen die beiden Adlerflügel stehen, wie es an einem Tor der Šubiæ-Gasse in Trogir zu sehen ist, machten ihren Weg durch die Geschichte; nach einer Erbschaft in Slawonien im Jahre 1347 nannten sie sich Šubiæ-Zrinski, und mit ihrem Namen, zusammen mit dem der Frankopani, war das Schicksal Kroatiens über Jahr-hunderte eng verbunden.

War es schon im Mittelalter, oder spielte es erst zu Beginn der Kämpfe gegen die Türken eine Rolle; – man sagt, das es eine Möglichkeit gegeben habe, von der Burg Èaèvina aus Kontakt aufzunehmen mit der über Luftlinie etwa 25 km entfernten Burg Klis oberhalb von Split, und zwar über Spiegel, oder sehr glatte Flächen, mit Hilfe der Sonneneinstrahlung. Auch andere Burgen konnte man wohl von dieser exponierten Lage aus erreichen; es handelte sich um ein Warnsystem, wenn Feinde aus dem Osten (die Türken) heranrückten.    

Der junge Marco lebt hier oben mit seiner Familie. Er hat im Ort Èaèvina das Haus seines Vaters geerbt und es renoviert; beruflich ist er in Split tätig. Aber er liebt diese Gegend bei der Burg; er weiß, welche exponierte Lage sie hat; er weiß dass es hier noch Bären und Wölfe gibt; er hält sich Hunde, eine spezielle Rasse aus Bosnien, den Bernhardinern ähnlich, aber grau-weiß; sie haben einen dicken Fellwulst am Hals; sollte ein Wolf sie an der Gurgel zu fassen versuchen, beißt er nur in diese dicke Hautfalte. Diese Hunde sind die einzigen, die es mit Wölfen aufnehmen können. Stolz zeigt mir Marco eine alte Pistole deutschen Ursprungs. Ohne sie, sagt er, könne man hier nicht überleben. Und er zeigt uns den sauber skelettierten Schädel einer Wölfin.

Maèak ist an allem brennend interessiert. Er weiß eine Menge. Oben auf der Burg kann er uns die Berge des umliegenden Panorama´s bis hinauf in den Norden erklären. Hinter ihm das sagenhafte Bosnien mit seinen schneebedeckten Bergen, früher Ausgangspunkt der türkischen Überfälle, dann Herkunftsland der Schmuggler, heute Grenze zum moslemisch dominierten Bereich der kroatisch-moslemischen Föderation, die diesen balancierten Namen zu Unrecht trägt.

Marco hat uns in seinem Haus Kaffee und Rakija angeboten. Nun drängt er uns in unser Auto, er will uns etwas zeigen. Er führt uns von Èaèvina in östliche Richtung über einen Feldweg ohne Asphaltierung. Der Weg wird dichter im Gebüsch, aber es lässt sich gerade noch fahren. Niedriges Buschwerk durchfahren wir, ein paar hohe Laubbäume, dann Ruinen.

Offensichtlich handelt es sich hier um eine kleine verwahrloste Ortschaft. Nach dem Zustand der Gebäude zu urteilen ist sie etwa vor fünfzig Jahren verlassen worden. Wohlhabend war das Dorf; die Steine der Mauern sind exakt zugehauen; die Häuser sind relativ groß und z.T. mehrstöckig.

 

Marco erzählt: Es war ein blühendes Dorf. Nur wenige Jahre nach dem Krieg geschah es, als die Männer des Dorfes mal wieder auf den Feldern mit der Arbeit beschäftigt waren. Nur einer der Männer, der als Sonderling galt, blieb bei den Häusern. Was ihn da überkam – man weiß es nicht; er nahm ein Messer und tötete damit fünf Frauen. Er schnitt ihnen die Ohren ab und soll sie auf den Grill gelegt haben. Durch die Schreie der sterbenden Frauen kamen die Männer herbei und der Täter floh.

 

Es dauerte zwei oder drei Tage, bis in diese entlegene Gegend die Polizei kam. Der Täter wurde in der Um-gegend des Ortes gefunden. Man hat ihn letztlich in einer psychiatrischen Anstalt in Split untergebracht, wo er zehn oder fünfzehn Jahre später starb. 

Seitdem ist der Ort verwaist. Alles liegt brach. Doch eine merkwürdige Kundschaft hat sich des Ortes bemächtigt – aber sie kommt nur nachts. Es sind LKW´s, gefahren von Leuten, die sich für die Mauersteine interessieren. Die Laster werden mit den gut gefertigten Steinen vollgeladen. Anderswo gibt es an diesem Baumaterial lebhaftes Interesse. Marco ist über dieses Verhalten tief empört.

Es ist kein echter Frieden, der an einem Märztag über diesem verfluchten Ort ruht. Das grauenhafte Ereignis lässt sich nicht wegschieben, und die geplünderten Ruinen drücken immer noch die Trauer aus über den Bruch im friedlichen Leben der einstigen  Dorfgemeinschaft.

 

 

 

 

 

 

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Geschichten

 

Baba Mara hält ihren Stammplatz auf der Terrasse; sie schält die Kartoffeln, die Zwiebeln und den Knoblauch. Dabei achtet sie auf die Glocken von St.Michael. Schon morgens um 5 Uhr läutet es - das Ave Maria, dann um 12 Uhr mittags, wobei eine Bekreuzigung angebracht ist, und nochmals abends um 18 Uhr. Tönt die Glocke zwischen diesen Zeiten, dann weiß Baba Mara zu deuten, ob jemand verstorben ist. St.Michael hat drei Glocken; eine helle, eine mittlere und eine dunklere Glocke. Wenn letztere läutet, wird ein Mann beerdigt, läutet die mittlere Glocke, ist eine Frau verstorben, und bei der Beerdigung eines Kindes klingt die helle Glocke.

Sie weicht den bakalar ein, den billig importierten getrockneten Schellfisch aus Norwegen; drei Tage braucht der Vorgang des Einweichens unter täglichem Wechsel des Wassers; der Fisch verbreitet einen unangenehmen, an Ammoniak erinnernden Geruch, bis er dann, mit Kartoffeln und Gemüse gekocht, eine dalmatinische Spezialität ergibt.

Mikula liest währenddessen in der Zeitung; ein Vorgang, bei dem er nicht gestört werden möchte. - Er schwärmt von den schönen Frauen in Split, wohin er trotz seines Alters immer noch gerne fährt (mit dem Bus oder einem Fahrer), sei es, dass er auf Ämter muss, zum Arzt oder zum Fischmarkt. Er spuckt in die Hände und streicht sich damit in die Haare, um sie glatt zu kriegen - eine Verhaltensweise, die im Dalmatinischen mit dem etwas lächerlich machenden, irgendwie leicht obszönen Ausdruck picanje - sich stutzen - bezeichnet wird.

Die Dalmatiner sind, wie man den Slawen allgemein nachsagt, an den Menschen sehr interessiert. Es ist eine Art von menschlicher Neugier, die sich über jedes Sachinteresse hinwegsetzt. Ein Wort über den anderen, eine freundliche Bemerkung, eine Bekundung über das gemeinsam getragene Geschick, vielleicht ein paar tratschhafte Bemerkungen über andere Dorfmitglieder - das hilft schon über ein paar Stunden hinweg. Doch das Höchste ist ein Kind, das vorbeikommt: Baba Mara hält in ihrer Schürzentasche stets ein paar Bonbons bereit für die Kleinen, die vorbeikommen in vollem Lauf oder mit dem Roller und bei dem Haus von Mara abbremsen. Das ist die sprichwörtliche Liebe der Slawen zu Kindern.

 

Doch Milica erzählt mir, dass es Zärtlichkeiten in der Familie kaum gab. Streicheln, Umarmen, die Kinder an sich Drücken, Küssen, das hatte in Gesellschaft manchmal einen eher ritualen oder demonstrativen Charakter; im Alltag war es nicht üblich. -Zu den Kindern zärtlich sein, sagte früher Mikula, das kann man nachts tun, wenn sie schlafen; nicht am Tage. – Das machte mich sehr nach-denklich.

Die Dalmatiner hören im Gespräch aufmerksam zu, nicht mit der lässigen Geduld eines Franzis-kanerpaters bei der Beichte. Doch sie sind auch leicht ablenkbar, und wenn Zvonko gerade vorüberkommt, müssen sie auch im aufregendsten Gespräch unterbre-chen und mit ihm ein paar Worte wechseln über die Hühner, die bura (den kalten Nordwind), über Fußball oder über die neuesten Gerüchte um den Dorfpfarrer. Und in einer größeren lebhaften Gesprächsrunde überschlagen sich die Redebeiträge und kaum jemandem ist es möglich, zu Ende zu sprechen.

Die dalmatinischen Flüche sind voller Phantasie und erfindungsreich - allerdings kann man sie nicht so ohne weiteres wiedergeben. Wenn jemand Interesse zeigt für die kroatische Sprache im Umgang mit Dalmatinern, so lernt er als erstes einen Fluch, denn das erregt die meiste Neugier. Typisch ist die Pause, die bei diesem Sprachstudium nach dem Verständnis der ersten Flüche eintritt und den Trieb zum Erlernen der Sprache ein wenig ruhen lässt. Nach Kenntnis weiterer Flüche sieht sich der Adept dann eher als Medizinstudent, der mit vitalen Lebensfunktionen und wichtigen Körperteilen konfrontiert wird. Die ver-wendeten Ausdrücke der Flüche verweisen in den Bereich der Gynäkologie und der Urologie. Diese im Zusammenhang mit einigen theologischen Begriffen ergeben den wahrhaft brisanten emotionalen Sinn der Flüche und erklären ihre effektive seelen-ökonomische Ventilfunktion. –

Šime war vierzig Jahre in Deutschland als Gastarbeiter tätig. Im Gespräch über Flüche fragte ich ihn nach dem  Ausdruck picanje. Er sagte: -Meine Ohren sind nicht besonders gut; rechts habe ich ein Hörvermögen von 65 Prozent, links sind es nur 40.- Ich sehe ein, dass er in Deutschland seinen Hörbefund gut kennengelernt hat. Doch auf die Frage, was denn das mit dem Ausdruck picanje zu tun habe, antwortet er nur: -Manchmal ist es ganz gut, wenn man bestimmte Fragen nicht versteht, dann braucht man nicht zu beantworten. Somit blieb mir das eigentlich Pikante des Wortes verschlossen. - Ein paar Schlüsselwörter anspielungsweise ins Gespräch zu bringen, das lieben die Dalmatiner; aus dem Schatz dieses geheimnisvollen Systems kann ich nur das Wort mudante nennen, aus dem Italienischen, es bedeutet den Schlüpfer, und das Wort timunela, d. h. soviel wie zwischen den Beinen hochtasten; -dugi put, wirft lachend der alte Mikula ein, als wir darüber sprechen; dugi put = der lange Weg. Möge sich der Leser selbst einen Reim darauf machen. –

Die roten holländischen Kartoffeln, eine wohlschmeckende Sorte, brachten aufgrund der Trockenheit eine schlechte Ernte. Es hatte, wie so oft, zu wenig geregnet, und die Früchte waren klein und runzelig. Auf die Frage, ob Zvonko eher optimistisch eingestellt sei, was seine eigenen Kartoffeln betrifft, zögert er: -Optimistisch - ich weiß es nicht. Die Kapeljanka sagt: -Ich auch nicht, ich bin katholisch. Immer öfter ist sie jetzt bei Mara und Mikula zu sehen, hilft aus und ist schon dankbar für ein Glas Wein. Ihre weit vorgealterte Physiognomie, ihr kantiges, fast steinernes Gesicht fotografieren? Schon eine Andeutung meinerseits löst heftige Abwehrreaktionen bei ihr aus.

