Steinkleid 2

 Zwiebeln

Eisenbahn Steinkleid

 

 

                                                   Dr. Mario Ciarpaglini

 

                Die Zwiebeln der Großmutter 

 

Wer immer Erinnerungen niederschreibt, zeigt meist die Tendenz, der Epik zu verfallen, und er zwingt sich, in jedem Ereignis seines Lebens nach einer heroischen Seite zu suchen, die sich dazu eignet, dass man selbst für einen interessanten Typ gehalten wird. Ich fühle mich wirklich gepeinigt bei dem Gedanken, dass meine Erinnerungen verbunden sind mit so banalen Episoden wie die, die ich jetzt erzählen will. Vor meinem Auge sehe ich immer meine Großmutter, die Nonna, im Zusammenhang mit ihrer Leidenschaft für Zwiebeln, eine Gattung von Lebensmitteln, die, wohl essbar, immer für unwürdig gehalten wurde, den Tisch unseres Hauses zu zieren, Ausdruck einer rüden Gesinnung, für die es eine schlechte Angewohnheit bedeutet, sie in den Mund zu lassen nach Art der einfachen Leute; weit über allem steht vor meinem inneren Auge die Erinnerung an ihre erdhafte Kraft, die ihre Schalenblätter belebt, weit und voll des Wohls.

Nonna war aus einem anderen Jahrhundert. Wahrhaftig, sie war die Urgroßmutter des Hauses, doch niemals machte sie eine Anspielung auf diesen ehrwürdigen Titel, um nicht an ihre Empfindlichkeit im Zusammenhang mit der vergangenen Anmut eines jungen Mädchens der Umbertinischen Epoche zu rühren. Die Mamma hingegen zählte zum Jahrhundert der Mädchen, die die Veteranen heirateten, die von der Piave zurückkamen, die sich in Selbstmitleid übten nach dem Motto: Leb wohl, Jugend, und die sich in einer Gedankenwelt ohne Skeptizismus und ohne die Fortschritte der Technik bewegten. Aus den genannten Gründen waren die Vorstellungen über die therapeutischen Vorteile der Zwiebel etwas geteilt, und es folgt, dass ich, überaus gehorsamer Sohn und Enkel, als ich stärker an einer Magen-Darm-Affektion litt, die Unausgeglichenheit einer auseinanderstrebenden Verwaltung zu spüren bekam und darüber hinaus gehalten war, am ordentlichen Tisch der Mamma zu sitzen bei Fleischbrühe, Kinderbrei und Malz, oder am halbamtlichen, versteckten Tisch der Nonna mit Schwarzbrot, Zwiebeln und Salz.

Der Hausarzt, der kam, um mich selbst aufzusuchen, tauschte mit meiner Mutter Komplimente zur positiven Entwicklung meiner Verdauungsfunktionen und benützte die Gelegenheit, die vielfältige Theorie der Dosen, die eine schöne Galerie für sich auf dem hohen Regal der Anrichte in der Küche bildeten, zu loben. Ich beobachtete verstohlen die Nonna, und in ihren scharfen schwarzen Augen, verborgen unter den Falten eines außergewöhnlichen Alters, meinte ich ein triumphales Leuchten zu sehen, begleitet soweit möglich von einer Miene des Hohns. Das genügte, um meiner Furcht neue Nahrung zu geben, der Furcht, ganz auf mich allein gestellt zu sein gegenüber der Lüge, die einen so wichtigen, angesehenen und unbeirrbaren Mann wie den Doktor überlisten konnte.

Ich habe fast die Operationen vergessen, der die Nonna mich jedesmal nach der Kur auf der Basis von Zwiebeln unterzog, denn der Kuss der Mamma, wenn sie von der Arbeit nach Hause kam, verriet nicht den offensichtlichen Bruch der medizinisch verordneten Diät. Ich glaube mich nicht zu irren, dass die Nonna mich mit Essig gurgeln ließ, gefolgt von einer üppigen Mundspülung mit lauwarmen Wasser und einem Spritzer Bergamotte. Eine Art der chinesischen Bestrafung, die ich geduldig ertrug als das kleinere Übel, etwa gegenüber dem Fall, dass die Angelegenheit aufgedeckt würde.