Zvonko sagt: -Große Kartoffeln, großer Bauer, kleine Kartoffeln, kleiner Bauer.

Der dalmatinische Menschenschlag ist sehr körperbetont; sie sind groß und eher breit gebaut; die Frauen mit den slawischen brei-ten Backenknochen, breiter Stirn und einem sinnlichen Mund, großen Augen, kräftigen Kiefern, die Schultern stark, die Taille betont schmal und die Hüften relativ breit. Kaum eine konnte sich der landwirtschaftlichen Arbeit entziehen, und so wirken sie im allgemeinen recht sportlich. Ihrer Körperlichkeit sind sie sich bewusst. Die Einschränkung ihrer Schönheit besteht in der Länge ihres Oberkörpers bzw. den etwas kurzen Beinen. Die jungen Frauen verstehen es auch auf dem Lande, der zagora, sich anziehend und farbenbetont zu kleiden. Doch diese  Dalmatinerinnen gezielt oder heimlich auf das Foto zu bannen, das verbot mir der Anstand. So war das in der Zeit meiner Beobachtungen.

Die Männer betonen das Übergewicht eines mächtigen und langen Oberkörpers durch weite Hemden oder T-Shirts, doch sie leisten sich in der Kleidung Nachlässigkeiten, wie ein weit über die Hose hängendes Hemd oder billige Plastiksandalen, die mit jedem Schritt ein schlurfendes Geräusch erzeugen. In ihren Bewegungen und bei der Gestikulation während des Sprechens zeigen sie die typisch mediterrane, elegante Lässigkeit.

In Fragen der Liebe und der Sexualität war die Jugend relativ frei; der Kommunismus hatte in dieser Hinsicht keine Barrieren aufgebaut. - Vom Fenster aus sehe ich ein hübsches junges Mädchen mit langen braunen Haaren und engen Hosen am Nachbarhaus vorübergehen. Eine alte schwarze Baba spricht sie an und fragt neugierig; das Mädchen antwortet ihr höflich und dreht mir dabei den Rücken zu. Das Mädchen will gehen, doch die Baba fragt wieder und das Mädchen dreht sich um, wendet sich einen halben Schritt zu ihr hin und antwortet ihr geduldig. Einige Male wiederholt sich das; endlich sagt das Mädchen etwas, wobei ich das Wort prijatelj  (Freund) verstehe, und geht beschwingt mit einem glücklichem Lächeln davon.

Tiere haben in Dalmatien keinen so guten Stand. Das sprichwörtliche Tier des Landes ist der magarac, der Esel, dessen Funktion der Dienstbarkeit und dessen Eigenschaft der Dickköpfigkeit immer wieder mit dem Charakter der Landbevölkerung Dal-matiens gleichgesetzt werden.

Gelegentlich sieht man noch Pferde, aus denen manchmal brutal die Leistung herausgeprügelt wird. Sie sind immer einzeln, vor dem Pflug oder dem Wagen mit den Kartoffeln. Sie sind selten geworden. Rechts ein Pferd bei der Kartoffelsaat; der von ihm gezogene „Besen“ verstreicht die Erdfurchen, in die die knospenden Knollen ausgesät worden waren.

Der unten abgebildete runde Stein, häufig zu finden, wurde früher beim Dreschen gebraucht. Er wurde fest in der Erde verankert inmitten eines ebenen, möglichst harten Bodens; in die in der Mitte vor-handene Öffnung kam ein kräftiger Holzpflock. An diesem wurde ein Seil befestigt und mit diesem die Pferde rundum geführt, die das am Boden verteilte Getreide zu dreschen hatten. Mit ihren Hufen trennten sie die Spreu vom Korn. Heute gibt es noch betonierte Dreschplätze mit einem Durchmesser von etwa fünfzehn Metern, die aber nicht mehr benutzt werden seit Einführung der Dreschmaschinen.

Die Pferde sind heute ersetzt durch kleine, starke, drei- oder vierrädrige Zugmaschinen, meist aus Italien importiert; deren Geknatter hat schon manche süße Morgenstunde vergällt. Unten zeigt mir Blaško die Wendigkeit seines Treckers. Ich bin tatsächlich beeindruckt, vor allem von der Mittelachse.

Katzen sind unbeliebt; hier gibt es für sie keine nützliche Funktion, denn große Kornspeicher, für die Mäuse ein Problem wären, gibt es nicht, und was die Maus in der Küche anknabbert, ist gering zu dem, was sich die Katze vom Terrassentisch holt. Zudem machen sich die Katzen gern an den Hühnerstall heran und fressen dort das Futter weg. Ein zischendes Geräusch macht sie gleich verschwinden; dass eine Katze gestreichelt oder ihr eine Schale Milch hingestellt würde, ist hier undenkbar. Der Leser verspürt mein leises Bedauern über diese Verhaltensweisen.

Die schwarzen Skorpione, schon mal bis zu sechs Zentimeter lang, sind nicht selten; von den Gärten kommen sie gelegentlich in die Häuser; ich habe jedoch in den über zwanzig Jahren nie einen Dalmatiner getroffen, der gestochen worden wäre. Der Stich ist, so wird gesagt, nicht tödlich, aber schmerzhaft.

Schlangen sind selten geworden und über einige Jahre habe ich nur eine tote Schlange auf der Straße gesehen. Inzwischen ist es zu dezenten Bekanntschaften gekommen. Wenn man in der Mittagshitze über die Mauern klettert oder ins Gebüsch geht, sollte man sehr vorsichtig sein. Niemals darf man einfach einen Stein umdrehen. Einige der Schlangen  sind mit ihrem Biss giftig und sogar tödlich. Man hat sich durch das Geräusch des Schlagens mit einem Stock zu schützen versucht. Die Dalmatiner klatschen statt des Stockschlagens auch einfach in die Hände. Allerdings ist keine der Maßnahmen garantiert wirksam gegen die Schlangen. –

Maèak berichtet von einer hochgiftigen, besonders aggressiven Schlangenart, dem poskok (der Hornviper): Die trächtigen Weibchen winden sich im Oktober auf die Bäume und gebären dort ihre Jungen. Diese fallen herab und sind sofort bissbereit. Auf diese Weise setzt sich die Mutter nicht den Angriffen ihrer eigenen Nachkommenschaft aus. - Als ich im Auto einer sich über die Straße in schräger S-Form windenden Schlange ausweiche, klagt Milica: -Warum hast du sie nicht überfahren? Mein Reflex, einem Lebewesen auszuweichen, war stärker.

Nein, Tiere zählen hier wenig. Auf einem hässlichem Müllhaufen sehe ich den Kadaver eines Marders.

Die Geschichten in gemütlicher Runde purzeln oft heraus wie reife Früchte. Manche von ihnen bedürfen einer gewissen Skepsis. Überhaupt ist es eben ein eigenartiges Erleben; die baulichen Eindrücke des Dorfes mit ihren archaischen Mauern, oft noch überhöht vom Beton, die inhomogene Architektur mit ihrer Neigung zum Fragmentarischen und Ruinösen vor Augen – da ahnt man garnicht, wie gut oft das Innere der Häuser ausgestattet ist mit allem Komfort westlichen Standards. Nicht nur ehemalige Gastarbeiter, sondern auch im Land Gebliebene haben sich hier im Interieur eine kleine Welt des Wohlstands geschaffen.

Übrigens lässt die durch das Fenster erkennbare Fassade des Nachbarhauses eine Aufstockung erkennen. Das kleine Steinfenster war ursprünglich die Stelle des Giebels. Man hat das Haus vor etlichen Jahrzehnten vergrößert unter Beibehaltung des Stils.

Im Gegensatz zu dieser Modernität stehen die altertümlichen Geschichten und Anschauungen, die hier vertreten werden.

Dem hochgiftigen Poskok, der Hornviper, so wird berichtet, sei auch eine positive Seite abzugewinnen. Die Geschichte: Eine ältere Frau aus dem Dorf war an Krebs erkrankt; es war schon zu Metastasen gekommen. Eine alte Heilerin hatte ihr geraten, viel Sauerkrautsaft zu trinken. Das Sauerkraut wird im Herbst in Fässer gelagert und dient im Winter als Gemüse und Vitamin-C-Lieferant. Früher war es die einzige Möglichkeit, im Winter dem Skorbut, der Vitamin-C-Mangelkrankheit, zu entgehen. Diese krebskranke Frau trank fleißig aus dem Bottich den Saft von oben – und siehe da, nach und nach ging es ihr besser. Es heißt, sie lebe heute noch. – Als das Fass mit dem Sauerkraut, von dem sie immer den Saft getrunken hatte, zur Neige ging, fand man unten am Boden zwei tote Schlangen, Hornvipern waren es. War es ihr Gift, das, sozusagen verdünnt, eine Heilung bewirkt hat?

Eine andere Episode kommt mir in den Sinn, die Maèak einmal erzählt hat. Eines Tages fand er auf einem seiner Felder einen Haufen alter Hühnereier, vergammelt und fürchterlich stinkend. –Ammoniak, stöhnt Maèak, als hätte er beim Erzählen den Geruch noch in der Nase, -Ammoniak! Es war nicht nur der Gestank, der ihn belastete, sondern der Verdacht, das eine Nachbarin ihm damit einen Tort antun wollte, ihn verhexen oder verzaubern. –Und was hast du dann gemacht, fragte ich ihn. –Ich habe meine Nachbarn und Freunde geholt, sagte er. - Da standen sie nun bei den Eiern und es roch so übel, als hätte der Leibhaftige gerade einen fahren lassen, und sie debattierten eine ganze Weile über das weitere Vorgehen. –Dann haben wir beschlossen, den jungen Branco hinüberzuschicken zur Kirche und etwas Weihwasser zu holen. - Damit wurden dann die Eier besprengt, ein paar Schaufeln Erde drüber, und so fand der faule Zauber ein Ende. - -Du siehst, sagt Milica dazu, hier herrscht noch das Mittelalter.

 

Diese Nachbarin und ihr Ruf als Hexe genießt, so stellte sich heraus, durchaus einigen Respekt unter den Leuten. Als wir einmal mit dem Auto die sehr schmale Straße zu Maèaks Haus hinauffuhren, stand sie als schwarze Baba auf der Fahrbahn, bückte sich gerade und drehte uns ihre Rückfront zu. –Fahr ihr doch das Hinterteil ab, sagte Milica, die oft ihr Mundwerk nicht im Zaum halten kann. Die anderen im Auto bekreuzigten sich und machten ein Zeichen, das vor Hexenzauber schützen sollte, dabei streckt man Zeigefinger und kleinen Finger nach vorn. - Milica glaubt nicht an Hexenzauber, die anderen aber schon. Marija habe einen Unfall gehabt, sagt sie, nachdem sie die Hexe einmal gekränkt habe.

Ich selbst bin ihr begegnet. Sie schien mir unscheinbar, und ich habe sie gegrüßt, sie mich auch. Sie hatte aber eine schwarze Katze bei sich. Und dieses Vieh war wahrhaft räudig, ungepflegt und von Ekzemen gekennzeichnet; ich dachte nur, warum pflegt sie ihre Katze nicht besser.

Es scheint, dass hierzulande nicht die Vernunft Gegenpart zu diesen abergläubischen Vorstellungen ist, sondern christliche Ordnungen. – Jozo , die kleine Ivona und ich gehen am Sonntag zur Messe. Beim Eingang zur Kirche verzieht sich Ivona gleich auf die linke Seite, wo die Frauen sitzen. Jozo geht mit mir rechts ganz nach vorne in die erste Reihe, dort sitzt ein Freund von ihm. Wir haben Logenplatz, zwei Pfarrer vorne und ich ganz nahe. Acht kleine Messdiener, in weiße Flügelhemdchen gekleidet, vor mir, und keine Bank behinderte meinen Blick auf den Altar und meine Teilnahme an dem Spektakulum. Auf dem Fußboden beobachtete ich einen kleinen Käfer, der knapp einen Meter weiter seine Bahn zog Richtung Altar. Ganz entschlossen war er nicht, ein wenig Zick-Zack-Kurs, aber ein Käfer dieses Dorfes weiß, was sich gehört. Eine Steinplatte nach der anderen überwand er. - Und ich beobachtete die Messe aus erster Hand. Das goldene Geschirr vorne auf dem Altar, ein schöner Chor der jungen Frauen auf der anderen Seite, ein schöner Sopran, Stehen und  Singen, Knien (sehr unangenehm), ein bisschen Sitzen;

und die beiden Pfarrers und die Messdiener gingen vor den Altar und machten die Vorbereitung für das Abendmahl, und sie hantierten mit ihrem goldenen Geschirr, alles still, und das leise Geklapper mit den Utensilien wurde über Lautsprecher dezent übertragen; dann die Wandlung, Oblate hinein in die Mitte der Monstranz, diese hochgehoben, eigenartiger Moment in absoluter Stille, unterbrochen nur von den Glöckchen der Messdiener,

eine Stille, mit Lautsprechern übertragen;

und der Käfer wanderte stetig weiter auf den Altar zu – das ist der ägyptische Skarabäus, dachte ich, ein Moment der Syn-chronizität, wie es bei C.G. Jung steht, - so heilig war mir nicht, aber ich war doch erstaunt über die formale Übereinstimmung,

und dann das Abendmahl; die Tante Strina, Milica´s Lieblingstante (sie kann sie absolut nicht leiden und hasst sie seit ihrer Kindheit) nahm keine zwei Meter von mir ihre Oblate in den Mund; auch auf der rechten Seite gab es somit Frauen; links von mir auf der gleichen Bank ein alter Mann, der kaum richtig sitzen geschweige knien konnte; mühsam und ergeben nahm er an allem Teil;

und als das Heiligste vorüber war, gaben sich alle die Hand, Jozo mir zuerst, weil er wusste, dass ich den Brauch nicht kannte, und ich auch den anderen, und dem Alten, der sehr herzlich dankte, und den Männern auf der Rückbank; und die Oblate heraus aus der Monstranz, alles Geschirr geputzt, hinein in das heilige Kästchen, und der Käfer schon gediehen vor der Altarstufe; - noch ein Lied, und dann den Segen.

 

 

 

 

 

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Stein & Regen

 

Dalmatien muss nicht das Sonnenland sein, es hat seine Schönheiten auch bei Regen (im Monat März). Der Spaziergänger und Betrachter hat nicht alle Tage dieses Erlebnis, er muss sich an die veränderten optischen Gegebenheiten gewöhnen. Daraus kann aber bald eine neue Wahrnehmung werden, ein neuer Genuss.

Altes Blech, das rostmäßig schon eine  Reifegrad erworben hat, macht sich elegant und in seiner dezenten Farblichkeit faszinie-rend. Wie ein leichtes edel gefärbtes Seidentuch wirkt dieses zart an-mutende Blechteil, dem nicht mehr zu entnehmen ist, was es einmal war. Das Feuchte, das Nasse, hebt die Farbe hervor.

Bei diesem Teil, einer alten Blechtonne, ist das Grundmuster noch eher zu erkennen. Auch hier eine satte Farbe durch das Wasser, und die Struktur zart und in seiner Porosität ansprechend. Und dafür ist der Stein wirklich ein guter Gast-geber!

Was den Stein, den Wirt, betrifft, er selbst zieht sich den Wasserüberzug, den Regen, an wie ein Festkleid. Im schönsten Schimmer der Feuchtigkeit erscheinen die kleinen Steintreppen zu den Gärten oder Feldern.

Mancherlei Müll-Details auf den Wegen, Industrie-Abfälle, bekommen jetzt eine neue Leuchtkraft, und dann korrespondieren sie gelegentlich auf erstaunliche Weise mit ihrer organischen Umgebung. Es ist wie eine geheime Verabredung zwischen den Farbnuancen der Pflanzenwelt und denen der banalen Strukturen industriell gefertigter Produkte. 

 

Die Kunst vergangener Zeiten und die Fähigkeiten früherer Jahrhunderte, Schönes zu schaffen, würde von uns nicht so recht mit der Entstehung von Abfall oder Müll in Verbindung gebracht. Die damals gebrauchten Materialien unterlagen einer natürlichen Zersetzung. Soweit noch vorhanden, wird der Abfall der damaligen Kunstproduktion von den Archäologen gesucht und nur gelegentlich mit Hochachtung behandelt, fast wie vom Galeristen eine Figur von Giacometti oder Picasso´s erwähnter Stierkopf; und in Abhängigkeit von seinem narrativen Charakter schmückt dieser „Müll“ gelegentlich sogar die Museen.

Der Abfall der Industriegesellschaft kann nur unter einem ganz anderen Aspekt Interesse wecken.

Geradezu kriminalistischen Charakter weist im oberen Foto diese verhangene und verregnete Szene auf, was ist hier geschehen? Ach, nur ein Autowrack; und hier hat jemand Unkraut, Gebüsch oder  Rasen abgebrannt.

Auch das Detail unten könnte kriminalistische Bezüge haben, hier in dieser Szenerie, z.B. die Bedeutung eines über Jahrzehnte gesuchten Beweisstückes, eines corpus delicti, in einem ungelösten Fall.

Unser Bewusstsein lässt aus der jüngeren Vergangenheit nur eine kleine, ausgewählte Anzahl von Relikten unter der Rubrik „wertvoll, schön“ zu. Wenn wir von den Gegenständen der Nostalgie als heute noch beliebten Dekoration einer gerade abgelebten, aber noch als die „gute alte Zeit“ erinnerten Vergangenheit absehen, lassen uns der Mangel an Attraktivität und an höherem Alter, das Fehlen einer Aura die meisten Objekte, die die Masse einer ungedeuteten geschichtlichen Hinterlassenschaft darstellt, als degoutant erscheinen. Welche ästhetischen Empfindungen soll uns der jüngere Müll vermitteln? Einen rostigen Nagel im Garten zu finden, kann uns nicht anrühren, aber ein Nagel vom Kreuz des Herrn, eine langfristige Ablagerung, ist trotz Zweifel an seiner Authentizität aufgrund seiner überbordenden historisch-religiösen Befrachtung eine heilige Reliquie.

Wie zum Spott für unsere schweifenden Gedanken lädt uns dieser Sessel zum Sitzen ein inmitten dieser nassgedämpften Stein-Müll-Kulisse, und er legt aufgrund seiner Lage zwischen den Lagern eine Synthese nahe: neuer Müll und alter Stein; Farben und Qualitäten verschiedener Herkunft bilden immer diese Landschaft; wer zweifelt, kann sich in dieses unten abgebildete Haus verschiedener Baumaterialien zurückziehen und in abgeschiedener Meditation eine Lösung finden.

So führt uns der Weg im Regen durch allerlei Ge-gensätzlichkeiten, etwa durch die verstärkte Farbwirkung bedingt; einige dieser Effekte haben durchaus ästhetische Qualität; was es über die Eindrücke ähnlicher Qualität, nicht hier und nicht jetzt, erhebt, das kann nur der Betrachter mit sich ausmachen.

 „In einem trefflichen Kunstwerk ist das Schöne so rein enthalten, dass es jedem gesunden Auffassungsvermögen, als solchem, in die Sinne springt; im Mittelmäßigen hingegen ist es mit soviel Zufälligem oder wohl gar Widersprechendem vermischt, dass ein weit schärferes Urteil, eine zartere Empfindung und eine geübtere und lebhaftere Imagination, kurz mehr Genie dazu gehört, um es davon zu säubern.“ (Kleist, Ein Satz der höheren Kritik)

 

 

 

 

 

 

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Stein & Blut

 

Das Schlachten eines Huhns geschieht hier ohne Rücksicht auf die Schärfe des Messers, mit dem ihm einfach der Kopf abgeschnitten wird. Wichtiger ist, dass jemand die zappelnden Füße festhält, die etwa Kratzer an den Händen verursachen können. Jedes Stein- oder Beton-mäuerchen eignet sich als Schlachtbank. Das Rupfen der Leiche geschieht auf demselben Tisch, von dem nachher gegessen wird.

Mikula´s Terrasse ist Schauplatz solcher blutiger Gewalt. – Und das Schlachten der Schweine findet auch im Freien statt; dies alles ist für die Kinder ein nicht un-gewöhnliches Ereignis. Der Tod begleitet das Leben.

Aber auch die Geschichten, die hier erst nach und nach zur Sprache kommen, erzählen von Blut und von Tod. Manche Gedenksteine im Dorf werden da erwähnt, die an Tötungen im Zweiten Weltkrieg erinnern sollen. Einzelne, Brüder oder auch ganze Familien, wurden da Opfer von Seiten der Besatzer, der Italiener, der Deutschen, oder der Tschetniks. Aber die Interpretation ist in den letzten Jahren ins Wanken geraten. Die Rede ist von Soldaten, die damals im Krieg Uniformen anderer Kriegsteilnehmer getragen hätten, um diesen die Last der Schuld zuzuschieben und die Bevölkerung zu täuschen.

Milica erzählt von ihrer Großmutter mütterlicherseits: Als die Baba mit ihrem Pferdegespann einen abschüssigen Weg hinunterfuhr, haben deutsche Soldaten aus Spaß und purem Mutwillen die Pferde angetrieben und verschreckt; das Gespann stürzte und die Großmutter kam ums Leben. Diese Geschichte ist im Zuge der neuen kroatisch-deutschen Annäherung nicht revidiert worden.

- Vor Jahren, als Mirko noch lebte, haben wir zusammen ein Fest gefeiert zum Jahrestag der Befreiung von den Faschisten im 2. Weltkrieg. Es fand vor dem Gemeindehaus statt, lustig war es wie immer, wenn Dalmatiner feiern, die Jugend war damals reichlich vertreten, die Fahne mit dem roten Stern war im Mittelpunkt aufgepflanzt, es gab sogar auch Folklore, Mirko war von Freunden umgeben und er war stolz; ein Bier nach dem anderen brachte er mir.

Vor dem Gemeindehaus befand und befindet sich auch heute noch das Denkmal zu Ehren der Gefallenen des Zweiten Weltkrieges. Verwahrlost ist es heute, ungepflegt, die eingravierten Namen der Gefallenen sind zum Teil mit Farbe übersprüht; ein Teil der eigenen Geschichte wird hier missachtet, verdrängt. Solche Vorgänge waren ja in vielen Ländern, die sich vom Kommunismus befreit hatten, zu beobachten.