Leider bewahrheitete sich die Furcht vor der Entdeckung ungeachtet der Vorsichtsmaßnahmen, die sich die Nonna ausgedacht hatte. Meine Mutter hatte etwas gewittert aufgrund bestimmter Grimassen, die ich, nicht gerade wohlerzogen, andauernd mit aufdringlicher Häufigkeit schnitt am Abend bei Tisch, unbekümmert des ausdrücklichen Verbots, das mir mehrmals im Namen des Anstands erteilt worden war. Wie ein Pferd, dem man das Alter abfragt, musste ich plötzlich den Mund aufsperren, um ihn sozusagen der sensiblen Nase der Mamma darzubieten, damit ein eventueller Betrug aufgedeckt würde. Mein Vater, immer gefragt in Streitfällen, stimmte zu, ohne Ermittlungen angestellt zu haben, was ihm nachher erlaubte, alles zu leugnen im Falle, die Großmutter würde zum Gegenangriff übergehen. Ich erinnere mich, dass die gute Alte es nicht wagte, mir ins Gesicht zu sehen aus Angst, ich könnte sie verraten, und sie neigte die Nase ganz über ihren Teller, wobei sie Worte murmelte, deren Bedeutung nicht einmal ihr selbst bekannt waren.

Alles schien wieder in Ordnung, doch eines Tages brach das Unwetter über uns herein. Wir wussten, dass Mamma nicht vor sieben Uhr abends nach Hause kommen konnte, und deshalb wiegten wir uns bis zu diesem Zeitpunkt bei unseren Schelmenstreichen in Sicherheit. Eines Nachmittags bereitete die Nonna eine schöne Brotsuppe zu unter Zugabe der berüchtigten Zwiebel und anderer Ingredienzien, die mir untersagt waren. Wie immer, das Herz hielt nicht an sich, mich schwermütig einen grauen Brei hinunterschlucken zu sehen, von ihr zubereitet, einen Brei, der zu Übelkeit führte und den ich aus schmerzlicher Gewohnheit verschlang. So holte ich einen Teller, hielt ihn in der Hand und füllte ihn mir aus irgendeiner Gnade Gottes und stellte ihn vor mich hin mit dem fröhlichen Ausdruck dessen, der weiß, dass es wohlgetan ist. Ich war glücklich, und zwischen zwei Löffeln, während eine Schnitte der Zwiebel sich anschickte, zwischen dem Kragen des Hemds und dem Lätzchen boshafterweise einzudringen, betrachtete ich feixend die gerühmten Dosen, von der Rachsucht aktuell befriedigt. Mit einem Mal ließ ein Geräusch die Nonna aufspringen. So schnell wie es ihr die Zeit erlaubte, entriss sie mir den Löffel aus der Hand, nahm den Teller, schüttete alles in den Ausguss, brachte die Schale mit Malz, stellte sie mir unter die Nase und setzte sich vor ihren Teller, wobei sie jetzt die treuherzigste Gleichgültigkeit an den Tag legte. Unheilvollerweise hatte sich die Hälfte dieser Aktionen bereits unter den Augen meiner Mutter abgespielt, die die Szene still und unbeweglich in der Küchentür beobachtete, wobei sie sich schon anschickte, mit Blitzen um sich zu schleudern. Den Mund voll Brot und Zwiebeln, blieb ich erstarrt, die Hände erhoben bei der vergeblichen Verfolgung nach dem, was mir mit solcher Heftigkeit abgenommen worden war, und außerstande, wieder eine normale Haltung einzunehmen, völlig ergriffen von der bevorstehenden Tragödie. Die, wie sich jeder vorstellen kann, dann auch eintrat.

Für eine ziemlich lange Zeit aß ich keine Zwiebeln mehr, und als es sich einmal zufällig ergab, schickte Mamma selbst sich an, mir eine anzubieten, eine kleine, und ein bisschen vertrocknet, um sie so zu essen, mit Brot und Salz, wie ich es so oft getan hatte. Nonna war nicht mehr so oft im Haus; ich glaubte, sie hätten die Messe lesen lassen im Kollegium nach diesem Streich, so stark, dass auch der Papa mit Vorwürfen nicht sparte. Ihr Verschwinden bedeutete für mich, dass Esmeralda kam, eine Frau aus der Nachbarschaft, die sich aus Liebe zu ihrer Stellung treu an die Dosen hielt. Ich war voll Hoffnung, dass die Nonna zurückkehren würde, und sagte mir selbst, dass wir aufhören müssten, uns Suppen nach Hausfrauenart zu kochen. Aber indessen habe ich sie nie mehr wiedergesehen, und, wie ich schon einmal formuliert habe, eines Tages kam Mamma früher als gewöhnlich nach Hause, und jetzt sagte sie mir, dass die Nonna habe abreisen müssen und dass sie, bevor sie gegangen sei, mir ein Geschenk dagelassen habe. Eine getrocknete Zwiebel, die sie aus dem Hause mitgenommen hatte, etliche Zeit vorher, und die sie eifersüchtig gehütet hatte in der Hoffnung, sie mir eines Tages übergeben zu können, eines Tages, wer weiß! Ich hatte Schwarzbrot, ein Messer, und Salz. Doch statt zu essen, brach ich in Tränen aus, ohne recht zu verstehen, warum, und die Tränen tropften auf die Zwiebel der Großmutter.

 

  Aus dem Italienischen übersetzt von Albrecht Preusser