Wir würden wohl ein Buch schätzen, das uns früher ein Freund geschenkt hat; manche hüten die Spielzeuge ihrer Kindheit. Allerlei Fotos, manche davon auch „schön“ und alt, ruhen in unseren Privatarchiven, die meisten allerdings nur von der mittleren Qualität der Abbildungen eines Warenhauskataloges oder dieser Darstellung, oder wie die Steckbriefe einer Verbrecherkartei – keine raffinierten Hochglanzfotos. Doch die schlichten Bilder oder Gegenstände sind der Zugang zu einer eigenen kleinen oder großen Geschichte, ein Stück von uns selbst.

Das Erbe aus den Zeiten der Väter und Großväter, aufgesplittert in viele blutige Einzelschicksale, liegt heute noch als dunkler Schatten, wie ein Fluch, über vielen Familien des Dorfes.

Mikula und Pavle sind Brüder, Pavle um 15 Jahre jünger. Der Vater von beiden machte während des Zweiten Weltkriegs keinen Hehl aus seiner Abneigung gegen die Roten, die Kommunisten Tito´s. Kurz nach dem Krieg, als Tito die Herrschaft über das Land übernahm, wurde der Vater vor seiner Haustür von Männern abgepasst, aufs Feld geführt und dort erschossen. – Mikula hielt sich im Tito-Staat zurück und beteiligte sich nicht am politischen Leben, was sicherlich nicht immer einfach für ihn war. Pavle hingegen arbeitete aktiv in der Kommunistischen Partei Jugoslawiens und beteiligte sich am Aufbau des Dorfes; stolz zeigte er mir seinen Stalin-Orden.

Tito hat sich erfolgreich gegen die Bevormundung Jugoslawiens durch Stalin zur Wehr gesetzt, doch gab es weiterhin den Stalin-Orden, denn Tito wusste genau, dass dieser Name des Russen für viele seiner Landsleute wie ein Segensspruch galt; etliche von ihnen starben auf den Schlachtfeldern mit dem Namen Stalin auf den Lippen; Ivo, ein weiterer Bruder Mikula´s, führte bis in die achtziger Jahre, bis zu seinem Tod,  heftige Diskussionen zur Verteidigung dieses Namens.

Ein Jahrzehnt nach Ende des 2.Weltkriegs lud Mikula´s Bruder Pavle seine Parteifreunde von der Werft in Split zu einem Gelage; er bewirtete sie, wie es die dalmatinische Gastfreundschaft gebietet, mit Schinken und Brot und reichlich Wein. Unter den Gästen war auch ein Freund von Mikula. Einige Tage später traf er Mikula und kolportierte ihm eine nach der Feier bei Pavle intern gemachte Äußerung des Chefs der Werft: -Ja, bei Pavle haben wir gut gegessen und getrunken, dabei waren wir es doch, die seinen Vater umgebracht haben.

Lange Jahre und Jahrzehnte schwieg Mikula darüber; das Verhältnis zu seinem Bruder Pavle blieb einigermaßen gut. Beide wohnten ja direkt gegenüber.

Dann kam 1990 der Unabhängigkeitskrieg Kroatiens gegen die Rote Armee Jugoslawiens; der Sohn Mikula´s, Mirko, fiel 1991. Als Mikula seinen Bruder Pavle fragte, ob er sich an den Kosten für das Grab seines Neffen beteiligen wolle, lehnte Pavle ab und sagte: -Soll doch Tuðman (der neue Präsident Kroatiens) das Grab bezahlen. Voller Enttäuschung sagte Mikula: Selbst wenn Tuðman das Grab verhindern wollte, jeden würde ich erschießen, der mich daran hindert. Und Pavle ging im Dorf herum und erzählte, sein Bruder wolle ihn erschießen. Es kam zum Bruch zwischen den ergrauten Brüdern.

Einen Monat später erlitt die Frau von Pavle´s Sohn Vlado eine Totgeburt. Vlado kam zu Mikula und fragte ihn, ob das Kind in Mikula´s Grabstelle beerdigt werden könne. Mikula sagte zu, und so erfolgte die Grablegung des Kindes dort, wo schon Mikula´s Sohn Mirko lag. Einige Tage später erschien Vlado wiederum bei seinem Onkel Mikula und sagte, nun wünsche er doch, dass sein totgeborenes Kind in der Grabstelle seines Vaters Pavle, Mikula´s Bruder, bestattet würde. Mikula war einverstanden, machte jedoch zur Bedingung, dass er selbst bei der Verlegung des Grabes anwesend sein könne. Vlado sagte zu. Doch zwei Tage später hatte man die Verlegung in einer Nacht- und Nebelaktion vollzogen. Heimlich war die Grabplatte geöffnet und der Sarg mit der Totgeburt in der neuen Grabstelle beigesetzt worden.

Seitdem ist der Bruch zwischen Mikula und Pavle vollständig; sie begegnen sich oft als Benachbarte; sie gehen aneinander vorbei, ohne Gruß, ohne Wort. Pavle geht nie zum Grab seines Neffen. Er geht auch niemals in die Kirche. Doch sein Sohn Vlado wird gelegentlich am Grab seines  Vetters Mirko gesehen. Es heißt, er weint dort bitterlich und trauert aufrichtig. Doch auch er ist nicht in der Lage, mit seinem Onkel Mikula auch nur ein Wort zu wechseln.

Das Foto rechts zeigt die Silhuette Mikula´s auf seiner Terrasse. Das Haus gegenüber, auf dessen Balkon die Wäsche hängt, gehört seinem Bruder Pavle. Doch die Treppe selbst und das links davon liegende Haus sowie der ganze Platz rechts neben der Treppe gehören Mikula, sodass Pavle oder sein Sohn Vlado hier keinen Wagen parken können.

Gelegentlich fahren wir zu der kleinen Ortschaft hinter Dubrovnik, wo Mirko von einer Granate getroffen wurde. Hier wie auch an anderen Orten hat man den Gefallenen Gedenksteine errichtet.

 

 

 

 

 

 

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Olivengarten

 

Milica hat ein Grundstück geerbt. Immerhin, es sind nicht ganz 2000 Quadratmeter; der obere Teil Wiese, mit Steinen durchsetzt, viel Gebüsch, schon verwildert; der untere Teil ehemals ein Weingarten, guter Boden;

hier hat Marija, in ihrer Freude über die Erbschaft von Milica, schon fünfzehn Olivenbäume einpflanzen lassen, nachdem der Boden umgegraben worden war. Schon herangereift sind sie, die Bäume, und schon im nächsten Jahr könnte man die Oliven ernten. Prächtig; und das aus den geernteten Oliven gewonnene Öl, sagt Maèak, reicht für eine größere Familie ein ganzes Jahr lang.

Zunächst möchte Milica den oberen Teil ein wenig hergerichtet haben. Viel wildes Gewächs muss entfernt und die Grenzmauer einigermaßen freigelegt werden. Wir alle sind einen Tag lang beschäftigt, und die Zweige werden gesammelt. Blaško ist bestellt, er hilft wo er nur kann, und mit seinem Trecker samt Anhänger transportiert er das Material zu Maèak, der die Äste als Brennmaterial für seine Kužin nutzen kann.

Nun sind die Olivenbäume dran. Sie müssen stabilisiert werden. Die leidige Bura ist es, der kalte Nordwind, der den noch jungen Bäumen schaden kann. Auf zwei Seiten jedes Baumes muss ein kräftiger, etwa zwei Meter hoher Pflock eingetrieben werden, der mit dem Baum über Schnüre festgebunden wird. Die beiden Pflöcke für jeden Baum müssen in Nord-Süd-Richtung stehen. Eine Heidenarbeit war das – zunächst die Pflöcke gewinnen, da mussten wir von einem Grundstück Maèaks die Weidenbüsche, welche hoch genug gewachsen waren, plündern und die Pflöcke zuschneiden. Der junge Jozo war es, der das Ganze in Schwung hielt. Mit den Pflöcken und einem alten Plastikfass gings zu Milica´s Grundstück, und jetzt, mit dem Vorschlaghammer, trieb Jozo, auf dem Fass stehend, die Pflöcke in den Boden.

 

 

 

 

 

 

 

Milica und Marija banden in-zwischen die Bäume an den fertigen Pflöcken fest.

Mich haben diese fünfzehn Olivenbäume mächtig beeindruckt. Was für ein Kapital! Immerhin, im Gebiet von Primošten musste ein Bräutigam seine Braut zur Hochzeit fünfundzwanzig Olivenbäume mit in die Ehe bringen. Das war so Brauch und diente der Absicherung der Ehe für die Zukunft. – Nun, bei Milica war die Sache nicht so existentiell bedeutsam, aber es war schon ein freudiges Moment, über 15 dieser wertvollen Bäume zu verfügen. Marija deutete ihr aber an, dass jeder dieser Bäume immerhin etwa 40 Euro kosten würde. Der Preis war aber noch nicht abgesprochen.

Was mich betrifft, ich lenzte mich in diesen Märztagen genussvoll in den dalmatinischen Gefilden, genoss die Gegebenheiten, wie immer, und wartete, wie die Damen das Weitere regeln würden. Der Verkäufer der Bäume, Jure, war ein Verwandter von Maèak.

Aber ach – seine Vorstellungen über den Preis der Bäume sahen ganz anders aus. Wie Marija uns erzählte, wollte er pro Baum 2000 Kuna haben, das entsprach mehr als 250 €. Bei fünfzehn Bäumen – Milica war entsetzt. Eines Abends wurde Jure zu Maèak´s Kužin eingeladen; als er mich  mit Handschlag begrüßte, musste ich feststellen, dass er Hände hatte groß wie eine Riesenbratpfanne, und gnädigerweise ließ er es bei einem gemäßigten Druck bewenden. Während die Damen und Maèak mit ihm verhandelten, wurde ich aus der Kužin hinausgeschickt, dass ich nicht einer zu weichen Haltung Vorschub leisten sollte. - Ich wartete vor den Kužin, und Jure kam nach einer Zeit heraus; wieder gab er mir, zum Abschied, die Hand; ein humaner Handschlag.

Dann erzählten mir die Damen, der Handel sei rückgängig gemacht worden; Jure sei im Preis pro Baum auf 1500 Kuna zurückgegangen, aber das waren ja immer noch 200 €. Das Geschäft war geplatzt. Und Jure hat anschließend mit Bagger die Bäume herausgenommen. Ich war konsterniert. Sicherlich, Milica war schon verheiratet und bedurfte einer Mitgift dieser Art nicht; aber ich zweifelte eine Weile an der Geschäftsfähigkeit der Leute in dalmatinischen Bereichen und dies führte auch zu eine teilweise sprachlosen Betroffenheit im Freundeskreis.

Verwaist sehen wir den Acker ein halbes Jahr später ohne die geschätzten Bäume. Nun sollen Obst- und Mandelbäume hier gepflanzt werden. Mich stimmt der Anblick traurig.

Zur Revision von Milica´s Grundstück müssen wir auch jetzt einen Beitrag leisten. Wieder werden Hecken und Sträucher gestutzt, das gesammelte Material wird diesmal 

 

 

 

 

 

 

gleich vor Ort verbrannt. Und im Feuer verbrennt auch ein Traum vom üppigen Olivengarten.

 

 

 

 

 

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Stein & Zeit

 

Die ästhetische Erfahrung der Landschaft des mitteldalmatinischen Hinterlandes mit ihren hervorstechendsten Charakteristiken umfasst einen ewiglangen Zeitraum; von den Zeiten der Lavaeruptionen und ihrer Erstarrung mit der Folge einer auffällig kluften- und spaltenreichen Oberfläche bis zu dem Moment des Wegwerfens einer Cola-Dose oder einer Marlboro-Schachtel; - die Enden dieser zeitlichen Spanne treffen hier konkret aufeinander.

Der Müll ist in unserem Kopf immer der Müll der Gegenwart. Er wird in der industrialisierten Gesellschaft als eindeutiger Gegenpol zum Schönen, zum Angenehmen empfunden, er ist sein absolutes Negativ-Spiegelbild; er gehört einer ganz kurzen Historie an, die sich eigentlich als Verbrauchsspanne verrät, gleichsam der Übergang vom Leben zum gefürchteten Tod. In den Unterhaltungsmedien bedient man sich seiner Auswüchse zur Erzeugung von Grusel; durch dunkle Kanalabwässer mit Ratten und Unrat schleichen unglaubliche Physiognomien mit entstellten schleimig-verwesten Zügen, Zombies – Ausdruck einer unrealistischen Polarität.

Es ist jetzt schon ein paar Jahre her, und ich will nicht ver-schweigen, dass sich in der Zwischenzeit eine Menge verändert hat.

Milica und ich spazierten durchs Dorf und betrachteten uns einige reizvolle Ecken mit hübschen steinernen Torbögen. Ich sah manche neckische Baulichkeit, ich sah auch viel Müll. Milica, die seit dreißig Jahren in Deutschland gelebt hat,  sagt dazu: -Die Leute haben es nicht anders gelernt; sie sehen, dass es der Nachbar genauso macht. Warum sollten sie den Müll entsorgen?  Ich sage zu ihr, dass ich eine neue Ästhetik erfinden werde, die den Müll in einem neuen Licht zu sehen erlaubt. Ich sage: -Ich würde zeigen, dass es falsch ist, wenn man sich von diesem Müll abgestoßen fühlt. Es ist nicht der gleiche Müll wie bei uns in Mitteleuropa. Wir müssen ihn interessant finden, weil er uns etwas zu sagen hat. Milica sagt: -Dann versuche mal, das den Touristen zu erklären.

-Dieses Dorf, sagt Milica, ist zurück-geblieben. Die relative Nähe zu Split besagt eigentlich garnichts. Hier herrschen noch archaische Strukturen. Welchen Aberglauben es hier noch gibt! Abends, wenn wir auf der Terrasse sitzen, ruft der æuk, das Käuzchen. Du hast es gehört; alle halbe Minute stößt er seinen Ruf aus: tchuk, - und wieder: tchuk. Man glaubt hier, wenn der Kauz seinen Ruf verändert oder wenn er nahe ans Haus kommt, geschieht etwas Schreckliches; jemand muss sterben. –

Mir kommt Maèaks Geschichte mit den stinkenden Eiern in den Sinn, die er als böse Absicht einer Hexe gedeutet hat.

Und Milica erzählt: -Es war vor vielen Jahren, ich war noch ein Mädchen; in der Nachbarschaft gab es eine Mutter mit Namen Zdenka, mit einem vielleicht fünf Monate alten Säugling. Stolz hängte sie tagsüber ihre Wäsche auf zum Trocknen, darunter auch die Windeln des Babys. Da hörten wir eines Tages einen entsetzlichen Schrei, und darauf ein furchtbares Jammern und Klagen. Als wir hinzukamen, sahen wir Zdenka, in den Händen hielt sie eine Windel, die sie wohl gerade gewaschen und aufgehängt hatte. Die Windel war mit Vogelkot beschmutzt. –Mein Kind wird sterben, ihr werdet sehen, es muss sterben-, so deutete Zdenka dieses Omen und schrie fürchterlich. -Ich machte mir nicht viel daraus, sagte Milica, -denn wir waren von Hause nicht abergläubisch erzogen, und außerdem gab es überreichlich Arbeit – da hatte man keine Zeit, solchen Unsinn zu  denken. Aber, sagte sie nachdenklich, -damals, das war schlimm; am nächsten Tag war Zdenka´s Kind gestorben. Zdenka und ihr Mann – ein schwerer Säufer – fanden es im Bett – tot.

Ja, kam mir bei unserem weiteren Spaziergang durch den Sinn, hier hat es nicht die zeitlichen Zuordnungen wie bei uns, wo Einzelheiten der Baulichkeiten und des Ambiente eine geschichtlich gekennzeichnete Zuordnung erlauben. Hier ist so Vieles unbestimmt. Milica bezeichnete die hiesigen Verhältnisse als  mittelalterlich.

Das stimmt, denke ich, als wir an diesem Haus vorbeigehen: grob gemauert, Außentreppe, Plattform zum Eingang, kleine Fenster; doch es ist kein Haus aus dem Mittelalter; das Dach, die Fensterstürze, rechts im Hintergrund der Giebel mit Beton hochgezogen, die Türen groß, eine Tür mit Beton ausgemauert. Halbes Mittelalter. Zeitverschiebung, Zeitverzerrung. Meine geschichtliche Ordnung gerät ins Wanken. Die Zeit hier ist nicht meine Zeit, und der Müll hier ist nicht der Müll in meinem Kopf.

Einige Jahrzehnte seit der Erbauung, und schon stehen solche wuchtigen Bauten wie das hier mit Beton aufgestockte Haus verlassen; es gehörte Maèaks Onkel; dessen Sohn, Maèaks Vetter Niko, wanderte nach Schweden aus. Das Haus seines Vaters verfiel, die Umgebung ist verwildert. Niko brachte es in Schweden zu Wohlstand; als die neue kroatische Republik entstand, wollte er zurückkehren und seine demokratischen   Erfahrungen aus dem Musterland Schweden mitbringen, aber er war ehrgeizig und beanspruchte einen Abgeordnetensitz im Sabor, dem kroatischen Parlament. Dies wurde ihm verweigert. Niko war sehr enttäuscht; er lebt weiterhin in Schweden und besucht gelegentlich die alte Heimat seiner Familie.

Maèak, während er dekorativ vor dem Eingang des Hauses seines Onkels steht, erzählt mir dies nicht ohne ein wenig Süffisanz. Als Niko in den Genuss westlicher Freiheit und schwedischen Wohlstandes gelangte, mussten Maèak und seine Freunde über die Jahrzehnte hier im Lande allerlei erdulden. -

Im Zuge einer wirtschaftlich aktualisierten Ästhetik hat man vor Jahrzehnten auch im bäuerlichen Hinterland Dalmatiens dem Bedürfnis nachgegeben, die Objekte des landwirtschaftlichen Gebrauchs (die an sich aufgrund ihrer natürlichen Synthese zwischen Form und Funktion - nach den Ideen des Bauhauses - einer Korrektur ihrer ästhetischen Darbietung gar nicht bedurft hätten) zu „verschönern“. Es wurden an sich schöne Holzmaterialien einer Farblackbehandlung unterzogen, die dem  Zeitgeist entgegenkommen wollte.

Mir kommt Maèaks Geschichte mit den stinkenden Eiern in den Sinn, die er als böse Absicht einer Hexe gedeutet hat.

Welchen Eindruck machten vor etlichen Jahrzehnten noch die ersten Gebläsemaschinen, mit einer Kurbel angetrieben, in ihrer Außenanfertigung nur aus Holz, als sie in ihrem braunen Anstrich in Dalmatien auftauchten. - Das bereits gedroschene Getreide wurde mit ihnen von der Spreu getrennt. Ihr Gebrauch war nur möglich mit einem Mundtuch, um den fürchterlichen Staub zu ertragen. –

Lackiertes Holz wirkt auf uns heute eben hier in der zagora dalmatinska  etwas merkwürdig. Wir bestaunen es und empfinden dieses und jenes wie eine Erinnerung. Hier konnte die bei uns in einer entsprechend langfristigen Wirtschaftsentwicklung der Industriegesellschaften gewachsene Tradition der marketing-Ästhetik kaum eingeholt werden.

Die Ästhetik wurde seit Anfang der Kulturen praktiziert; sie stellte einen Faktor dar, im politischen Leben, im Religiösen, zur Demonstration der Bedeutung und der Macht, sogar im Militärwesen, und das auch in den geistigen Auseinandersetzungen unserer langen Vergangenheit. Mehr als uns angenehm ist, stand sie im Dienste aktueller Macht-gegebenheiten. Der private Bereich ließ sich davon manchmal fast willenlos prägen.

Vor allem war sie immer ein Aspekt des merkantilen Prinzips. Funktionelle Waren, die auch schön waren, verkauften sich besser. - Die Vermarktung des Ästhetischen im Zuge des industriellen Zeitalters gewinnt aber eine neue Dimension und wird vielleicht schon 1931 demaskiert in einer Bemerkung im Buch von Curt Lenzner: „Gift in der Nahrung“, wo es heißt, dass unsere Nahrungsmittel „mit scharfen Chemikalien umgemodelt und mit bleichenden und färbenden Stoffen geschönt“ werden.

Mikula´s Sohn Mirko hatte als LKW-Fahrer damals  in seinen letzten Jahren gute Beziehungen zu den Wirtschaftssträngen des damaligen kommunistischen Systems. Als er die Wände der Küche mit einer Tapete aus-kleidete, die eine Holztäfelung imitierte, machte ich, der hochnäsige Mitteleuropäer, ihn auf-merksam auf die unschöne Materialverfremdung. Als ich im nächsten Jahr wiederkam, hatte er die ganze Küche tatsächlich mit Holzpaneelen ausgestattet, die genau der Holzimitation der vorjährigen Tapete entsprach. -

Bei Marija und Maèak in ihrer relativ großen Etagenwohnung mitten im Dorf: Lümmeln auf dem Balkon; was ist hier, – für was ist jetzt die Zeit, was ist dir bestimmt; wo steckt das Neue? Und Augen weit auf, immer was zu sehen. Was machst du hier mit deiner alten Realität, wenn sie hier aufgehoben wird und du bist in einem neuen Szenenbild gefangen? -

Nächtens im September erlebt so eine Szene; mit solchen Momenten verglichen zeigen sich etwa künstlerisch surreale Theatermomente lachhaft unecht,

vom Balkon aus eine kleine Terrasse des Nachbarhauses zu sehen, gut beleuchtet, mindestens Mitternacht, Dorf still, dort optimale Einsicht auf Eingang mit Bank und Steintisch da ein alter Brunnen; Bewohner bekannt für nächtliche Waschsucht, beide drogenabhängig, Geschäftigkeit zur Unzeit,

der Chef, 30 Jahre alt, ehemaliger Kriegsteilnehmer, athletischer Typ (Maniker), humpelt auf der Straße heran, geht die paar Stufen hoch und setzt sich auf die Steinbank am Eingang neben dem Brunnen; seine Frau kommt –, während er sich am Unterschenkel die Prothese abmontiert, holt sie eine Schüssel mit Wasser, und er, was er noch vom Bein übrig hat, badet es in der Schüssel; sie, tagsüber, falls sie wach ist, eine rauchige, lautstarke, waschbesessene hagere Schreckschraube, ordinär, nicht nur vorgealtert, mit der Maèak sich gerne unterhält, gibt jetzt, nächtens, ihm, dem Stumpfgeplagten, wohlwollend gedämpfte Ratschläge, und verbindet geduldig seinen Beinstumpf. Noch ein paar vereinzelte Worte in der Stille. Sie schüttet aus der Schüssel das Wasser kräftig die Treppe hinunter. Dann verzupfen sich beide am Brunnen vorbei ins Haus.

Die Szene bleibt weiterhin beleuchtet. Der Hauseingang – Steinbank, Stuhl, Brunnen mit abhebbarem Metalldeckel – gespenstisch, unglaublich – ohne Zeit.

 

 

 

 

 

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Stein & Müll

 

Suchen wir nach dem Kontrapunkt zum Müll, zum Unrat. Ist es das Nagelneue, das noch nicht das Wegwerfstadium erreicht hat; die intakte Verpackung, die den Inhalt verspricht. Oder ist es das blanke, liebevoll Gefertigte, mit Materialcharakter, das, wenn es einst nicht mehr zu gebrauchen ist, etwas Patina oder Aura weitertransportiert. Die Polarität zwischem Schönem und Hässlichem funktioniert genauso ungenau wie die zwischen Gut und Böse. Es gibt sicherlich kein eigentlich Böses. Und das Hässliche scheint ebenso eine verschwommene Qualität zu sein; es trifft auf unsere vorgegebenen Reaktionsmuster.

Milica und ich machen einen Müll-Exkurs. -Man müsste, sage ich zu ihr, den Müll katalogisieren, klassifizieren, geradezu eine Anthologie erstellen, er hat Beziehungen; und seinen Weg vom Augenblick des Konsums bis zum Akt des Wegwerfens verfolgen. Dann hat man eine story. Am einfachsten zu beurteilen sind die weggeworfenen Zigarettenschachteln, die fast jeden Weg im Gelände zieren. Gleichermaßen internationale wie auch kroatische Sorten; vielleicht geht er noch dahinten, der junge Branco, kaum noch zu erkennen, der die Schachtel fallen ließ. Er hat die Marlboro in Split auf dem Schwarzmarkt gekauft, wo sie an jeder Ecke zu einem Spottpreis zu haben sind. Die einheimischen Sorten, die nicht exportiert werden, sind qualitativ fast genauso gut und noch etliches billiger.

 

                     

Die Plastikflaschen, die z.B. Getränke weltweit bekannter Firmen schon zum Standard in jedem dalmatinischen Haushalt. Sie werden wiederverwendet, weil sie sich gut verschließen lassen. Man füllt in sie Wein ab, und der Behälter wird immer wieder aufgehoben. Oder man füllt in ihnen Wasser ab und legt sie in die Tiefkühltruhe, um bei der Hitze einen kalten Bevanda mischen zu können. Auf jedem Tisch in der zagora finden sich diese Plastikflaschen, neu oder gebraucht, bis sie endlich doch auf dem Müll landen. Immer wieder findet sich dabei das Etikett jener weltweit bekannten Firma, die der Kultur des Konsums in unseren Tagen ihren Namen gegeben hat.

Es finden sich auch Reste von Dosengetränken, von Plastiktüten verschiedenster Inhalte, angefangen von Waschmitteln, Düngemitteln, Pestiziden bis zu Süßigkeiten und leeren Mörtelsäcken, eine Ansammlung von Abfällen westlicher Produkte, eine Galerie von Konsumhülsen, die uns vertraut sind und selbstverständlich erscheinen, eine grandiose performance westlicher Exportkraft, deren Überreste sich hier im Stein als Landschaftsbestandteil neu definieren. Sie stehen einer lokalen Tradition gegenüber, die den Mechanismen der Herstellung und Vermarktung dieser Produkte sowie dem Problem der Abfallbeseitigung hilflos ausgeliefert ist. Das Angebot der Produkte hat diese Region überschwemmt wie ein Ungewitter.

Höhepunkt dieser Müll-Apotheose sind die Autowracks, die schon zum Charakteristikum der Landschaft avanciert sind. -Aber Autowracks gibt es doch auch in anderen Gegenden der Welt, sagt Milica, was ist Besonderes daran? Ich sage: Die Sichtweise ist hier anders; sie werden in dieser Landschaft auf besondere Weise präsentiert; sie haben etwas Spezifisches, Ausdruckvolles. Sie gehören hierher wie die bekannten Steinskulpturen auf die Osterinseln, diese riesigen langgezogenen Köpfe.

Mit der Zeit gibt ihnen der Rost wieder eine ordentliche Materialstruktur; das Ganze wird echt, wieder zu dem, aus dem es gemacht ist. Die Natur um sie nimmt sie auf, integriert sie in ihre gewaltige Steinigkeit; die Pflanzen bergen sie liebevoll und dringen sogar in sie ein, die Vegetation geht mit ihnen um 

 

genauso wie mit dem Stein. Schau sie dir an, die Wracks, versetze dich in ihre Lage. Sie ruhen hier und fühlen sich wohl. Manchmal sind sie kaum noch zu erkennen.

 

 

Ganze Ensembles von Wracks liegen hier am Weg und es sind nicht nur Autos. Das Abschleppen macht Mühe oder es kostet vielleicht Geld, und man wüsste auch garnicht, wohin damit.

Doch, es gibt vereinzelt Müll-plätze; oberhalb des Dorfes neben dem ehemaligen Bahn-hof mit dem Maschi-nengewehrturm liegt ein sol-cher. An der roten Erde sieht man, dass sich hier ab und zu ein Bagger betätigt. Doch es ist nicht genau bekannt, ob und unter welchen Bedingungen hier abgelagert werden darf. Nicht dass dies die Leute aus dem Dorf besonders kümmern würde. Es scheint schon ein Fortschritt nach westlichen Vorstellungen, wenn der Müll hier ein wenig konzentriert wird. Nur - über das Grundwasser des tiefer gelegenen Dorfes mache ich mir so meine Gedanken.

 

 

Wenn der Müll zu erzählen weiß, dann erscheint manches Ensemble wie ein Rebus, den es zu entschlüsseln gilt.

 

Am Rande der Mülldeponie finde ich die abgetrennten Hufe einer Kuh. Nicht dass dieser Müll optisch besonders auffällig wäre; gegenüber dem Industriemüll nimmt er fast die Rolle eines verstaubten Klassikers ein. Doch der penetrante Verwesungsgeruch hat mich aufmerksam gemacht.

Ein wenig abseits des Dorfes, etwa eine Stunde zu Fuß in Richtung Nordwesten, fand ich einen Kranfriedhof. Hier ruht das ausgediente Gestänge der Kräne; ich denke, in den kommenden Jahrzehnten bleibt diese Ansammlung von Metall mit dem typisch gelben Anstrich erhalten, bis die Steinlandschaft allmählich auch diese Residuen assimiliert.

 

 

Dem Kran-Müll in seinem Absterben kommt inmitten des Steinmeers eine funktional-ästhetische Attraktivität zu und er bewahrt eine gewisse Würde der technischen Kompetenz. Eine Ruinenstätte manifestierter Geometrie.

 

-Sieh doch mal, sage ich zu Milica, was hier herumliegt und als Müll oder Unrat abgetan wird; es leistet einen ganz spezifischen Beitrag zur Ästhetik dieser Gegend. Hier ist es das Mittel, dessen sich die Landschaft bedient, um etwas zu erzählen. Dies zu erkennen, hindert uns der uns penetrant eingeimpfte Verbrauchsgedanke der Industriegesellschaft.

 

Sehr reizvoll sind die Beispiele für Materialverfremdung, die hier zu finden und teils mit Grazie realisiert worden sind.

Einen Zaun zu errichten, hat für den Dalmatiner erst seit jüngster Zeit Sinn, denn vorher genügten die Steinmauern für die Begrenzung der Felder. Den nicht landwirtschaftlich genutzten Bereich hat man früher nicht abgegrenzt. Doch heute gilt das Vorbild des Westens, dessen Neigung zur Individualität die Abgrenzung pflegt. Man nimmt für den Zaun, was gerade zur Verfügung steht, und die Wahl der Materialien ist eben nicht sehr wählerisch.

      

Ein Treibhaus mit Glas kann man sich hierzulande nicht leisten. Warum nicht mit einfachen Mitteln, mit Plastikfolien, den gleichen Zweck erreichen?

Die Pfosten in den Weingärten bestehen aus den verschiedensten Materialien. Meist sind es Betonpfähle, eckig oder rund, von denen man nicht weiß, wofür sie ursprünglich gedacht waren. In der Not (sie ist immer präsent) nimmt man auch Stahlpfähle, die einstens einem anderen Zweck gedient haben. Dieses funktionelle, praktische Denken schafft eine Fülle von Varianten im ästhetischen Erscheinungsbild. Im Monat Februar kommen die Pfähle der Weingärten besonders gut heraus. - Doch der Mitteleuropäer stößt sich vordergründig an der unprofessionellen Verwendung des profanen Materials und er findet in seinem Vorurteil hier eine auch durch andere Beispiele belegte ästhetische Inkongruenz der halbindustriellen Kultur wieder. Die praktische Improvisation stört seine Vorstellung von Schönheit.

 

 

 

 

 

 

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Mestroviæ

 

Er war ein berühmter Bildhauer, Ivan Mestroviæ, 1883 bis 1962, und im Internet ist über ihn Einiges zu erfahren und Etliches zu sehen.

Von Mikula´s Dorf hinunter nach Split führt die Straße oberhalb der Erhebung mit der Burg Klis durch eine Enge. Genau hier zweigt die Straße nach Drniš ab, und diese Enge heißt Grlo – Gurgel. Zwei große Restaurants stehen sich hier gegenüber, und vor jedem läuft Tag und Nacht der Grill mit Schafen am Spieß über der Glut, in zwei Lagen übereinander, heute noch, obwohl jetzt eine neuere Straße schon oberhalb nach Drniš abzweigt; diese Stelle in Klis ist noch immer ein legendärer Orientierungspunkt für Fernfahrer: Grlo, oder einfach Janje – Lamm.

Erlauben wir uns, den Raum des Spliter Hinterlandes ein wenig großzügiger zu sehen, und dann beziehen wir das Mausoleum des kroatischen Bildhauers Mestroviæ mit ein; es liegt direkt neben der Ortschaft Otavice; es ist ausgeschildert auf der Straße nach Drniš; gerade eine halbe Stunde benötigen wir hierher.

Ivan Mestroviæ wurde 1883 in Slavonien geboren, wohin  seine Eltern sich verdingt hatten für die Mais-Ernte. Nach der Saison kehrten sie wieder hierher an ihren Heimatort Otavice zurück, wo Mestroviæ auch aufwuchs.

Schon mit siebzehn Jahren verließ er Otavice, und seitdem hat er ein unstetes Leben geführt, verfolgt von der Politik aber auch vom Erfolg. Seine Heimat vergaß er nicht; 1926 begann er mit dem Bau eines eigenartigen Bauwerks, auf einem Grundstück, das ihm die Gemeinde Drniš überschrieb. Man kann die Funktion dieses Bauwerks nicht mit einem Satz erklären. Die „Allerheiligste Erlöser-Kirche“, so wurde sie bezeichnet, war gedacht als Gruft für Mestroviæ´s Familie, gleichzeitig sollte sie auch sein Mausoleum sein. 1931 war das Gebäude fertiggestellt; Ausstattungen mit Reliefs, mit allerlei Details und Inventar dauerten noch bis 1937.

An Material hat Mestroviè nicht gespart. Die Fensterscheiben aus feinem Onyx machen ein wunderbares Licht im Inneren. Dieses Licht illuminiert dezent einen freien Innenraum, dessen Boden aus verschiedenfarbigen Marmorsteinen kroatischer Herkunft angefertigt wurde – schwarz aus der Lika, rot und gelb von Kotor.

 

Bevor er 1962 starb, musste er noch den Tod zweier seiner Kinder hinnehmen. Und er äußerte den Wunsch, den im kommunistischen Jugoslawien seit Jahren inhaftierten Kardinal Aloijsie Stepinac zu besuchen. Dieser Geistliche war in seiner unkooperativen Haltung buchstäblich zwischen den Fronten der rechtsgerichteten Ustascha-Regierung an der Seite Hitlers und dem zunächst stalinistischen Regime Tito´s zerbrochen. Sein Schicksal konnte auch Mestroviæ nicht ändern. Er besuchte ihn im Gefängnis. - Es kam auch zu einer Begegnung mit Tito.

Etliche Skulpturen Mestroviæ´s aus den USA wurden auf seine Veranlassung ins damalige Jugoslawien gebracht. Aus seiner ganzen Schaffensperiode gibt es Kunstwerke von ihm in Belgrad und Montenegro, Zagreb, Split, Nin, Cavtat usw.

Sein Elternhaus in Otavice hat Mestroviæ ausgebaut; heute leben dort noch seine Angehörigen. Im Nachbarhaus war damals (unter Leitung Mestroviæ´s) eine Bildhauerschule eingerichtet.

Der Krieg 1991-1995 führte zur Besetzung des Gebietes um Drniš durch die JNA (die jugoslawische, serbisch dominierte Volksarmee). Bei Otavice etablierte sich eine Einheit der JNA just beim Mausoleum Mestroviæ´s. Die Truppen führten sich in unglaublicher Weise auf. Der Weg zum Mausoleum war mit strukturierten Steinen gepflastert nach einem durchdachten Muster. Die JNA-Truppen fuhren grob mit Panzern hinauf. Den Weg von Otavice zum Hügel hinauf begleiteten alte Bäume; sie wurden von der JNA gefällt, zum Teil verbrannt.

 

Im Mausoleum selbst verhielten sich die Soldaten der JNA bestialisch. Auf dem Marmorfußboden im Raum hielten sie während der ganzen Zeit ihr Lagerfeuer ab. Die Reliefs an den Seitenwänden wurden aus Mutwillen beschädigt; im Bereich des Altars, wo sich die Grabanlagen der Familienangehörigen Mestroviæ´s befanden, kam es zu gewaltsamen Aufbrüchen der Anlagen; die Serben haben nach verborgenen Schätzen gesucht und dabei die sterblichen Überreste der Familie des Bildhauermeisters herausgenommen und in widerlicher und pietätloser Weise in der Umgegend verstreut. Was nicht niet- und nagelfest war, wurde geplündert, auch Bronze-Skulpturen, die am Eingang des Mausoleums postiert waren. - Geplündert wurde auch die Bildhauerschule im Dorf. Das Gebäude wurde zerstört; seine Ruine steht noch neben dem Elternhaus.

Dabei hätten die Serben Grund, sich mit ihm verbunden zu fühlen. In Belgrad errichtete er ein Denkmal für den unbekannten Soldaten, in Montenegro schuf er ein Monument zum Gedenken an den König und Dichter Petar Njegoš; eines seiner bekanntesten Werke ist die Skulptur des Kraljeviæ Marko, des legendären serbischen Prinzen, der tapfer gegen die Türken gekämpft hatte.

Im Internet werden diese Zerstörungen im Bereich des Mausoleums bei Otavice nur von der Fundacija ivana Mestroviæa kurz erwähnt. Ansonsten findet diese Kulturschändung keine Beachtung.

 

 

 

 

 

 

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Visovac

 

Man kann sich darüber streiten, ob das Gebiet des Flusses Krka mit seinen Wasserfällen und geologischen Besonderheiten noch zum Spliter Hinterland gehört. Ach – es ist doch so leicht zu erreichen! Über die Janje-Station am grlo fahren wir am Morgen wieder mal Richtung Drniš, wir fünf, in Nikola´s altem, aber sehr gepflegten Mercedes. Wir haben Ende Oktober.

Der Fluss Krka entspringt knapp bei Knin, nicht weit von der Quelle der Cetina, aber die beiden Flüsse fließen in entgegengesetzte Richtungen. Besonders im Unterlauf bildet die Krka Wasserfälle und Seen. In einem dieser Seen liegt die Insel Visovac mit dem gleichnamigen Kloster.

Nikola´s Freund Bili hat für uns eine Sondererlaubnis erwirkt, denn normalerweise kommt man nicht auf die Klosterinsel. Nikola fährt uns zunächst an den Rand der Senke, wo ein Denkmal des alten Kroatenkönigs Petar Krešimir steht. Dann geht es hinunter ans Ufer des Sees, immer die Insel vor Augen. Nikola hupt ein paar Mal kräftig, dass uns die frommen Mönche nicht möchten vergessen und uns mit dem Boot holen. Doch es passiert nichts; in eherner Stille liegt die Insel vor uns. Nachdem Nikola noch einmal gehupt hat, ruft er über Handy seinen Freund Bili an. „Du kennst doch den Abt; ... wir stehen hier ..“, und Bili verspricht, etwas zu tun.

Es wird Mittag; Nikola und seine Frau, Milica und Marija vertreiben sich die Zeit; sie singen und erzählen sich deftige Witze. Gelegentlich rufen sie lauthals hinüber zu den Mönchen. Mir ist es ein bisschen peinlich – ich denke, wenn wir uns so aufführen, holen die uns nie. Schließlich, nach fast zwei Stunden Wartezeit, kam ein Boot mit einem etwas mürrischen jungen Mann, der uns übersetzte. Eine halbe Stunde Aufenthalt sollten wir haben, so war die Vereinbarung.

Aber es hat sich gelohnt, wir kamen direkt ins Paradies. Welche Farbenpracht uns hier an einem der letzten Oktobertage in die Augen sprang, das hätte ich nicht erwartet. Und die Insel wirkte, wenn man auf ihr herumspazierte, wesentlich größer als vom Ufer aus.

Die Insel ist 1345 urkundlich erwähnt, bald darauf erfolgte eine erste Besiedlung durch Augustinermönche. Reste ihrer Bautätigkeit sind noch vorhanden. 1445 kamen die Franziskaner hierher und seitdem bauten sie dieses Kloster aus und pflegten es durch die Jahrhunderte. Sie betrieben auch den Wiederaufbau nach der Zerstörung in den Türkenkriegen (um 1660).

Es war eine wundervolle Zeit auf dieser Insel, ohne Maß, ohne Hast. Keine Menschenseele war zu sehen. Während wir herumschlenderten und uns nach und nach an diese Stille gewöhnten, bemerkte ich, dass uns eine Katze begleitete; sehr hübsch und wohlgepflegt.

Wir hatten kein festes Programm; immerhin gab es die Kirche und ein kleines Museum zu besichtigen. Alles war wohlgepflegt; die Wege und die große Gartenanlage. Es hieß, seltene Pflanzenarten seien hier zu finden; mir ist ein Baum mit Khaki-Früchten aufgefallen.

An diesem Tage waren Novizen im Klostergebäude untergebracht, aber sie betrieben Exerzitien und hatten strenges Verbot, mit jemandem zu sprechen ("Silentien"). Wir haben keinen von ihnen gesehen. Wir sprachen nur mit uns selbst, und ich erlaubte mir ein paar freundliche Worte an die Katze.

Die Katze blieb unser treuer Begleiter. Sogar ins Museum folgte sie uns vorsichtig und trieb sich in den Winkeln der Museumsräume herum. Nur in die Kirche – da wartete sie geduldig und wohlerzogen vor dem Eingang, während wir im Innern die Kanzel und die Orgel-Empore bewunderten.

 

 

Am Sonntag Vormittag dürfen Menschen zur Messe kommen. Bei schönem Wetter wird sie draußen abgehalten. Ein großer Steintisch ist der Altar, und die Bäume sorgen für kühlenden Schatten.  

Das Museum enthält eine Reihe liturgischer Gegenstände vornehmlich ais der Barockzeit. Unter den bibliophilen Exponaten gibt es eine frühe Inkunabel der Fabeln des Äsopos. – Ein eigener Raum ist den Zerstörungen aus dem Krieg 1991-95 im Gebiet des Franziskanersprengels Mittel-dalmatien gewidmet. Hier ist fotographisch dokumentiert, wie viele Kirchen Schäden davongetragen haben, meistens völlig ohne Sinn; es handelt sich in der Regel um mutwillig zerschossene Kirchtürme; im Innern wurden Statuen, Kreuze und Teile der Altäre zerstört und umhergeworfen.

 

- Man sieht es, man hört es, man weiß von anderen Orten in Kroatien, wo es ebenso erging im Krieg, - aber man traut sich kaum öffentlich darüber zu reden, etwa dass man sonst als Revanchist oder alter Nazi abgestempelt wird. Die Nachrichten über diese Ereignisse passen nicht ins Konzept der EU-Balkan-Politik.

Wie lange wir auf der Insel waren – ich weiß es nicht. Ich wusste, dass ich zurück musste nach Deutschland. Die Katze begleitete uns bis zum „Hafen“. Der Abschied fiel mir sehr schwer. Leb wohl, kleine Katze, pars pro toto, ade !

 

 

 

 

 

 

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Ausblick; Rückblick

 

Eine neue Zeit wurde eingeleitet mit dem Bau der Autobahn. Neue Möglichkeiten, neue Entwicklungen – Mikula´s Dorf ist nicht wiederzuerkennen. Der alte Mikula hat es nicht mehr erlebt. Und eine Ära ist zu Ende gegangen.

Das Bild oben lässt erahnen, welche menschlichen Kräfte hier am Werke waren, wie viel Erde bewegt wurde. Es war ein massiver Einschnitt in das Bild, das die Landschaft bislang geboten hatte. Und das Lebensgefühl ist davon betroffen. Es ist früher nicht möglich gewesen, innerhalb einer Stunde „auf einen Kaffee“ von hier nach Zadar zu fahren. Und viele fahren zum Einkaufen jetzt nach Šibenik, weil da die Supermärkte besser erreichbar sind und bessere Parkmöglichkeiten haben als das überfüllte Split.

Die vielfach bewegte Erde gebiert aus ihrem Inneren so manche vorher verdeckte Besonderheiten. Bei einem Tunnelbau etwas nördlich von Mikula´s Dorf fiel unter Tage ein auffallend weißes Gestein auf. Er musste aus dem Inneren des Berges herausgeschafft werden. Dieser Stein war so blendend weiß, dass er nachts von den Halden gestohlen wurde zum Eigengebrauch.

Somit traf sich die hochaktuelle Gegenwart, das Präsens, wieder einmal mit Strängen der Vergangenheit.  Allerlei Geschichtliches wurde bei den Bauabeiten gefunden. Dort, wo der alte Bahnhof oberhalb des Dorfes und der Weingärten gelegen hatte, fanden sich Gräber.

Dass zwischen dem rein sinnenmäßigem Aufnehmen eines Objekts einerseits und dem positiv ästhetischen Empfinden (das ist eigentlich schön) andererseits eine im Anschauenden existierende Zwischen-Matrix walten muss, gebildet aus den ganzen Faktoren (Herkunft, Geschichte, Erfahrung, Kultur), von denen schon die Rede war, mit der Folge einer entsprechenden Interpretation, so what?

Es ist eine große Grabstelle, ein Friedhof. Die Art der Grabanlagen hat Parallelen z. B. zu Gräbern bei der Burg Èaèvina; und es gibt eine neue Fundstelle hinter Trilj auf der Straße nach Livno. Dort waren die Fundamente einer Basilika gefunden worden, wohl aus dem Spätmittelalter. Das Muster der Gräber um die Fundamente herum war ähnlich. Die Zeit der Entstehung liegt vielleicht im 12. oder 13. Jahrhundert. –

An der obigen Baustelle treiben sich jetzt Archäologen herum, verhalten sich aber unauffällig. Man will nicht, dass diese Fundstellen Aufmerksamkeit erregen. Es werden Plünderungen und unsachgemäße Grabungen befürchtet. - An der obigen Stelle hat man auch große Steinplatten gefunden mit christlichen Mustern nach Art der steèaci  der Bogumilen (siehe Kap. 14 "Stein und Spur"). Und hier oben suchen die Archäologen jetzt auch nach den Fundamenten einer Kirche, zumal der alte überlieferte Name dieses Bereichs auf frühen kirchlichen Besitz hinweist. Entsprechende bauliche Funde wurden aber nicht gemacht.

Nach der Theorie habe die moderne Kunst, so heißt es, neben das eigentliche Kunstobjekt gleichwertig den Vorgang des Schaffens, Anbietens, Zelebrierens gestellt; Kunstwerk und Performance in einem. Zu Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts schon stellte der französische Künstler Duchamp ganz banale Gegenstände (Schneeschieber, Rad eines Fahrrades, Flaschenständer) in die Galerien, ohne sie zu verändern, und bezeichnete sie als Kunst. Dann sagte er, er habe sie einfach in Kaufhäusern erworben. Aber die Auswahl, das sei sein künstlerischer Beitrag.

Nun hatte eine amerikanische Künstlerin behauptet, der oben genannte Duchamp habe seine Exponate doch verändert. Sein Schneeschieber sei gar nicht funktionsfähig, und andere Teile seiner „Werke“ seien in dieser Form damals nicht produziert worden und so nicht erhältlich gewesen. Hat er an den Teilen doch gebastelt? Welche Türen wollte er unseren Gedanken um das „Schöne“ damit aufmachen?

 

Der Philosoph Adorno beschrieb das Schockierende als ein Moment, das in der Lage sei, besinnliche, reflektive Gedankenprozesse auszulösen und etablierte den Schock damit als einen Aspekt der modernen Kunst. Das „Hässliche“ bekommt damit eine aktuelle Legitimation für seinen (nicht neuen) Eingang in die Kunst. Wir, die Konsumenten, können einfach nicht umhin, diesen von Adorno beschriebenen Umstand als bewährten Anteil am gegenwärtigen gehobenen Entertainment im Kunstbetrieb anzuerkennen.

Eine weitere Fundstelle fand sich noch weiter oberhalb des Dorfes. Hier wurden Mauerwerke aus römischer Zeit entdeckt. Hatten die Römer hier eine Villa errichtet? Dass hier etwa Kaiser Diokletian  vor 1700 Jahren auf die Jagd gegangen ist? Am Fußboden des Mauerwerks fanden sich Reste eines Mosaiks. Man konnte eine dekorative figürliche Zuordnung erkennen; Maèak zeigte die typischen Mosaiksteinchen.

Die weitere Entwicklung lässt meine Eindrücke vom dalmatinischen Hinterland immer mehr zur ferneren Erinnerung werden. Wie oft saß ich auf Mikula´s Terrasse und hatte dieses Bild vor Augen, wie ein Stilleben;

 

als Anblick eigentlich ganz gewöhnlich, der mir über die vielen Jahre doch sehr lieb geworden war: Das alte Haus gegenüber, die Aufschrift von Mikula´s Vorfahren mit der Jahreszahl 1845, die reifenden Tomaten inmitten der zum Blühen gebrachten Vegetation, im Vordergrund der Deckel zum Hades, und eben auch ein wenig blaues Plastikmaterial; im Hintergrund links der Gipfel des Mosor, des Hausberges.

Wieviele Gespräche und Diskussionen konnte ich hier miterleben! Lebhaft ist mir noch der Moment im Gedächtnis, als ich mit Milica vor fast zwanzig Jahren zum ersten Mal auf der Terrasse erschien und die baba Ana mir einen Kuss auf die Wange gab und zu den anderen sagte: -Als ob ich ihn selbst geboren hätte. Und Mikula betrachtete mich von oben bis unten, als ob er eine Kuh auf dem Markt kaufen wollte, und sagte: -Nun, ein Stück Mensch.

 

Ich höre noch die lebhaften Rede-Beiträge; ich höre die Anrede der Geschwister untereinander, die sich mit Bruder und Schwester ansprechen, der Eltern, die ihre Kinder mit Sohn und Tochter rufen (nicht wie bei uns mit Vornamen), die Kinder ihre Eltern mit Vater und Mutter (nicht wie bei uns mit Papa und Mama); und der Ernst und die Würde dieser Worte ist mir noch im Sinn; und dabei weht ein ferner, stolzer Klang herüber wie aus alten Balladen.

 

Und es ist an mir, mich bei ihnen allen zu bedanken.

 

Der alte Mikula spricht mit seinen Freunden. Sie sind in der Landwirtschaft tätig; kaum jemand in der dalmatinischen zagora gehört einem herausgehobenen Berufsstand an; sie leben mit ihren Familien von dem, was die Erde hergibt. Doch auch gehobene Berufsstände können hier bei ihrem niedrigen Gehalt nicht auf die eigene Produktion von Lebensmitteln verzichten. Und manche Familien in Split unterhalten selbst Landwirtschaft im Hinterland oder gehen zu den Bauern hier, um billig Nahrungsmittel und Wein einzukaufen. So kommen die Bauern durchaus zu Kontakten mit der Spliter Oberschicht, mit Rechtsanwälten oder Ärzten. Sie produzieren alle Müll. Ihre Diskrepanzen aus der Vergangenheit hindern trotz mancher Schatten nicht, einverständlich und sogar liebevoll miteinander umzugehen.

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Macak sagt: -Ich weiß nicht, was die Europäer von uns erwarten; seit wir eine eigene Republik haben, nörgeln sie an uns herum, und holen hie und da etwas Negatives aus unserer Vergangenheit hervor.

-Ja, sagt Šime, sie verstehen uns nicht. Sie werfen uns und unsere Gegend in einen großen Topf und rühren darin herum; und das nennen sie dann Balkan. -So ist das, sagt Mikula, -wir müssen schon froh sein, wenn sie uns von den Eskimos unterscheiden können. Sie haben doch auch einmal Ähnliches wie wir durchgemacht. Unser jetziges Stadium ist ihre Vergangenheit. Aber diese Erinnerung lieben sie nicht. Doch für uns scheint es notwendig, dass wir uns große Mühe geben.

-So ist es, sagt der junge Ivo, -wir brauchen mehr neue Juristen, gute Juristen, denn die Europäer sind auf eine genaue, manchmal übertriebene Rechtssprechung fixiert. So regeln sie sich untereinander. Und dabei müssen wir auf unseren Vorteil achten.

-Wenn wir können, sagt Mikula, wenn wir als kleines Land können.

Seit 1998 gibt es im Dorf Nikola´s Müll-Container. Jetzt könnten Abfälle endlich regelrecht entsorgt werden, und das geschieht auch schon zum Teil. Die Normen der Entsorgung sind aber noch nicht ganz im Bewusstsein der Bevölkerung verankert. - Und auch manches im Kopf bzw. aus der Vergangenheit, das einer Entsorgung bedürfte, gelangt nicht in diese Behälter.

 

 

Nur sollte gegenüber dieser mitteleuropäischen Beurteilung ein gedanklicher Filter eingebaut werden. Wer kennenden Anteil nimmt an Land und Leuten, ist nicht bereit, die Container bis oben hin zu füllen. Wer liebt, mag schon gelegentlich den Gegenstand seiner Zuneigung ändern, verbessern wollen. Um dann doch festzustellen, dass er ihn schön findet, so wie er ist. Denn dieser Zustand hat die Liebe geweckt.

 

„Was Schönheit sey, weiß ich nit“; - möge der Leser mein erleichtertes Aufatmen hören, dass ich Albrecht Dürer so zitieren kann. Und wen diese Frage beschäftigt und wer nach neuen Ufern strebt, der möge vielleicht in ein anderes Land fahren, wo die Koordinaten der oben genannten Matrix ein wenig in Frage gestellt, vielleicht neu gesetzt werden müssen.

 

Das dalmatinische Hinterland ist eine Region, die um den Anschluss an Mittel- und Westeuropa ringt, unter anderem sicher auch um des Konsums willen. Es ist den Menschen vielleicht nicht so ganz bewusst, an was sie sich da anschließen wollen.

 

Es handelt sich bei den Gegebenheiten dieser Landschaft um ein Zwischenstadium, das die Gefälligkeiten, auch Bedürftigkeiten einer alten, autarken Kultur mit dem Imperativ der invasiven Verbrauchsgesinnung der Industrieländer  gerade noch neckisch zu verbinden weiß. Die ästhetischen Verwerfungen, die daraus entstehen, bewegen sich noch im Bereich des angenehm Kuriosen. Der dominierende Stein bietet unter der Klarheit des Sonnenlichts genügend Raum und Ausdehnung, um die Implantationen des Menschen - nicht nur seine Geschichte, sein Handwerk und Können, sondern vor allem seine achtlos weggeworfenen Residuen - angenehm interpretierbar erscheinen zu lassen. Das Kurzzeit-Historische der aufgepropften Massenkultur mit den Folgen des vordergründig Hässlichen, des Mülls mit seiner Herausforderung, verteilt sich hier in diesem ländlichen Bereich auf genügend Nischen, in denen der Abfall eine eigene Qualität entwickeln kann und gewissermaßen individuell erklärbar erscheint; der Unrat ist für die Bewohner in die eigene Biographie mit ihrem personellen Umfeld einbeziehbar und ihr zugehörig, noch nicht anonym, und damit tolerabel, vielleicht sogar kommunikativ.

 

Die Verantwortlichkeit gegenüber den langsam einsetzenden Folgen des lockeren Umgangs mit den Konsumhülsen ist bis jetzt nicht sicher wahrgenommen und bedarf einer neuen Formulierung.

 

Aber die Erfahrung und Akzeptanz des Unrats in dieser Gegend, seine ästhetische Verarbeitung und vielleicht seine Anerkennung ist nur möglich durch die Teilnahme, die Empathie mit den örtlichen und historischen Gegebenheiten, und mit den Menschen.

 

So stellt sich diese Region dar - ein Gebiet mit einigen reizvollen ästhetischen Eigenheiten, unterhöhlt und reich an  Verwerfungen (nicht nur geologisch),  ein Gebiet, das mit seinen Menschen unsere Sympathie voll in Beschlag genommen hat, - eine Landschaft auch mit Abgründen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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